Kritik


The End of the Tour. Der besonnene Film über David Foster Wallace

Filmkritik

Die Anliegen der romantischen Künstlernovelle sind ja im Laufe der vergangenen Jahre zu einem gewissen Teil im oscarträchtigen Filmformat des Biopic aufgegangen. Verkommen, möchte man fast sagen, wenn man sich populäre Vertreter des Genres wie Ray oder Walk the Line näher anschaut, deren Struktur bis zur Verwechslung ähnlich das biedere Lied vom gebeutelten Genie aufspielt, ohne sich abseits von hagiographischer Überhöhung um die Frage nach der Kunstfertigkeit Einzelner zu kümmern. Da wirken ob ihrer Vereinzelung und geringen Strahlkraft selbst wichtige Ausnahmen, etwa der Bob Dylan-Impressionismus in I’m not There, kaum salbend.

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Schiffbruch des Theseus. S. von J.J. Abrams und Doug Dorst

Buchkritik

Wer die Bibliotheken dieser Welt frequentiert, bereits benutzte Bücher möglicherweise sogar etwas lieber mag als neue, kennt vielleicht den nagenden Drang, neben der eigentlichen Lektüre auch noch die Spuren früherer Leser zu decodieren. Man ärgert sich über befleckte oder eingerissene Seiten, amüsiert sich angesichts verquerer Bemerkungen in schwer zu entziffernder Handschrift, vergleicht aber nicht ungern die eingetragenen Markierungen – sofern sie nicht zu exzessiv dem Fließtext Konkurrenz bieten – mit den eigenen Einsichten und Beobachtungen. Ganz selten findet man vielleicht auf diese Weise eine mysteriöse Wahlverwandtschaft, einen charakteristischen Bleistiftstrich, der sich wiederholt an genau den Stellen in Szene setzt, die auch für einen selbst von Bedeutung sind. Wer steckt hinter diesen klugen Bemerkungen, mag man sich fragen, und lässt die Gedanken schweifen: Vielleicht ist es jemand, der sich noch ganz in der Nähe aufhält, ja möglicherweise gerade jetzt im selben Raum über einem anderen Band brütet. Vielleicht aber auch eine verwandte Seele von früher, aus längst versunkenen Zeiten, die das unbekannte Wesen inzwischen gezeichnet, es schon hinuntergerissen haben. Das Buch indes erinnert diesen Augenblick aus dem früheren Leben, so als wäre er noch gar nicht lange vergangen.

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Tragikomik von Räuber und Gendarm. Fargos zweite Staffel

Serienkritik

Deutsche Migranten: Dieses Thema eröffnet eine Perspektive, die derzeit – wenn auch in Umkehrung – nicht aktueller, kaum lehrreicher sein könnte. Während hierzulande die chauvinistische Angst vor etwaiger Kriminalität Geflüchteter ihrerseits beängstigende Dimensionen erreicht, erzählt uns die zweite Staffel der Serie Fargo das bis dato unterbelichtete Kapitel der mit deutschem Migrationshintergrund ausgestatteten organisierten Kriminalität in den USA. Angesiedelt gegen Ende der 1970er-Jahre umspannt der Plot eine Krise, in die sich die ehrenwerte Familie Gerhardt teils selbst manövriert hat, die zum anderen Teil aber auch das Ergebnis äußerer Umstände ist. Familienoberhaupt Otto, gewissermaßen der Bismarck seines kleindeutschen Schutzgeldterritoriums, erleidet einen Schlaganfall. In bester Tradition feudaler Erbfolgekonflikte konkurrieren die Söhne untereinander um die Entscheidungshoheit in der anstehenden Auseinandersetzung mit einem anderen Kartell, das diese momentane Kopflosigkeit der Gerhardts ausnutzen möchte. Mittendrin werden die Frauen der Familie zum Zünglein an der Waage. Insbesondere die Interimskanzlerin Floyd Gerhardt (Jean Smart), die resolute Mutter des Clans, nutzt die Gelegenheit, ihr strategisches Geschick unter Beweis zu stellen. Doch eine dabei ausgebrochene Zerrissenheit zwischen familiärer Bindung und emanzipatorischem Kalkül könnte kaum charakteristischer sein für den eigenen Anachronismus, an dem die Gerhardts zugrunde gehen. Ihr Abstieg nämlich, so eine der vielen möglichen Erkenntnisse der Geschichte, entspringt dem mangelnden Gespür für die Zeichen der Zeit, dem Beharren auf einem archaisch geprägten operativen Geschäft, das inmitten des beginnenden Spätkapitalismus einfach nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

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Über die britische Mini-Serie River 1

Serienkritik

Der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård, bekannt unter anderen aus einigen Lars-von-Trier-Filmen, spielt in der Serie River den gleichnamigen Kommissar River. Seine Kollegin, mit der ihn auch eine Freundschaft verband, wurde erschossen, jetzt sucht er den oder die Mörder. River ist ein Einzelgänger, der sich in der Welt der Lebenden oft verloren fühlt und sich lieber mit den Toten unterhält. Ganz buchstäblich. Er sieht sie nämlich und kann mit ihnen reden – aber es handelt sich nicht um Gespenster, es sind eher Manifestationen, so nennt er es wenigstens selbst, „Hirngespinste“ könnte man auch sagen. Ihr Charakter kann sich verändern, wenn er etwas Neues über sie herausfindet, und sie helfen ihm dabei, Morde aufzuklären. Doch wo hört ein kontrollierter Umgang mit hilfreichen Fantasien auf und wo fängt eine ernsthafte psychische Erkrankung an? Sein Chef meint zum Beispiel: River verhält sich komisch, er hört wahrscheinlich Stimmen, er ist verrückt. Diese Frage stellt River sich auch selbst: Was unterscheidet mich von den vor sich herbrabbelnden Wahnsinnigen in der U-Bahn? Er ist ein aus der Zeit gefallener, immer in perfekten Anzügen gekleideter Dandy, der in einer ebenso perfekt eingerichteten Wohnung lebt. Er liest Bücher und hört Schallplatten. Er ist ein Feingeist. Aber trotzdem: Ist er nicht auch ein Wahnsinniger? Und ist dieser Wahnsinn ein Problem für seine Arbeit als Kommissar?

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Pop und doch kein Pop – David Bowies Blackstar

Albumkritik

Etwa in der Mitte des zehnminütigen Ungetüms von Lied, das David Bowie kurz vor seinem Tod als erste Single aus seinem neuen, gleichnamigen Album Blackstar auskoppelte, entfaltet der alte Magier noch einmal seinen Zauber. Und es ist seine unvergleichliche Stimme, die uns plötzlich in die siebziger Jahre versetzt, in die Zeit von Ziggy und dem Thin White Duke. Dieser wehmütige Ton, der den zuckenden, düsteren ersten Teil des Lieds plötzlich durchbricht, ausgerechnet mit der Zeile: „Something happend on the day he died.“ Ja, David Bowie konnte hinreißende Pop-Melodien schreiben und sie umso hinreißender singen. Soll man diese unglaublichen Songs aufzählen? Changes, Life on Mars, Heroes, China Girl – die Liste könnte noch lange vorgesetzt werden.

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Anleitung zur Coolness: Fotografien von Anton Corbijn in der c/o Berlin

Ausstellungskritik

Meine erste Begegnung mit Anton Corbijn fand 2007 statt – und zwar in einem Kino. Ich sah mir den Film Control über den früh verstorbenen Joy Division-Sänger Ian Curtis an. Diese erste Kinoarbeit des holländischen Fotografen markiert einen seltsamen Punkt in dessen Karriere. Der Film unternimmt eine merkwürdige Verdopplung der inzwischen ikonischen Ästhetik von Joy Division, die Corbijn als Fotograf der berühmtesten Bilder der Band mitgestaltet hat. Die düstere Schwarz-Weiß-Ästhetik seiner Fotos übertrug den ebenso dunklen Sound der Band auf die visuelle Ebene. Corbijn verfilmte praktisch seine eigenen, historischen Fotografien. Natürlich gibt es noch andere wichtige Einflüsse auf die Ästhetik der Band, die Albumcover von Peter Saville einerseits, aber genauso die corporate identity des Manchester Factory Labels, auf dem die Platten der Band erschienen. Doch Joy Division waren so etwas wie der Anfangspunkt der internationalen Karriere Corbijns – und so sehr er ihre visuelle Ästhetik prägte, so prägte auch die Band den Fotografen Corbijn und seine künstlerische Arbeit. Noch immer zählen sie zu seinen berühmtesten Werken und die ebenfalls ikonischen Bilder von U2 und Depeche Mode schließen daran an.

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Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Nominalisierungsneurosen bei Clemens J. Setz

Literaturkritik

„Folgen Sie diesem Heißluftballon!“ Was mit einem solchen Satz beginnt, kann kein schlechter Text sein. In der Tat ist die Vielzahl an Elementen, die Clemens J. Setz in seinem umfangreichen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre miteinander kombiniert, außerordentlich. Allein dieses erste Bild der Verfolgungsjagd eines Ballons thematisiert einige später noch wichtige Auseinandersetzungen: Technik und Natur, der unerreichbare Fokuspunkt am Horizont, oder die luftigen Aggregatzustände Wind gegen Heißluft, mit denen eine voranschreitende Dissoziation des Materiellen angesprochen wird. Wem das zu abstrakt und allgemein, vielleicht auch zu groß und global ist, hat einen Punkt: Nichts weniger als eine umfassende Reflektion auf Unverfügbarkeiten mittels des seinerseits flüchtigen Instruments hochgradig artifiziellen Sprechens bildet den Sauerstoff, mit dem dieser Roman künstlich beatmet wird.

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Eine Annährung: Jonathan Franzens Purity

Literaturkritik

Mit Jonathan Franzens Büchern konnte ich früher überhaupt nichts anfangen. So wenig, dass ich sie erst gar nicht gelesen habe. Ich bin tatsächlich erst vor fünf Jahren bei Freedom eingestiegen und nicht mit seinem Roman The Corrections, der ihn 2001 weltweit berühmt machte. Diesen Gestus zum großen Roman, zur allumfassenden Geschichte, die auch noch als Familienchronik daherkommt, vermeintlich konservativ erzählt, fand ich irgendwie abstoßend. Wie vermessen von diesem Amerikaner, wirklich anzunehmen, unsere postmoderne und postkapiatlistische Welt lasse sich noch mit einem traditionellen Roman beschreiben. Ein großer Irrtum. Meinerseits. Ich glaube, nur wenn man Franzens Bücher nicht liest, mag man sie nicht – wahrscheinlich sogar zu recht, denn sie strahlen eine Aura aus, die eigentlich gar nichts mit ihnen zu tun hat.

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Der runde Mensch. Manu Larcenets Blast

Literaturkritik

Mit Manu Larcenets vierbändigem Comicroman Blast bestätigt sich einmal mehr der hohe Rang belgofranzösischer Serien und Graphic Novels. Marc-Antoine Mathieus Drei Sekunden. Ein Zoom-Spiel oder die Reihe Unter dem Hakenkreuz von Philippe Richelle und Jean-Michel Beuriot sind nur zwei willkürliche Beispiele des vergangenen Jahrzehnts, die diese herausragende Qualität in die Ära nach Tintin und Asterix importiert haben. An ihnen erweist sich eine außerordentliche stilistische und thematische Breite, in der Avantgarde und Experiment genauso viel zählen wie psychologisch fesselnde und historisch lehrreiche Erzählungen. Auf diesem fruchtbaren Boden offener Vielfalt säht und gedeiht auch Blast. Larcenet widmet sich darin einer meditativen Charakterstudie, die den ungewöhnlich geformten Polza Mancini in den Mittelpunkt stellt. Mehr noch: Mancini bildet mit seinen exorbitanten, buddha-artigen Proportionen ein Gravitationszentrum, das dem eckigen Bildbereich der einzelnen Panels mit kurvigem Schwung Paroli zu bieten weiß. Das Verhältnis zur runden Form, zum Kreis und zur Ellipse, beginnt sich bei Lektüre auch rein visuell zu drehen, und untermauert den Malstrom des Hauptcharakters. (more…)


Im Zweifel für das Zaudern: Grimes’ Art Angels

Musikkritik

„Die neue Madonna.“ Das behauptet das Zeit-Magazin auf einem Cover, das die kanadische Musikerin Claire Boucher zeigt, die unter dem Namen Grimes im Herbst 2015 ein neues Album veröffentlich hat. Und die Spex verkündete in ihrer inzwischen üblichen postdiskursiven Musikjournalisten-Langeweile: „Grimes – Die neue Pop-Ikone“. Das ist natürlich alles ausgemachter Unsinn, auch wenn die Vorstellung von spießigen Madonna-Fans, die das Grimes-Album Art Angels anhören und sich wahrscheinlich fragen, in welchen Albtraum sie da geraten sind, eigentlich ganz lustig ist. Zwar wurde auch das letzte Album Visions von 2012 weithin gefeiert, überragte das damals irgendwie hippe, aber auch abseitige Genre Witch House, dem man es zuordnete, und erfuhr gerade in der Blogosphäre große Resonanz. Doch Art Angels ist nun sogar im popkritischen Deutschland im journalistischen Mainstream angekommen. Das Zeit-Magazin-Cover verdeutlicht dabei immerhin die zwei Pole, zwischen denen sich Claire Boucher mit Art Angels bewegt: DIY-Indie und Mainstream-Pop. Das sind auch die Bezugsgrößen: 90er-Jahre-Eurotrance, K-Pop, Marylin-Manson-Kitsch, Hip Hop, Dubstep, aber durch die Brille des frickelnden Musik-Nerds. Klingt nicht gerade nach Madonna.

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