Pop


Ohrenbetäubene Apathie

Shoegaze am Ende der Geschichte

Ich kann mich nur schemenhaft an die politischen Umwälzungen Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre erinnern. Fernsehbilder flackern auf, von denen ich nicht weiß, ob ich sie wirklich damals gesehen habe oder erst viel später in einer der unzähligen Dokus über den Mauerfall. Immer saßen fröhliche Menschen auf der Berliner Mauer, Feuerwerk im Hintergrund, das breite Gesicht Helmut Kohls. Dass da etwas Wichtiges passierte, war mir auch als Achtjährigem bewusst, verstanden habe ich es natürlich nicht. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der ihr angeschlossenen Systeme machte sich in den westlichen Gesellschaften ein Optimismus breit, der bis zum 11. September 2001 währte. Neue wirtschaftliche Expansionsmöglichkeiten, demokratische Reformen in ehemals autoritären Staaten, die erste Hochphase der Digitalisierung und das Ende eines Krieges, der allerdings nur in Europa kalt geblieben war, kennzeichneten den medialen und gesellschaftlichen Diskurs. Für einen kurzen Augenblick der Geschichte schien sich, jedenfalls aus westlich geprägter Sicht, alles zum Guten zu wenden. Ein Narrativ, das schon damals politisch motiviert war, Konflikte und Kriege gab es natürlich weiterhin, beispielsweise den Irakkrieg 1991.

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Miley Cyrus And Her Dead Petz

Musikkritik

„Man sollte nicht über Musik schreiben, indem man benennt, woran sie einen erinnert, sondern indem man danach schaut, was für Vorstellungen sie weckt, indem man in ihr die Formen von Musik aufspürt, die kommen werden“, schreibt Simon Reynolds im Nachwort seines viel diskutierten Buchs Retromania von 2011. Eine erstaunliche Aussage, denn Reynolds macht über vierhundert Seiten genau das, was er am Ende verdammt: Er benennt Referenzen. Und er ist wahnsinnig gut darin. Er spürt Gespenster vergangener Genres in so gut wie aller im Moment produzierter Musik auf, als Paradebeispiel dienen ihm Vampire Weekend, die freilich wie kaum eine andere Band offen mit ihrem Referenzenkatalog umgeht. Natürlich ist Popmusik-Kritik auf einen Ähnlichkeits- und Erinnerungskatalog angewiesen, um neue Musik zu beschreiben und einzuordnen. Reynolds Grunddiagnose scheint aber trotzdem nicht ganz falsch: Seit Rave zu Beginn der 90er Jahren ist nicht mehr viel Innovatives passiert im Land des Pop. Ausdifferenzierungen der Stile und Genres blieben natürlich nicht aus; und Leuchtturm-Künstler wie Björk produzieren weiter Ungehörtes. Doch solche Schockwirkungen wie sie einst etwa in den 60er Jahren jährlich produziert wurden, blieben aus. Wenn Neues geschaffen wird, dann bezieht sich das auf das Medium (mp3s, iPod etc.) und nicht auf die Musik als Kunstform. Vielleicht ist Reynolds These etwas überzogen, aber zumindest eine Tendenz zum Recycling im zeitgenössischen Pop kann man nicht bestreiten. Gründe dafür gibt es viele, Reynolds listet sie in seinem Buch fein säuberlich auf, aber am Ende läuft es meistens auf das Eine hinaus, wie immer schuld ist das Internet. Und wahrscheinlich stimmt das sogar.

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