Musik


Über das neue Album Spaceland von Sin Fang

Musikkritik

Auf Sin Fang stieß ich eigentlich erst recht spät. Jedenfalls dachte ich das. 2013 sah ich eine Live-Performance, die der amerikanischen Radiosender KEXP übertrug und als Video und Podcast ins Internet stellte. Sin Fang stand hinter einem Tisch mit unzähligen Kabeln, Keyboards und Knöpfen und zusammen mit einem Musikkollegen erschuf er einen erstaunlich breiten und eingängigen Elektro-Sound über dem seine sanfte, oft zerbrechliche Stimme schwebte, die mir irgendwie bekannt vorkam. Ich fand heraus, dass Sin Fang unter seinem beeindruckenden bürgerlichen Namen Sindri Már Sigfússon bei der Folk-Band Seabear gesungen hatte. Inzwischen war er als Solokünstler unterwegs und hatte zu diesem Zeitpunkt schon drei Alben beim deutschen Label Morr Music veröffentlicht (das erste noch unter dem Namen Sin Fang Bous).

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Über Tom McCarthys Satin Island, Deakin und Animal Collective

Buch- und Musikkritik

Manchmal fallen einem zufällig die seltsamsten Verbindungen, Verwandtschaften und Ähnlichkeiten auf. Eine Koinzidenz zwischen zwei oder mehreren eigentlich nicht in Verbindung stehenden Ereignissen oder Dingen. Vielleicht taucht diese Verknüpfung nur kurz auf, gewinnt plötzlich eine Bedeutung, die kurz darauf schon wieder verschüttet wird, wenn man sie nicht festhält und aufschreibt. Verwandtschaften zwischen scheinbar völlig getrennten Phänomenen spürt auch der Held in Tom McCartneys neuem Rom Satin Island nach. Er wird U. genannt und ist als Anthropologe in einer nur als „Company“ bezeichneten Firma tätig, bei der es sich im weitesten Sinne um eine Art postmoderne Kommunikationsagentur handelt. Arbeit im traditionellen Sinne wird dort nicht verrichtet, sondern eher Ideen gesammelt und Konzepte erstellt – auch ohne direkten Kundenauftrag. So soll U. einen „Great Report“ erstellen, in dem er – wie sein Chef Peyman es imaginiert – die zeitgenössische Gesellschaft beschreibt und auf einen Nenner bringt: „What I want you to do, he said, is name what’s taking place right now.“

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Songs: Von Paul Simon und Bob Dylan über Judee Sill bis Whitney

Musiknotizen

Paul Simon hat just ein neues Album veröffentlicht. Man spürt abermals, dass dem musikalischen Leiter des On and Off-Duos Simon and Garfunkel eines nicht zu attestieren ist: Ambitionslos geblieben zu sein. Mit akribischer Neugierde verfolgt er den einmal eingeschlagenen Weg auf der Suche nach den Variablen und Herangehensweisen ans kosmopolitische, nahezu universelle Liedermachen konsequent weiter, manchmal vielleicht zu verkopft. Angefangen hat es mit seinem Londoner Songbook, das kurz nach der ersten kommerziellen Veröffentlichung mit dem hassgeliebten Partner Art im britischen Sabbatical entstand und bereits einige der späteren Hits enthielt. Ende der sechziger Jahre gesellten sich die bekannten Pophymnen hinzu, deren Kern er anschließend auf Solopfaden in einem kontinuierlichen kreativen Hoch gedeihen ließ, als er massiv mit Instrumentierung, Produktion, Einflüssen, aber auch den typischerweise hauchdünn abseitigen Akkordlegierungen herumprobierte.

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Die 90er Jahre als Erinnerung. Neue Platten von Radiohead, Sulk und anderen.

Musikkritik

Ich höre eigentlich nur im Badezimmer Radio. Seit Neuestem lade ich mir hin und wieder auch mal einen amerikanischen Podcast runter und höre ihn über mein Smartphone. Aber ist das überhaupt noch Radio? Diese Allzeit-Verfügbarkeit von kulturellen Inhalten (um es mal ökonomisch auszudrücken) kommt mir jedenfalls sehr entgegen. Angefangen hat es natürlich mit amerikanischen Serien, die plötzlich permanent im Internet verfügbar waren – und nicht mehr nur 22.15 Uhr an einem Dienstag auf einem bestimmten Programm gesendet wurden, meist ziemlich schlecht ins Deutsche übersetzt. In den 90er Jahren, als das bei mir so richtig losging mit dem Medienkonsum, musste ich noch meinen Vater bitten, den Videorekorder zu programmieren, damit er mir Alternative Nation, die Indiemusik-Sendung auf MTV, aufnahm, die für mich – als schulpflichtigen Frühaufsteher – zu inkompatiblen Zeiten gesendet wurde. Aber im Badezimmer geht es ja ohnehin nicht darum, neue Musik zu entdecken, sondern nur um Geräuschkulisse. Da tut es das gute alte Radio.

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Über Isolation Berlin und ehrliche Gitarrenmusik

Musikkritik

Wo ist die Ironie hin? Oder hat sie sich nur versteckt? Junge Männer singen wieder mit Inbrunst auf Deutsch von der Liebe, vom Verlassenwerden, von ihrer Familie. Gerade belegte die Band AnnenMayKantereit mit ihrem Debüt-Album Platz 1 der Albumcharts – für diese deutsche Variante des folkigen Pathos-Geschrubbel von Mumford & Sons gibt es anscheinend immer noch einen Markt. Dabei geht es erstaunlich ungebrochen männlich zu, die markante Stimme von Sänger Christopher Annen lässt Herbert Grönemeyer so alt aussehen wie er – nun ja – ist. Mit einem ähnlichen Konzept haben es 2015 auch Wanda ins Rampenlicht geschafft. Die Wiener Band wurde sogar von Rainald Goetz bei seiner Dankesrede für den Büchnerpreis zitiert: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag: für Amore.“ Im Song Bologna folgt auf diese Zeile ein eher fragwürdiges Poser-Gitarrensolo. Der Mann ist wieder Mann, denkt man, heterosexuell-weiß natürlich, schämt sich seiner Glatze nicht und zeigt stolz beim Konzert den freien, selbstverständlich behaarten Oberkörper. Natürlich ist das nicht ernst gemeint. Oder vielleicht doch?

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Über Jimmy Fallon

Fernsehkritik

Eigentlich war ich noch zu jung für das Late-Night-Fernsehformat, als die Harald-Schmidt-Show 1995 bei Sat 1 startete. Trotzdem bestach ich meine Eltern so oft es ging, doch wenigstens bis zur ersten Werbepause schauen zu dürfen. So richtig verstanden habe ich die ironische Grundhaltung der Show allerdings nicht. Fand Schmidt seine Gäste wirklich so toll, wie er ständig sagte, obwohl er sich offensichtlich gar nicht für sie interessierte? Und Polenwitze – war das nicht rassistisch? Oder machte er sich damit nicht viel eher über Alltagsrassismus lustig? Diese Uneindeutigkeit wirkte befreiend. Natürlich funktionierte die Harald-Schmidt-Show auch nur deshalb, weil es noch kein Youtube gab und niemand in Deutschland seine amerikanischen Vorbilder kannte, an erster Steller natürlich David Lettermans Late Show. Trotzdem wurde Schmidt vorgeworfen, nur eine schlechte Kopie zu sein. Vielleicht stimmte das sogar, aber wie Benjamin von Stuckrad-Barre, eine Zeitlang Gagschreiber bei Schmidt, in seinem neuen Buch Panikherz schreibt, Letterman hatte man noch nie gesehen, aber das war ohnehin egal, Schmidt fand man halt einfach gut und alle guckten es.

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Nimm mich als Bett

Über deutschsprachige Popmusik, Schlaf und Dissidenz

1 Kafka

Wer schläft nicht gern? Und wer würde morgens nicht gern etwas länger liegenbleiben? Auch Künstler kommen manchmal schlecht aus dem Bett und manche von ihnen nutzen das sogar für ihre Kunst. Die Surrealisten ließen sich von diesem Schattenreich zwischen Wachen und Schlafen inspirieren und Franz Kafka begann zwei seiner bekanntesten Werke mit einem jähen Aufwachen: Im Proceß wird Josef K. direkt aus dem Bett heraus verhaftet, in der Verwandlung erwacht Gregor Samsa „eines Morgens aus unruhigen Träumen“, wie einer der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur heißt, und „fand sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Samsa ist zu spät aufgewacht, wie er sofort feststellt, dabei verlangt sein Beruf als Handelsreisender jeden Morgen schon um vier Uhr aufzustehen. „Dieses frühzeitige Aufstehen macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muss seinen Schlaf haben.“

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Über Geniale Dilletanten in Hamburg

 Ausstellungskritik

Wenn ich in Hamburg bin, einen Nachmittag lang Zeit habe und schlechtes Wetter ist (das Wetter ist so gut wie immer schlecht, wenn ich Hamburg besuche), gehe ich gern ins Museum für Kunst und Gewerbe. Man kann wunderbar durch diesen riesigen Bau direkt am Hauptbahnhof flanieren, es gibt Jugendstilmöbel, islamische Kunst und eine sehr schöne Sammlung von Designgegenständen aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Man kann sich sogar das nachgebaute Arbeitszimmer von Dieter Rams, dem ehemaligen Designer von Braun und großes Vorbild von Apple-Chefgestalter Jonathan Ive, anschauen, genauso wie die berühmte alte Kantine des SPIEGEL, ausgestattet von Verner Panton. Und es gibt immer wieder sehr interessante Sonderausstellungen, die manchmal erstaunlich wenig Besucher anziehen. Aber was gibt es Schöneres als eine leere Ausstellung, bei der man nicht vor jedem Exponat anstehen muss? So auch bei meinem letzten Hamburg-Besuch.

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Über A Tribe Called Knarf, Sleep und Mark Fisher

Musikkritik

Der Hamburger Musiker Knarf Rellöm gefällt das Verwirrspiel um seinen Namen. Er verwendet seinen eigentlich ziemlich normalen bürgerlichen Namen Frank Möller rückwärts und wandelt ihn Platte um Platte ab, mal heißt er Knarf Rellöm Trinity, mal Ladies Love Knarf Rellöm. Sein letztes Album Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte, das im Herbst 2015 erschien, läuft nun unter A Tribe Called Knarf. Mit Anweisungen für die Einsortierung im Plattenladen treibt er dieses Spiel mit Zuschreibungen noch weiter: Sein wohl bekanntestes Album von 1997 (darauf der kleine Indie-Hit Autobiographie einer Heizung) trägt den Titel Bitte vor R.E.M. einordnen, die neue Platte fordert auf: „Please file under ‚Kapitalistischer Realismus’“. Konnte man den R.E.M.-Titel noch als ironische Distanzierung von einer Indie-Band, die kommerziellen Major-Erfolg hatte, verstehen – und wie das Namens-Verwirrspiel, kapitalistische Verwertungsinteressen unterlief (man findet das Album im Plattenladen nicht da, wo man es vermutet) – scheint nun der Verweis auf den Begriff „Kapitalistischer Realismus“ eher eine Art Schlüssel zum Album zu sein.

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Pop und doch kein Pop – David Bowies Blackstar

Albumkritik

Etwa in der Mitte des zehnminütigen Ungetüms von Lied, das David Bowie kurz vor seinem Tod als erste Single aus seinem neuen, gleichnamigen Album Blackstar auskoppelte, entfaltet der alte Magier noch einmal seinen Zauber. Und es ist seine unvergleichliche Stimme, die uns plötzlich in die siebziger Jahre versetzt, in die Zeit von Ziggy und dem Thin White Duke. Dieser wehmütige Ton, der den zuckenden, düsteren ersten Teil des Lieds plötzlich durchbricht, ausgerechnet mit der Zeile: „Something happend on the day he died.“ Ja, David Bowie konnte hinreißende Pop-Melodien schreiben und sie umso hinreißender singen. Soll man diese unglaublichen Songs aufzählen? Changes, Life on Mars, Heroes, China Girl – die Liste könnte noch lange vorgesetzt werden.

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