Pop


Über das neue Album Spaceland von Sin Fang

Musikkritik

Auf Sin Fang stieß ich eigentlich erst recht spät. Jedenfalls dachte ich das. 2013 sah ich eine Live-Performance, die der amerikanischen Radiosender KEXP übertrug und als Video und Podcast ins Internet stellte. Sin Fang stand hinter einem Tisch mit unzähligen Kabeln, Keyboards und Knöpfen und zusammen mit einem Musikkollegen erschuf er einen erstaunlich breiten und eingängigen Elektro-Sound über dem seine sanfte, oft zerbrechliche Stimme schwebte, die mir irgendwie bekannt vorkam. Ich fand heraus, dass Sin Fang unter seinem beeindruckenden bürgerlichen Namen Sindri Már Sigfússon bei der Folk-Band Seabear gesungen hatte. Inzwischen war er als Solokünstler unterwegs und hatte zu diesem Zeitpunkt schon drei Alben beim deutschen Label Morr Music veröffentlicht (das erste noch unter dem Namen Sin Fang Bous).

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Songs: Von Paul Simon und Bob Dylan über Judee Sill bis Whitney

Musiknotizen

Paul Simon hat just ein neues Album veröffentlicht. Man spürt abermals, dass dem musikalischen Leiter des On and Off-Duos Simon and Garfunkel eines nicht zu attestieren ist: Ambitionslos geblieben zu sein. Mit akribischer Neugierde verfolgt er den einmal eingeschlagenen Weg auf der Suche nach den Variablen und Herangehensweisen ans kosmopolitische, nahezu universelle Liedermachen konsequent weiter, manchmal vielleicht zu verkopft. Angefangen hat es mit seinem Londoner Songbook, das kurz nach der ersten kommerziellen Veröffentlichung mit dem hassgeliebten Partner Art im britischen Sabbatical entstand und bereits einige der späteren Hits enthielt. Ende der sechziger Jahre gesellten sich die bekannten Pophymnen hinzu, deren Kern er anschließend auf Solopfaden in einem kontinuierlichen kreativen Hoch gedeihen ließ, als er massiv mit Instrumentierung, Produktion, Einflüssen, aber auch den typischerweise hauchdünn abseitigen Akkordlegierungen herumprobierte.

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Kehrt die Popliteratur zurück?

Die Gegenwart als Thema in der deutschsprachigen Literatur

Ein alter Bekannter steht mal wieder ganz oben auf den Bestseller-Listen: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie Panikherz, die natürlich keine wirkliche Biographie ist, sondern eher ein Bekenntnisbuch, eine Selbsterkundung, eine Bestandsaufnahme Deutschlands der letzten zwanzig Jahre, ein Ich-Roman anhand der Helden des Pop. Oder so. In den ausgehenden 90er Jahren war Stuckrad-Barre zusammen mit Christian Kracht der bekannteste Vertreter einer Literaturgattung (dass es sich überhaupt um Literatur handelte, bestritten manche allerdings), die Popliteratur genannt wurde. Natürlich gab es das auch schon vorher – allerdings nicht ganz so sexy, nervig und kommerziell erfolgreich wie Stuckrad-Barres erster Roman Soloalbum, der natürlich ebenfalls kein echter Roman war, sondern: siehe oben. Rainald Goetz hatte sich schon über zehn Jahre zuvor seine Stirn beim Bachmannpreis aufgeritzt, Joachim Lottmann schon Mitte der 80er Jahre von der Bohème in West-Berlin und Köln erzählt, Rolf-Dieter Brinkmann sogar schon in den 60ern popliterarische Verfahren aus der amerikanischen Literatur antizipiert. Nicht zu vergessen die Großen der englischsprachigen Literatur. Bret Easton Ellis, ohne dessen Roman Less Than Zero sicher kein Faserland hätte entstehen können – und später und weniger ambitioniert, Nick Hornby, der mit High Fidelity im Prinzip die Blaupause für Soloalbum geliefert hat.

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Die 90er Jahre als Erinnerung. Neue Platten von Radiohead, Sulk und anderen.

Musikkritik

Ich höre eigentlich nur im Badezimmer Radio. Seit Neuestem lade ich mir hin und wieder auch mal einen amerikanischen Podcast runter und höre ihn über mein Smartphone. Aber ist das überhaupt noch Radio? Diese Allzeit-Verfügbarkeit von kulturellen Inhalten (um es mal ökonomisch auszudrücken) kommt mir jedenfalls sehr entgegen. Angefangen hat es natürlich mit amerikanischen Serien, die plötzlich permanent im Internet verfügbar waren – und nicht mehr nur 22.15 Uhr an einem Dienstag auf einem bestimmten Programm gesendet wurden, meist ziemlich schlecht ins Deutsche übersetzt. In den 90er Jahren, als das bei mir so richtig losging mit dem Medienkonsum, musste ich noch meinen Vater bitten, den Videorekorder zu programmieren, damit er mir Alternative Nation, die Indiemusik-Sendung auf MTV, aufnahm, die für mich – als schulpflichtigen Frühaufsteher – zu inkompatiblen Zeiten gesendet wurde. Aber im Badezimmer geht es ja ohnehin nicht darum, neue Musik zu entdecken, sondern nur um Geräuschkulisse. Da tut es das gute alte Radio.

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Über Isolation Berlin und ehrliche Gitarrenmusik

Musikkritik

Wo ist die Ironie hin? Oder hat sie sich nur versteckt? Junge Männer singen wieder mit Inbrunst auf Deutsch von der Liebe, vom Verlassenwerden, von ihrer Familie. Gerade belegte die Band AnnenMayKantereit mit ihrem Debüt-Album Platz 1 der Albumcharts – für diese deutsche Variante des folkigen Pathos-Geschrubbel von Mumford & Sons gibt es anscheinend immer noch einen Markt. Dabei geht es erstaunlich ungebrochen männlich zu, die markante Stimme von Sänger Christopher Annen lässt Herbert Grönemeyer so alt aussehen wie er – nun ja – ist. Mit einem ähnlichen Konzept haben es 2015 auch Wanda ins Rampenlicht geschafft. Die Wiener Band wurde sogar von Rainald Goetz bei seiner Dankesrede für den Büchnerpreis zitiert: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag: für Amore.“ Im Song Bologna folgt auf diese Zeile ein eher fragwürdiges Poser-Gitarrensolo. Der Mann ist wieder Mann, denkt man, heterosexuell-weiß natürlich, schämt sich seiner Glatze nicht und zeigt stolz beim Konzert den freien, selbstverständlich behaarten Oberkörper. Natürlich ist das nicht ernst gemeint. Oder vielleicht doch?

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Nimm mich als Bett

Über deutschsprachige Popmusik, Schlaf und Dissidenz

1 Kafka

Wer schläft nicht gern? Und wer würde morgens nicht gern etwas länger liegenbleiben? Auch Künstler kommen manchmal schlecht aus dem Bett und manche von ihnen nutzen das sogar für ihre Kunst. Die Surrealisten ließen sich von diesem Schattenreich zwischen Wachen und Schlafen inspirieren und Franz Kafka begann zwei seiner bekanntesten Werke mit einem jähen Aufwachen: Im Proceß wird Josef K. direkt aus dem Bett heraus verhaftet, in der Verwandlung erwacht Gregor Samsa „eines Morgens aus unruhigen Träumen“, wie einer der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur heißt, und „fand sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Samsa ist zu spät aufgewacht, wie er sofort feststellt, dabei verlangt sein Beruf als Handelsreisender jeden Morgen schon um vier Uhr aufzustehen. „Dieses frühzeitige Aufstehen macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muss seinen Schlaf haben.“

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Über A Tribe Called Knarf, Sleep und Mark Fisher

Musikkritik

Der Hamburger Musiker Knarf Rellöm gefällt das Verwirrspiel um seinen Namen. Er verwendet seinen eigentlich ziemlich normalen bürgerlichen Namen Frank Möller rückwärts und wandelt ihn Platte um Platte ab, mal heißt er Knarf Rellöm Trinity, mal Ladies Love Knarf Rellöm. Sein letztes Album Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte, das im Herbst 2015 erschien, läuft nun unter A Tribe Called Knarf. Mit Anweisungen für die Einsortierung im Plattenladen treibt er dieses Spiel mit Zuschreibungen noch weiter: Sein wohl bekanntestes Album von 1997 (darauf der kleine Indie-Hit Autobiographie einer Heizung) trägt den Titel Bitte vor R.E.M. einordnen, die neue Platte fordert auf: „Please file under ‚Kapitalistischer Realismus’“. Konnte man den R.E.M.-Titel noch als ironische Distanzierung von einer Indie-Band, die kommerziellen Major-Erfolg hatte, verstehen – und wie das Namens-Verwirrspiel, kapitalistische Verwertungsinteressen unterlief (man findet das Album im Plattenladen nicht da, wo man es vermutet) – scheint nun der Verweis auf den Begriff „Kapitalistischer Realismus“ eher eine Art Schlüssel zum Album zu sein.

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Pop und doch kein Pop – David Bowies Blackstar

Albumkritik

Etwa in der Mitte des zehnminütigen Ungetüms von Lied, das David Bowie kurz vor seinem Tod als erste Single aus seinem neuen, gleichnamigen Album Blackstar auskoppelte, entfaltet der alte Magier noch einmal seinen Zauber. Und es ist seine unvergleichliche Stimme, die uns plötzlich in die siebziger Jahre versetzt, in die Zeit von Ziggy und dem Thin White Duke. Dieser wehmütige Ton, der den zuckenden, düsteren ersten Teil des Lieds plötzlich durchbricht, ausgerechnet mit der Zeile: „Something happend on the day he died.“ Ja, David Bowie konnte hinreißende Pop-Melodien schreiben und sie umso hinreißender singen. Soll man diese unglaublichen Songs aufzählen? Changes, Life on Mars, Heroes, China Girl – die Liste könnte noch lange vorgesetzt werden.

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Anleitung zur Coolness: Fotografien von Anton Corbijn in der c/o Berlin

Ausstellungskritik

Meine erste Begegnung mit Anton Corbijn fand 2007 statt – und zwar in einem Kino. Ich sah mir den Film Control über den früh verstorbenen Joy Division-Sänger Ian Curtis an. Diese erste Kinoarbeit des holländischen Fotografen markiert einen seltsamen Punkt in dessen Karriere. Der Film unternimmt eine merkwürdige Verdopplung der inzwischen ikonischen Ästhetik von Joy Division, die Corbijn als Fotograf der berühmtesten Bilder der Band mitgestaltet hat. Die düstere Schwarz-Weiß-Ästhetik seiner Fotos übertrug den ebenso dunklen Sound der Band auf die visuelle Ebene. Corbijn verfilmte praktisch seine eigenen, historischen Fotografien. Natürlich gibt es noch andere wichtige Einflüsse auf die Ästhetik der Band, die Albumcover von Peter Saville einerseits, aber genauso die corporate identity des Manchester Factory Labels, auf dem die Platten der Band erschienen. Doch Joy Division waren so etwas wie der Anfangspunkt der internationalen Karriere Corbijns – und so sehr er ihre visuelle Ästhetik prägte, so prägte auch die Band den Fotografen Corbijn und seine künstlerische Arbeit. Noch immer zählen sie zu seinen berühmtesten Werken und die ebenfalls ikonischen Bilder von U2 und Depeche Mode schließen daran an.

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Im Zweifel für das Zaudern: Grimes’ Art Angels

Musikkritik

„Die neue Madonna.“ Das behauptet das Zeit-Magazin auf einem Cover, das die kanadische Musikerin Claire Boucher zeigt, die unter dem Namen Grimes im Herbst 2015 ein neues Album veröffentlich hat. Und die Spex verkündete in ihrer inzwischen üblichen postdiskursiven Musikjournalisten-Langeweile: „Grimes – Die neue Pop-Ikone“. Das ist natürlich alles ausgemachter Unsinn, auch wenn die Vorstellung von spießigen Madonna-Fans, die das Grimes-Album Art Angels anhören und sich wahrscheinlich fragen, in welchen Albtraum sie da geraten sind, eigentlich ganz lustig ist. Zwar wurde auch das letzte Album Visions von 2012 weithin gefeiert, überragte das damals irgendwie hippe, aber auch abseitige Genre Witch House, dem man es zuordnete, und erfuhr gerade in der Blogosphäre große Resonanz. Doch Art Angels ist nun sogar im popkritischen Deutschland im journalistischen Mainstream angekommen. Das Zeit-Magazin-Cover verdeutlicht dabei immerhin die zwei Pole, zwischen denen sich Claire Boucher mit Art Angels bewegt: DIY-Indie und Mainstream-Pop. Das sind auch die Bezugsgrößen: 90er-Jahre-Eurotrance, K-Pop, Marylin-Manson-Kitsch, Hip Hop, Dubstep, aber durch die Brille des frickelnden Musik-Nerds. Klingt nicht gerade nach Madonna.

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