Skandinavien


Über das neue Album Spaceland von Sin Fang

Musikkritik

Auf Sin Fang stieß ich eigentlich erst recht spät. Jedenfalls dachte ich das. 2013 sah ich eine Live-Performance, die der amerikanischen Radiosender KEXP übertrug und als Video und Podcast ins Internet stellte. Sin Fang stand hinter einem Tisch mit unzähligen Kabeln, Keyboards und Knöpfen und zusammen mit einem Musikkollegen erschuf er einen erstaunlich breiten und eingängigen Elektro-Sound über dem seine sanfte, oft zerbrechliche Stimme schwebte, die mir irgendwie bekannt vorkam. Ich fand heraus, dass Sin Fang unter seinem beeindruckenden bürgerlichen Namen Sindri Már Sigfússon bei der Folk-Band Seabear gesungen hatte. Inzwischen war er als Solokünstler unterwegs und hatte zu diesem Zeitpunkt schon drei Alben beim deutschen Label Morr Music veröffentlicht (das erste noch unter dem Namen Sin Fang Bous).

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Über die britische Mini-Serie River 1

Serienkritik

Der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård, bekannt unter anderen aus einigen Lars-von-Trier-Filmen, spielt in der Serie River den gleichnamigen Kommissar River. Seine Kollegin, mit der ihn auch eine Freundschaft verband, wurde erschossen, jetzt sucht er den oder die Mörder. River ist ein Einzelgänger, der sich in der Welt der Lebenden oft verloren fühlt und sich lieber mit den Toten unterhält. Ganz buchstäblich. Er sieht sie nämlich und kann mit ihnen reden – aber es handelt sich nicht um Gespenster, es sind eher Manifestationen, so nennt er es wenigstens selbst, „Hirngespinste“ könnte man auch sagen. Ihr Charakter kann sich verändern, wenn er etwas Neues über sie herausfindet, und sie helfen ihm dabei, Morde aufzuklären. Doch wo hört ein kontrollierter Umgang mit hilfreichen Fantasien auf und wo fängt eine ernsthafte psychische Erkrankung an? Sein Chef meint zum Beispiel: River verhält sich komisch, er hört wahrscheinlich Stimmen, er ist verrückt. Diese Frage stellt River sich auch selbst: Was unterscheidet mich von den vor sich herbrabbelnden Wahnsinnigen in der U-Bahn? Er ist ein aus der Zeit gefallener, immer in perfekten Anzügen gekleideter Dandy, der in einer ebenso perfekt eingerichteten Wohnung lebt. Er liest Bücher und hört Schallplatten. Er ist ein Feingeist. Aber trotzdem: Ist er nicht auch ein Wahnsinniger? Und ist dieser Wahnsinn ein Problem für seine Arbeit als Kommissar?

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Mängel des Alltäglichen. Über Karl Ove Knausgårds ersten Band der Min Kamp-Reihe

Literaturkritik

Karl Ove Knausgård ist angekommen. Viele seiner Äußerungen in der autobiographischen Romanserie Min Kamp drehen sich um das Ziel, Schriftsteller zu werden. Seit einigen Jahren kann er nun tatsächlich als internationale Sensation gelten, vielleicht gar als „wichtigster norwegischer Autor seiner Generation“, wie der Klappentext der deutschen Ausgabe mutmaßt. Doch wie hat er das geschafft? Eine kurze Antwort wäre: Er hat sich selbst ein überlebensgroßes Denkmal gebaut – ein Denkmal, das er nur verdient, weil er so gern in Stein gemeißelt werden möchte. Seine Schöpfung fällt mit der Krönung seiner Schöpfung zusammen. Eine solche Leistung wiederum muss erst einmal vollbracht werden. Balzac hat immer wieder über die magische Kraft des Wollens philosophiert. So manche seiner Figuren zeichnen sich dort durch Ehrgeiz und Disziplin aus, wo vielleicht auch Talent und Originalität geholfen hätten, nur unabkömmlich waren. Aber das macht ja nichts, denn was nützt einem schon die zündendste Idee, das trefflichste sprachliche Bild, wenn es nicht ins Leben tritt, wenn keine Veranlassung durch den eisernen Willen des kreativen Schöpfers stattfindet?

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