Medien


Über Podcasts

Notiz

Wie so oft war ich zu spät dran, als ich vor etwa eineinhalb Jahren begann, regelmäßig Podcasts zu hören. Auch in Deutschland, wo dieses Hörformat noch ein kulturelles Nischendasein führt, gibt es inzwischen unzählige Podcasts: von eigenhändig aufgenommenen Talksendungen bis hin zu professionell produzierten, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanzierten Features. Und natürlich stellen Radiosender ihre Sendungen oft zum Nachhören ins Internet. Analog zum Serientrend sind jedoch auch die amerikanischen Produktionen hierzulande weitverbreitet. So steht momentan etwa S-Town, ein neuer Ableger des berühmten Serial-Podcast aus Chicago, auf den vorderen Rängen der deutschen iTunes-Charts.

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Über Jimmy Fallon

Fernsehkritik

Eigentlich war ich noch zu jung für das Late-Night-Fernsehformat, als die Harald-Schmidt-Show 1995 bei Sat 1 startete. Trotzdem bestach ich meine Eltern so oft es ging, doch wenigstens bis zur ersten Werbepause schauen zu dürfen. So richtig verstanden habe ich die ironische Grundhaltung der Show allerdings nicht. Fand Schmidt seine Gäste wirklich so toll, wie er ständig sagte, obwohl er sich offensichtlich gar nicht für sie interessierte? Und Polenwitze – war das nicht rassistisch? Oder machte er sich damit nicht viel eher über Alltagsrassismus lustig? Diese Uneindeutigkeit wirkte befreiend. Natürlich funktionierte die Harald-Schmidt-Show auch nur deshalb, weil es noch kein Youtube gab und niemand in Deutschland seine amerikanischen Vorbilder kannte, an erster Steller natürlich David Lettermans Late Show. Trotzdem wurde Schmidt vorgeworfen, nur eine schlechte Kopie zu sein. Vielleicht stimmte das sogar, aber wie Benjamin von Stuckrad-Barre, eine Zeitlang Gagschreiber bei Schmidt, in seinem neuen Buch Panikherz schreibt, Letterman hatte man noch nie gesehen, aber das war ohnehin egal, Schmidt fand man halt einfach gut und alle guckten es.

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Schiffbruch des Theseus. S. von J.J. Abrams und Doug Dorst

Buchkritik

Wer die Bibliotheken dieser Welt frequentiert, bereits benutzte Bücher möglicherweise sogar etwas lieber mag als neue, kennt vielleicht den nagenden Drang, neben der eigentlichen Lektüre auch noch die Spuren früherer Leser zu decodieren. Man ärgert sich über befleckte oder eingerissene Seiten, amüsiert sich angesichts verquerer Bemerkungen in schwer zu entziffernder Handschrift, vergleicht aber nicht ungern die eingetragenen Markierungen – sofern sie nicht zu exzessiv dem Fließtext Konkurrenz bieten – mit den eigenen Einsichten und Beobachtungen. Ganz selten findet man vielleicht auf diese Weise eine mysteriöse Wahlverwandtschaft, einen charakteristischen Bleistiftstrich, der sich wiederholt an genau den Stellen in Szene setzt, die auch für einen selbst von Bedeutung sind. Wer steckt hinter diesen klugen Bemerkungen, mag man sich fragen, und lässt die Gedanken schweifen: Vielleicht ist es jemand, der sich noch ganz in der Nähe aufhält, ja möglicherweise gerade jetzt im selben Raum über einem anderen Band brütet. Vielleicht aber auch eine verwandte Seele von früher, aus längst versunkenen Zeiten, die das unbekannte Wesen inzwischen gezeichnet, es schon hinuntergerissen haben. Das Buch indes erinnert diesen Augenblick aus dem früheren Leben, so als wäre er noch gar nicht lange vergangen.

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Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Nominalisierungsneurosen bei Clemens J. Setz

Literaturkritik

„Folgen Sie diesem Heißluftballon!“ Was mit einem solchen Satz beginnt, kann kein schlechter Text sein. In der Tat ist die Vielzahl an Elementen, die Clemens J. Setz in seinem umfangreichen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre miteinander kombiniert, außerordentlich. Allein dieses erste Bild der Verfolgungsjagd eines Ballons thematisiert einige später noch wichtige Auseinandersetzungen: Technik und Natur, der unerreichbare Fokuspunkt am Horizont, oder die luftigen Aggregatzustände Wind gegen Heißluft, mit denen eine voranschreitende Dissoziation des Materiellen angesprochen wird. Wem das zu abstrakt und allgemein, vielleicht auch zu groß und global ist, hat einen Punkt: Nichts weniger als eine umfassende Reflektion auf Unverfügbarkeiten mittels des seinerseits flüchtigen Instruments hochgradig artifiziellen Sprechens bildet den Sauerstoff, mit dem dieser Roman künstlich beatmet wird.

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