Popliteratur


Über Benjamin von Stuckrad-Barre

Rezension

Remix nennt Benjamin von Stuckrad-Barre ja immer seine Textsammlungen, als journalistischen Resterampe könnte man es auch bezeichnen. Sie versammeln seine journalistischen Arbeiten der letzten Jahre. Jetzt kam Teil 3 heraus, mit dem zusätzlichen Titel Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen. Teil 1 las ich damals in der Schule während des Chemie-Unterrichts unter der Bank. Und kam mir dabei ziemlich cool vor. Sonst fällt mir leider wenig Cooles aus meiner Schulzeit ein. Ich besuchte dann eine Stuckrad-Barre Lesung. Meine erste Lesung überhaupt – und es war gar keine Lesung, sondern eigentlich ein Pop-Konzert, er trat ja auch in einem Club auf, wo wir sonst zu Partys gingen. Er spielte laut Musik vom CD-Player ein und führte ein bizarres und ziemlich lustiges Reeanactment einer Alfred-Biolek-Kochsendung vor. Auch schon wieder fast zwanzig Jahre her.

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Kehrt die Popliteratur zurück?

Die Gegenwart als Thema in der deutschsprachigen Literatur

Ein alter Bekannter steht mal wieder ganz oben auf den Bestseller-Listen: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie Panikherz, die natürlich keine wirkliche Biographie ist, sondern eher ein Bekenntnisbuch, eine Selbsterkundung, eine Bestandsaufnahme Deutschlands der letzten zwanzig Jahre, ein Ich-Roman anhand der Helden des Pop. Oder so. In den ausgehenden 90er Jahren war Stuckrad-Barre zusammen mit Christian Kracht der bekannteste Vertreter einer Literaturgattung (dass es sich überhaupt um Literatur handelte, bestritten manche allerdings), die Popliteratur genannt wurde. Natürlich gab es das auch schon vorher – allerdings nicht ganz so sexy, nervig und kommerziell erfolgreich wie Stuckrad-Barres erster Roman Soloalbum, der natürlich ebenfalls kein echter Roman war, sondern: siehe oben. Rainald Goetz hatte sich schon über zehn Jahre zuvor seine Stirn beim Bachmannpreis aufgeritzt, Joachim Lottmann schon Mitte der 80er Jahre von der Bohème in West-Berlin und Köln erzählt, Rolf-Dieter Brinkmann sogar schon in den 60ern popliterarische Verfahren aus der amerikanischen Literatur antizipiert. Nicht zu vergessen die Großen der englischsprachigen Literatur. Bret Easton Ellis, ohne dessen Roman Less Than Zero sicher kein Faserland hätte entstehen können – und später und weniger ambitioniert, Nick Hornby, der mit High Fidelity im Prinzip die Blaupause für Soloalbum geliefert hat.

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