Roman


Das Verschwinden des Verschwundenen: Christian Krachts neuer Roman Die Toten 1

Buchkritik

Eigentlich ist es verwunderlich, dass Christian Krachts Bücher heiß erwartete Bestseller geworden sind. Ein bekannter Schriftsteller ist Kracht zwar schon seit seinem Debüt Faserland von 1995, das ihn zum führenden Kopf einer nicht immer ernst genommen deutschsprachigen Popliteratur machte. Inzwischen wird Kracht aber auch in der Wissenschaft breit rezipiert und die Veröffentlichung eines neuen Romans ist ein literarisches Ereignis ersten Ranges, vom Feuilleton breit besprochen und gelobt.

Natürlich hat Krachts Erfolg auch mit seiner unterhaltsamen und auf vielen Ebenen gebrochenen Selbstinszenierung zu tun. Eine Episode aus einer Geschichte, die im Band New Wave veröffentlicht wurde, zeigt diese Inszenierung sehr schön: Der Kracht im Text trifft in Kairo den Schriftstellerkollegen Thomas Brussig und zwischen den beiden entspannt sich ein diffuser Dialog, der mit der indirekt wiedergegeben Feststellung Brussigs endet: „Das würde ja auch keiner von Ihnen erwarten, ein Christian Kracht, der nicht betrunken ist. Das gehöre ja sozusagen dazu, das Toxologische.“ Kracht darauf: „Oh Gott. Darauf ein Prozac genommen.“

(more…)


Über Tom McCarthys Satin Island, Deakin und Animal Collective

Buch- und Musikkritik

Manchmal fallen einem zufällig die seltsamsten Verbindungen, Verwandtschaften und Ähnlichkeiten auf. Eine Koinzidenz zwischen zwei oder mehreren eigentlich nicht in Verbindung stehenden Ereignissen oder Dingen. Vielleicht taucht diese Verknüpfung nur kurz auf, gewinnt plötzlich eine Bedeutung, die kurz darauf schon wieder verschüttet wird, wenn man sie nicht festhält und aufschreibt. Verwandtschaften zwischen scheinbar völlig getrennten Phänomenen spürt auch der Held in Tom McCartneys neuem Rom Satin Island nach. Er wird U. genannt und ist als Anthropologe in einer nur als „Company“ bezeichneten Firma tätig, bei der es sich im weitesten Sinne um eine Art postmoderne Kommunikationsagentur handelt. Arbeit im traditionellen Sinne wird dort nicht verrichtet, sondern eher Ideen gesammelt und Konzepte erstellt – auch ohne direkten Kundenauftrag. So soll U. einen „Great Report“ erstellen, in dem er – wie sein Chef Peyman es imaginiert – die zeitgenössische Gesellschaft beschreibt und auf einen Nenner bringt: „What I want you to do, he said, is name what’s taking place right now.“

(more…)


Kehrt die Popliteratur zurück?

Die Gegenwart als Thema in der deutschsprachigen Literatur

Ein alter Bekannter steht mal wieder ganz oben auf den Bestseller-Listen: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie Panikherz, die natürlich keine wirkliche Biographie ist, sondern eher ein Bekenntnisbuch, eine Selbsterkundung, eine Bestandsaufnahme Deutschlands der letzten zwanzig Jahre, ein Ich-Roman anhand der Helden des Pop. Oder so. In den ausgehenden 90er Jahren war Stuckrad-Barre zusammen mit Christian Kracht der bekannteste Vertreter einer Literaturgattung (dass es sich überhaupt um Literatur handelte, bestritten manche allerdings), die Popliteratur genannt wurde. Natürlich gab es das auch schon vorher – allerdings nicht ganz so sexy, nervig und kommerziell erfolgreich wie Stuckrad-Barres erster Roman Soloalbum, der natürlich ebenfalls kein echter Roman war, sondern: siehe oben. Rainald Goetz hatte sich schon über zehn Jahre zuvor seine Stirn beim Bachmannpreis aufgeritzt, Joachim Lottmann schon Mitte der 80er Jahre von der Bohème in West-Berlin und Köln erzählt, Rolf-Dieter Brinkmann sogar schon in den 60ern popliterarische Verfahren aus der amerikanischen Literatur antizipiert. Nicht zu vergessen die Großen der englischsprachigen Literatur. Bret Easton Ellis, ohne dessen Roman Less Than Zero sicher kein Faserland hätte entstehen können – und später und weniger ambitioniert, Nick Hornby, der mit High Fidelity im Prinzip die Blaupause für Soloalbum geliefert hat.

(more…)


„Something would happen“ – Chimamanda Ngozi Adichies Purple Hibiscus

Buchkritik

Chimamanda Ngozi Adichie ist längst kein unbekannter Name mehr. Erst 38 Jahre alt hat sie schon drei preisgekrönte Romane und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht und gilt zu Recht als die moderne weibliche Stimme Nigerias, die oft sogar im selben Atemzug mit Chinua Achebe genannt wird. So beginnt auch ihr Debütroman Purple Hibiscus (2004) mit einer Anspielung auf Achebes wohl bekanntesten Roman: „Things started to fall apart at home when my brother, Jaja, did not go to communion“. Der erste Satz gibt auch schon all das wieder, wovon der Roman handeln wird, denn er endet mit: „and Papa flung his heavy missal across the room and broke the figurines on the étagère“. Die Familie im Zentrum des Romans steht im Bannkreis eines streng religiösen Vaters, der andächtige Stille im Haus verlangt und seine Familie in jeder ihrer Tätigkeiten kontrolliert. Bei jedem Verstoß fügt er seinen zwei Kindern und seiner Frau Gewalt zu. Sinnbildlich wirft er also das Messbuch nach seinem Sohn. Sein obsessives Verlangen danach, ein strenger Christ zu sein, wird seine Familie im Laufe des Romans zerfressen und schließlich zu seinem eigenen Verfall führen.

(more…)


Zeiten der Wirren. Romane von Gaito Gasdanow, Boris Sawinkow und Michail Ossorgin über Russland im frühen 20. Jahrhundert

Buchkritik

Nehmen wir beispielsweise den Roman mit Kokain von 1936. Vor knapp vier Jahren erschien M. Agejews Imagination über eine um die Revolutionszeit dekadent florierende Moskauer Jugend in neuer Übertragung auf Deutsch. Als typischem Vertreter dieser Phase kommt darin eine bestimmte Einstellung zwischen Nihilismus und Spiritualität, zwischen Rausch und meditativer Stimmung zum Ausdruck, stets mit Blick auf neuartige, moderne, verhängnisvolle Symbiosen aus Zerstörung und säkularem Messianismus. All das erhält vor dem Hintergrund der singulären und doch kontaktstarken russischen Geschichte und Kulturtradition mit dem Sozialcharakter des avantgardistischen Gymnasiasten seinen eigenen Geist, eine eigene Sprache. Die Zugänglichkeit des Romans von Agejew beweist: Dort, wo große Namen wie Bulgakow oder Nabokov regieren, wird auch von den im Westen weniger bekannten Autoren mitgehalten. Ganze Schatzkammern scheinen zu schlummern in den Schriftkatalogen jener, die noch unter den Romanows geboren und aufgewachsen sind und für die schließlich mit Lenin und Stalin eine Krise begann, die im Zuge ihrer biographischen Deterritorialisierung auch so manchen Bruch ins Schreiben einfließen ließ.

(more…)


Ein Student der Literaturwissenschaft. Kress von Aljoscha Brell

Buchkritik

Er heiße Kress, das genügt ja eigentlich. Wie alle großen Denker der Weltgeschichte gibt es ihn auch ohne Vornamen. Im Mittelpunkt seines Lebens steht Goethe, und der macht sich schließlich ebenfalls vorzüglich ohne das überflüssige, umständliche Johann Wolfgang. Kress kann keine Computer bedienen, er pflegt klösterliche Distanz zu weltlichen Genüssen und steht mit seiner Aversion gegen alles, was nicht Geist ist, eher auf der passiven Beobachtertribüne des aufkochenden 2010er Berlin. Nun haben klassischerweise gerade die Exzentriker entscheidenden Anteil an der Attraktion, die die Hauptstadt auf viele Zugezogene ausübt. Doch wenn wir in literarischen Texten all den verqueren und eigenen, dadurch auch anziehenden Gestalten begegnen, geben sie nicht selten preis, dass das Exzentrische in Wahrheit eine recht melancholische Schicht geheimer Wünsche nach Normalität verkleidet. Während der ersten Hälfte von Aljoscha Brells Kress meint man, auch die Titelfigur könnte von seiner komfortablen Umlaufbahn aus plötzlich den Bildungspfad in die Mitte der Gesellschaft suchen – eine Gesinnung, die vom Wilhelm Meister bis ins heutige Kino und Bahnhofstaschenbuch einen roten Faden hinterlässt. Umso härter wird dann zugeschlagen. Was Kress so besonders macht, ist der konsequente, tückische Abgang in eine stockfinstere Persönlichkeit.

(more…)


Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Nominalisierungsneurosen bei Clemens J. Setz

Literaturkritik

„Folgen Sie diesem Heißluftballon!“ Was mit einem solchen Satz beginnt, kann kein schlechter Text sein. In der Tat ist die Vielzahl an Elementen, die Clemens J. Setz in seinem umfangreichen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre miteinander kombiniert, außerordentlich. Allein dieses erste Bild der Verfolgungsjagd eines Ballons thematisiert einige später noch wichtige Auseinandersetzungen: Technik und Natur, der unerreichbare Fokuspunkt am Horizont, oder die luftigen Aggregatzustände Wind gegen Heißluft, mit denen eine voranschreitende Dissoziation des Materiellen angesprochen wird. Wem das zu abstrakt und allgemein, vielleicht auch zu groß und global ist, hat einen Punkt: Nichts weniger als eine umfassende Reflektion auf Unverfügbarkeiten mittels des seinerseits flüchtigen Instruments hochgradig artifiziellen Sprechens bildet den Sauerstoff, mit dem dieser Roman künstlich beatmet wird.

(more…)


Eine Annährung: Jonathan Franzens Purity

Literaturkritik

Mit Jonathan Franzens Büchern konnte ich früher überhaupt nichts anfangen. So wenig, dass ich sie erst gar nicht gelesen habe. Ich bin tatsächlich erst vor fünf Jahren bei Freedom eingestiegen und nicht mit seinem Roman The Corrections, der ihn 2001 weltweit berühmt machte. Diesen Gestus zum großen Roman, zur allumfassenden Geschichte, die auch noch als Familienchronik daherkommt, vermeintlich konservativ erzählt, fand ich irgendwie abstoßend. Wie vermessen von diesem Amerikaner, wirklich anzunehmen, unsere postmoderne und postkapiatlistische Welt lasse sich noch mit einem traditionellen Roman beschreiben. Ein großer Irrtum. Meinerseits. Ich glaube, nur wenn man Franzens Bücher nicht liest, mag man sie nicht – wahrscheinlich sogar zu recht, denn sie strahlen eine Aura aus, die eigentlich gar nichts mit ihnen zu tun hat.

(more…)


Der runde Mensch. Manu Larcenets Blast

Literaturkritik

Mit Manu Larcenets vierbändigem Comicroman Blast bestätigt sich einmal mehr der hohe Rang belgofranzösischer Serien und Graphic Novels. Marc-Antoine Mathieus Drei Sekunden. Ein Zoom-Spiel oder die Reihe Unter dem Hakenkreuz von Philippe Richelle und Jean-Michel Beuriot sind nur zwei willkürliche Beispiele des vergangenen Jahrzehnts, die diese herausragende Qualität in die Ära nach Tintin und Asterix importiert haben. An ihnen erweist sich eine außerordentliche stilistische und thematische Breite, in der Avantgarde und Experiment genauso viel zählen wie psychologisch fesselnde und historisch lehrreiche Erzählungen. Auf diesem fruchtbaren Boden offener Vielfalt säht und gedeiht auch Blast. Larcenet widmet sich darin einer meditativen Charakterstudie, die den ungewöhnlich geformten Polza Mancini in den Mittelpunkt stellt. Mehr noch: Mancini bildet mit seinen exorbitanten, buddha-artigen Proportionen ein Gravitationszentrum, das dem eckigen Bildbereich der einzelnen Panels mit kurvigem Schwung Paroli zu bieten weiß. Das Verhältnis zur runden Form, zum Kreis und zur Ellipse, beginnt sich bei Lektüre auch rein visuell zu drehen, und untermauert den Malstrom des Hauptcharakters. (more…)


Mängel des Alltäglichen. Über Karl Ove Knausgårds ersten Band der Min Kamp-Reihe

Literaturkritik

Karl Ove Knausgård ist angekommen. Viele seiner Äußerungen in der autobiographischen Romanserie Min Kamp drehen sich um das Ziel, Schriftsteller zu werden. Seit einigen Jahren kann er nun tatsächlich als internationale Sensation gelten, vielleicht gar als „wichtigster norwegischer Autor seiner Generation“, wie der Klappentext der deutschen Ausgabe mutmaßt. Doch wie hat er das geschafft? Eine kurze Antwort wäre: Er hat sich selbst ein überlebensgroßes Denkmal gebaut – ein Denkmal, das er nur verdient, weil er so gern in Stein gemeißelt werden möchte. Seine Schöpfung fällt mit der Krönung seiner Schöpfung zusammen. Eine solche Leistung wiederum muss erst einmal vollbracht werden. Balzac hat immer wieder über die magische Kraft des Wollens philosophiert. So manche seiner Figuren zeichnen sich dort durch Ehrgeiz und Disziplin aus, wo vielleicht auch Talent und Originalität geholfen hätten, nur unabkömmlich waren. Aber das macht ja nichts, denn was nützt einem schon die zündendste Idee, das trefflichste sprachliche Bild, wenn es nicht ins Leben tritt, wenn keine Veranlassung durch den eisernen Willen des kreativen Schöpfers stattfindet?

(more…)