Moderne


Pierre Menard mit Borges und Cervantes im Austausch 2

Notiz

Vor Kurzem wurde an vielen Stellen auf verschiedene Weise der vierhundertste Todestag von Miguel de Cervantes und William Shakespeare begangen. Beider Autoren Sterben fällt veralteten Lexika zufolge nominell auf dasselbe kalendarische Datum, fand aber doch nicht am selben Tag statt, die Verzögerung der Übernahme des Gregorianischen Kalenders in England ist schuld. Ein solches Vexierspiel von Zeit und Zeichen hätte nicht schlecht in die pikareske Moderne, Postmoderne, wahlweise auch Postpostmoderne gepasst, die Cervantes in seinem farbenfrohen Don Quijote zum Leben erweckte. Wenn ich nun mit etwas Verzögerung auf dieses Ereignis und seine Umstände zu sprechen komme, dann auch mit einem zugleich leicht verfrühten Blick auf einen der vielleicht aspirativsten Cervantes-Exegeten. (Anerkannter Cervantes-Deuter zu sein, gehört übrigens ja eigentlich zum quijotischen Ritterschlag unter Literaturwissenschaftlern, Literaturkritikern und Dichtern gleichermaßen.) Die Rede ist von Pierre Menard, dieser dem berühmten Hidalgo ebenbürtigen Figur aus den verschlungenen Pfaden der Ficciones von Jorge Luis Borges, der wiederum am 14. Juni 1986 gestorben ist. Das dreißigste Jahr seines Todes nähert sich also rapide dem Ende und wird mit Sicherheit ebenfalls seine Erwähnungen finden. Die Zeit des Dazwischen – Cervantes ist schon ein paar Wochen vierhundert Jahre perdu und Borges wartet noch auf die Erinnerungsfeier – sei hier genutzt, um kurz des gelenkigen Dialogs zu gedenken, den Borges mit dem großen spanischen Schriftsteller in seiner Erzählung Pierre Menard, Autor des Quijote unterhält.

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Zeiten der Wirren. Romane von Gaito Gasdanow, Boris Sawinkow und Michail Ossorgin über Russland im frühen 20. Jahrhundert

Buchkritik

Nehmen wir beispielsweise den Roman mit Kokain von 1936. Vor knapp vier Jahren erschien M. Agejews Imagination über eine um die Revolutionszeit dekadent florierende Moskauer Jugend in neuer Übertragung auf Deutsch. Als typischem Vertreter dieser Phase kommt darin eine bestimmte Einstellung zwischen Nihilismus und Spiritualität, zwischen Rausch und meditativer Stimmung zum Ausdruck, stets mit Blick auf neuartige, moderne, verhängnisvolle Symbiosen aus Zerstörung und säkularem Messianismus. All das erhält vor dem Hintergrund der singulären und doch kontaktstarken russischen Geschichte und Kulturtradition mit dem Sozialcharakter des avantgardistischen Gymnasiasten seinen eigenen Geist, eine eigene Sprache. Die Zugänglichkeit des Romans von Agejew beweist: Dort, wo große Namen wie Bulgakow oder Nabokov regieren, wird auch von den im Westen weniger bekannten Autoren mitgehalten. Ganze Schatzkammern scheinen zu schlummern in den Schriftkatalogen jener, die noch unter den Romanows geboren und aufgewachsen sind und für die schließlich mit Lenin und Stalin eine Krise begann, die im Zuge ihrer biographischen Deterritorialisierung auch so manchen Bruch ins Schreiben einfließen ließ.

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