Serie


Über Podcasts

Notiz

Wie so oft war ich zu spät dran, als ich vor etwa eineinhalb Jahren begann, regelmäßig Podcasts zu hören. Auch in Deutschland, wo dieses Hörformat noch ein kulturelles Nischendasein führt, gibt es inzwischen unzählige Podcasts: von eigenhändig aufgenommenen Talksendungen bis hin zu professionell produzierten, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanzierten Features. Und natürlich stellen Radiosender ihre Sendungen oft zum Nachhören ins Internet. Analog zum Serientrend sind jedoch auch die amerikanischen Produktionen hierzulande weitverbreitet. So steht momentan etwa S-Town, ein neuer Ableger des berühmten Serial-Podcast aus Chicago, auf den vorderen Rängen der deutschen iTunes-Charts.

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Über Designated Survivor

Serienkritik

Wenn der amerikanische Präsident die Rede zur Lage der Nation, die State of the Union Address, im Kongress hält, und alle Regierungsvertreter und Parlamentarier anwesend sind, muss ein Minister dieser Veranstaltung fern bleiben. Dieser designated survivor soll etwa im Falle eines Anschlages, bei dem die gesamte Regierung zu Tode kommt, die Regierungsgeschäfte übernehmen und Präsident werden. Im Prinzip ist das mehr politische Folklore als Sicherheitsmaßnahme. Eine neue Serie des Senders ABC (in Deutschland auf Netflix zu sehen) nimmt dies nun als Ausgangspunkt: Ein monumentaler Anschlag tötet den amerikanischen Präsidenten, sein Kabinett und alle Mitglieder des Kongresses. Jedenfalls sieht es am Beginn der Serie so aus. Als designated survivor überlebt nur der Minister für Housing and Urban Development Tom Kirkman, gespielt von Kiefer Sutherland. Kirkman gehört keiner der beiden großen politischen Parteien an, er ist ein unabhängiger Fachmann, der zu allem Überfluss am Morgen des Anschlags von seiner bevorstehenden Entlassung erfahren hat.

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Black Mirror und Daniel Kehlmanns Du hättest gehen sollen

Fernsehkritik

Die Dystopie hat einen bemerkenswerten Punkt in der eigenen Gattungsgeschichte erreicht: Sie mag deswegen derzeit so lebendig sein, weil wir sie in unserer Erfahrung, unserem Alltag längst selbst erreicht zu haben meinen. Aus genau diesem Grund müsste sie als Genre aber eigentlich auch überflüssig werden, sich selbst abschaffen. Was nützt es, eine von Screens, Social Media, Big Data oder Totalitarismus und Konsum zerfressene Welt als Zukunftsprojektion anzuschauen, wenn sie doch weniger als Hochrechnung denn als verdichtete Verzerrung des Gegenwärtigen gelten kann?

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Tragikomik von Räuber und Gendarm. Fargos zweite Staffel

Serienkritik

Deutsche Migranten: Dieses Thema eröffnet eine Perspektive, die derzeit – wenn auch in Umkehrung – nicht aktueller, kaum lehrreicher sein könnte. Während hierzulande die chauvinistische Angst vor etwaiger Kriminalität Geflüchteter ihrerseits beängstigende Dimensionen erreicht, erzählt uns die zweite Staffel der Serie Fargo das bis dato unterbelichtete Kapitel der mit deutschem Migrationshintergrund ausgestatteten organisierten Kriminalität in den USA. Angesiedelt gegen Ende der 1970er-Jahre umspannt der Plot eine Krise, in die sich die ehrenwerte Familie Gerhardt teils selbst manövriert hat, die zum anderen Teil aber auch das Ergebnis äußerer Umstände ist. Familienoberhaupt Otto, gewissermaßen der Bismarck seines kleindeutschen Schutzgeldterritoriums, erleidet einen Schlaganfall. In bester Tradition feudaler Erbfolgekonflikte konkurrieren die Söhne untereinander um die Entscheidungshoheit in der anstehenden Auseinandersetzung mit einem anderen Kartell, das diese momentane Kopflosigkeit der Gerhardts ausnutzen möchte. Mittendrin werden die Frauen der Familie zum Zünglein an der Waage. Insbesondere die Interimskanzlerin Floyd Gerhardt (Jean Smart), die resolute Mutter des Clans, nutzt die Gelegenheit, ihr strategisches Geschick unter Beweis zu stellen. Doch eine dabei ausgebrochene Zerrissenheit zwischen familiärer Bindung und emanzipatorischem Kalkül könnte kaum charakteristischer sein für den eigenen Anachronismus, an dem die Gerhardts zugrunde gehen. Ihr Abstieg nämlich, so eine der vielen möglichen Erkenntnisse der Geschichte, entspringt dem mangelnden Gespür für die Zeichen der Zeit, dem Beharren auf einem archaisch geprägten operativen Geschäft, das inmitten des beginnenden Spätkapitalismus einfach nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

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Über die britische Mini-Serie River 1

Serienkritik

Der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård, bekannt unter anderen aus einigen Lars-von-Trier-Filmen, spielt in der Serie River den gleichnamigen Kommissar River. Seine Kollegin, mit der ihn auch eine Freundschaft verband, wurde erschossen, jetzt sucht er den oder die Mörder. River ist ein Einzelgänger, der sich in der Welt der Lebenden oft verloren fühlt und sich lieber mit den Toten unterhält. Ganz buchstäblich. Er sieht sie nämlich und kann mit ihnen reden – aber es handelt sich nicht um Gespenster, es sind eher Manifestationen, so nennt er es wenigstens selbst, „Hirngespinste“ könnte man auch sagen. Ihr Charakter kann sich verändern, wenn er etwas Neues über sie herausfindet, und sie helfen ihm dabei, Morde aufzuklären. Doch wo hört ein kontrollierter Umgang mit hilfreichen Fantasien auf und wo fängt eine ernsthafte psychische Erkrankung an? Sein Chef meint zum Beispiel: River verhält sich komisch, er hört wahrscheinlich Stimmen, er ist verrückt. Diese Frage stellt River sich auch selbst: Was unterscheidet mich von den vor sich herbrabbelnden Wahnsinnigen in der U-Bahn? Er ist ein aus der Zeit gefallener, immer in perfekten Anzügen gekleideter Dandy, der in einer ebenso perfekt eingerichteten Wohnung lebt. Er liest Bücher und hört Schallplatten. Er ist ein Feingeist. Aber trotzdem: Ist er nicht auch ein Wahnsinniger? Und ist dieser Wahnsinn ein Problem für seine Arbeit als Kommissar?

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# letsbinge. Zur Fresshaltung in Orange is the New Black.

Serienkritik

Die letzten Kalorien des verdauten Weihnachtsbratens sitzen noch fest eingenistet links unter dem Bauchnabel und sträuben sich, wieder von dannen zu gehen. Die Weihnachtszeit ist digestiv noch so nah, da wird man ja wohl noch mit einem religiösen, ja christlichen Amuse Bouche anfangen dürfen? In einer berühmten Szene aus David Finchers Se7en frisst sich ein eh schon viel zu dicklicher Mann wortwörtlich zu Tode. Jeder kennt die Szene, auch diejenigen, die wie ich zu viel Schiss haben, den kompletten Film zu schauen (Gott sei Dank, ist ,Schiss‘ keine der sieben Todsünden). Vor allem in und nach der Weihnachtszeit fühlt man noch mehr Empathie mit dem armen Mann und empfindet den qualvoll deliziösen Tod, den er erleidet, am 24., 25., 26. und vielleicht sogar an den darauffolgenden Tagen allzu realistisch nach.

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Politik und Ideologie bei House of Cards

Serienkritik

Im Mittelpunkt der Netflix-Serie House of Cards steht der amerikanische Politiker Frank Underwood, der es im Laufe der bisher drei Staffeln bis zum Amt des Präsidenten schafft. Gespielt wird Underwood von Kevin Spacey, der für seine Darstellung weithin gelobt wird und bereits einen Golden Globe erhielt. House of Cards zeigt eine entideologisierte Politiklandschaft, die ausschließlich auf Machtfragen reduziert ist. Underwood geht buchstäblich über Leichen, um seine Ziele zu erreichen. Er ist zwar Mitglied der Demokratischen Partei und immer wieder in Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner, also den Republikanern, verwickelt, doch geht es bei diesen Kämpfen so gut wie nie um Sachdiskussionen oder politische Richtungsentscheidungen, sondern ausschließlich um simple Machtfragen.

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