Musik


Anleitung zur Coolness: Fotografien von Anton Corbijn in der c/o Berlin

Ausstellungskritik

Meine erste Begegnung mit Anton Corbijn fand 2007 statt – und zwar in einem Kino. Ich sah mir den Film Control über den früh verstorbenen Joy Division-Sänger Ian Curtis an. Diese erste Kinoarbeit des holländischen Fotografen markiert einen seltsamen Punkt in dessen Karriere. Der Film unternimmt eine merkwürdige Verdopplung der inzwischen ikonischen Ästhetik von Joy Division, die Corbijn als Fotograf der berühmtesten Bilder der Band mitgestaltet hat. Die düstere Schwarz-Weiß-Ästhetik seiner Fotos übertrug den ebenso dunklen Sound der Band auf die visuelle Ebene. Corbijn verfilmte praktisch seine eigenen, historischen Fotografien. Natürlich gibt es noch andere wichtige Einflüsse auf die Ästhetik der Band, die Albumcover von Peter Saville einerseits, aber genauso die corporate identity des Manchester Factory Labels, auf dem die Platten der Band erschienen. Doch Joy Division waren so etwas wie der Anfangspunkt der internationalen Karriere Corbijns – und so sehr er ihre visuelle Ästhetik prägte, so prägte auch die Band den Fotografen Corbijn und seine künstlerische Arbeit. Noch immer zählen sie zu seinen berühmtesten Werken und die ebenfalls ikonischen Bilder von U2 und Depeche Mode schließen daran an.

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Im Zweifel für das Zaudern: Grimes’ Art Angels

Musikkritik

„Die neue Madonna.“ Das behauptet das Zeit-Magazin auf einem Cover, das die kanadische Musikerin Claire Boucher zeigt, die unter dem Namen Grimes im Herbst 2015 ein neues Album veröffentlich hat. Und die Spex verkündete in ihrer inzwischen üblichen postdiskursiven Musikjournalisten-Langeweile: „Grimes – Die neue Pop-Ikone“. Das ist natürlich alles ausgemachter Unsinn, auch wenn die Vorstellung von spießigen Madonna-Fans, die das Grimes-Album Art Angels anhören und sich wahrscheinlich fragen, in welchen Albtraum sie da geraten sind, eigentlich ganz lustig ist. Zwar wurde auch das letzte Album Visions von 2012 weithin gefeiert, überragte das damals irgendwie hippe, aber auch abseitige Genre Witch House, dem man es zuordnete, und erfuhr gerade in der Blogosphäre große Resonanz. Doch Art Angels ist nun sogar im popkritischen Deutschland im journalistischen Mainstream angekommen. Das Zeit-Magazin-Cover verdeutlicht dabei immerhin die zwei Pole, zwischen denen sich Claire Boucher mit Art Angels bewegt: DIY-Indie und Mainstream-Pop. Das sind auch die Bezugsgrößen: 90er-Jahre-Eurotrance, K-Pop, Marylin-Manson-Kitsch, Hip Hop, Dubstep, aber durch die Brille des frickelnden Musik-Nerds. Klingt nicht gerade nach Madonna.

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Ohrenbetäubene Apathie

Shoegaze am Ende der Geschichte

Ich kann mich nur schemenhaft an die politischen Umwälzungen Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre erinnern. Fernsehbilder flackern auf, von denen ich nicht weiß, ob ich sie wirklich damals gesehen habe oder erst viel später in einer der unzähligen Dokus über den Mauerfall. Immer saßen fröhliche Menschen auf der Berliner Mauer, Feuerwerk im Hintergrund, das breite Gesicht Helmut Kohls. Dass da etwas Wichtiges passierte, war mir auch als Achtjährigem bewusst, verstanden habe ich es natürlich nicht. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der ihr angeschlossenen Systeme machte sich in den westlichen Gesellschaften ein Optimismus breit, der bis zum 11. September 2001 währte. Neue wirtschaftliche Expansionsmöglichkeiten, demokratische Reformen in ehemals autoritären Staaten, die erste Hochphase der Digitalisierung und das Ende eines Krieges, der allerdings nur in Europa kalt geblieben war, kennzeichneten den medialen und gesellschaftlichen Diskurs. Für einen kurzen Augenblick der Geschichte schien sich, jedenfalls aus westlich geprägter Sicht, alles zum Guten zu wenden. Ein Narrativ, das schon damals politisch motiviert war, Konflikte und Kriege gab es natürlich weiterhin, beispielsweise den Irakkrieg 1991.

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Miley Cyrus And Her Dead Petz

Musikkritik

„Man sollte nicht über Musik schreiben, indem man benennt, woran sie einen erinnert, sondern indem man danach schaut, was für Vorstellungen sie weckt, indem man in ihr die Formen von Musik aufspürt, die kommen werden“, schreibt Simon Reynolds im Nachwort seines viel diskutierten Buchs Retromania von 2011. Eine erstaunliche Aussage, denn Reynolds macht über vierhundert Seiten genau das, was er am Ende verdammt: Er benennt Referenzen. Und er ist wahnsinnig gut darin. Er spürt Gespenster vergangener Genres in so gut wie aller im Moment produzierter Musik auf, als Paradebeispiel dienen ihm Vampire Weekend, die freilich wie kaum eine andere Band offen mit ihrem Referenzenkatalog umgeht. Natürlich ist Popmusik-Kritik auf einen Ähnlichkeits- und Erinnerungskatalog angewiesen, um neue Musik zu beschreiben und einzuordnen. Reynolds Grunddiagnose scheint aber trotzdem nicht ganz falsch: Seit Rave zu Beginn der 90er Jahren ist nicht mehr viel Innovatives passiert im Land des Pop. Ausdifferenzierungen der Stile und Genres blieben natürlich nicht aus; und Leuchtturm-Künstler wie Björk produzieren weiter Ungehörtes. Doch solche Schockwirkungen wie sie einst etwa in den 60er Jahren jährlich produziert wurden, blieben aus. Wenn Neues geschaffen wird, dann bezieht sich das auf das Medium (mp3s, iPod etc.) und nicht auf die Musik als Kunstform. Vielleicht ist Reynolds These etwas überzogen, aber zumindest eine Tendenz zum Recycling im zeitgenössischen Pop kann man nicht bestreiten. Gründe dafür gibt es viele, Reynolds listet sie in seinem Buch fein säuberlich auf, aber am Ende läuft es meistens auf das Eine hinaus, wie immer schuld ist das Internet. Und wahrscheinlich stimmt das sogar.

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