Kritik


Black Mirror und Daniel Kehlmanns Du hättest gehen sollen

Fernsehkritik

Die Dystopie hat einen bemerkenswerten Punkt in der eigenen Gattungsgeschichte erreicht: Sie mag deswegen derzeit so lebendig sein, weil wir sie in unserer Erfahrung, unserem Alltag längst selbst erreicht zu haben meinen. Aus genau diesem Grund müsste sie als Genre aber eigentlich auch überflüssig werden, sich selbst abschaffen. Was nützt es, eine von Screens, Social Media, Big Data oder Totalitarismus und Konsum zerfressene Welt als Zukunftsprojektion anzuschauen, wenn sie doch weniger als Hochrechnung denn als verdichtete Verzerrung des Gegenwärtigen gelten kann?

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Das Verschwinden des Verschwundenen: Christian Krachts neuer Roman Die Toten 1

Buchkritik

Eigentlich ist es verwunderlich, dass Christian Krachts Bücher heiß erwartete Bestseller geworden sind. Ein bekannter Schriftsteller ist Kracht zwar schon seit seinem Debüt Faserland von 1995, das ihn zum führenden Kopf einer nicht immer ernst genommen deutschsprachigen Popliteratur machte. Inzwischen wird Kracht aber auch in der Wissenschaft breit rezipiert und die Veröffentlichung eines neuen Romans ist ein literarisches Ereignis ersten Ranges, vom Feuilleton breit besprochen und gelobt.

Natürlich hat Krachts Erfolg auch mit seiner unterhaltsamen und auf vielen Ebenen gebrochenen Selbstinszenierung zu tun. Eine Episode aus einer Geschichte, die im Band New Wave veröffentlicht wurde, zeigt diese Inszenierung sehr schön: Der Kracht im Text trifft in Kairo den Schriftstellerkollegen Thomas Brussig und zwischen den beiden entspannt sich ein diffuser Dialog, der mit der indirekt wiedergegeben Feststellung Brussigs endet: „Das würde ja auch keiner von Ihnen erwarten, ein Christian Kracht, der nicht betrunken ist. Das gehöre ja sozusagen dazu, das Toxologische.“ Kracht darauf: „Oh Gott. Darauf ein Prozac genommen.“

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„What else have you been hiding?” Celest Ngs Everything I never told you

Buchkritik

In Celeste Ngs Everything I never told you ist die Familie ein physikalisches Phänomen. Wie sie funktioniert, sich verändert und welche Dinge immer gleichbleiben, scheint auf physikalischen Gesetzen zu beruhen – schlichte Gegebenheiten, mit denen man sich anzufreunden hat.

Lydia, die älteste Tochter der amerikanisch-asiatischen Familie Lee, ist das „reluctant center“ innerhalb dieser Konstellation. Ihre Aufgabe ist es, die Welt ihrer Familie in Balance zu halten: „[…] she held the world together. She absorbed her parents‘ dreams, quieting the reluctance that bubbled up within.“ Der Vater wünscht sich, dass sie beliebt ist, weil er es – als Sohn von chinesischen Immigranten – nie sein konnte; die Mutter erhofft sich eine Karriere als Ärztin von ihrer Tochter, weil ihr es als Frau in den 1950ern und den 1960ern nicht gelang. Mit beiden Ansprüchen hat Lydia zu kämpfen. Sie ist nicht beliebt, spielt ihrem Vater jedoch Telefonanrufe von all ihren angeblichen Freundinnen vor; sie hat keine Leidenschaft für Naturwissenschaft, lernt aber dennoch intensiv, um ihre Mutter nicht zu enttäuschen. Von dem vorgespielten Leben ihrer Tochter wissen ihre Eltern nichts und werden es auch erst sehr spät erfahren.

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Jonathan Littell erzählt eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu

Buchkritik

Vor ziemlich genau zehn Jahren veröffentlichte der französisch-amerikanische Journalist Jonathan Littell ein Buch namens Les Bienveillantes. Der Titel entspricht dem französischen Namen des dritten Teils von Aischylos’ Orestie, den Eumeniden. In Deutschland erschien der Text unter der dahingehend gängigen Übersetzung Die Wohlgesinnten. Littell gelang es darin, in Umfang und enzyklopädischer Tragweite der großen Romane des 19. Jahrhunderts eine Autobiographie von Täterschaft durch die Perspektive eines SS-Offiziers während des Zweiten Weltkriegs auszubreiten. Wie in der antiken Referenz stellt die Konfrontation von mythischer Imagination mit dem Pragmatismus eines allzu menschlichen Bürokratie- und Rechtsapparates eine durchgehende Verhandlungslinie des Buches dar, das sich mit seinem kontroversen Thema schließlich selbst vor dem Areopag der Literaturkritik wiederfand.

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Dieses ozeanische Gefühl. Jeff Lemires Underwater Welder

Buchkritik

Auf den ersten Seiten gibt es das programmatische Setup. In vier Panels, direkt untereinander, wird uns zunächst ein Leuchtturm im Gewitter gezeigt, darunter ein bärtiges Gesicht im Profil mit einer frischen Zigarette im Mund. Noch einen Schritt tiefer blickt man in die Augen des Gesichts, zurückgeworfen vom Spiegel der Frontscheibe eines Autos. Schließlich sieht man eine Hand am Radio, auf der Suche nach Musik. Danach bietet eine ganze Seite Platz für das Panorama (man muss vorher umblättern): Leuchtturm, Bootstege, Hafenhäuser an der Hafenpromenade und ein dazugehöriger Strandabschnitt, von den wilden Wellen umspielt, in die ein stürmischer Regen hinabfällt. Am Rand der Wagen mit dem Mann mit der Zigarette, mit dem Gesicht, mit der Hand am Radio. Daraufhin wieder drei Seiten mit jeweils vier Ausschnitten. Wir sehen, wie das Radio ausgeschaltet wird, die Kippe sich dem Ende neigt, später weicht sie in der Profilansicht einem Bier. Kein Zweifel, dass das nasse Element in all seinen Formen vom Neopren der inzwischen gezeigten Taucherausrüstung abgewehrt wird: Von oben das Wetter, von der Seite die See, doch von außen nach innen der Alkohol, der ein Begehren darstellt, welches durch die Rüstung des Tauchers abgeschirmt ist. Die Taucherflossen sind bald angelegt, die Brille aufgesetzt. Dahinter sehen wir noch einmal das Gesicht, es lässt neben den turbulenten Pupillen aus Bleistiftringen allenfalls noch ein paar Tropfen auf der Haut erkennen, unsicher darüber, ob sie nun Regen, Schweiß oder Tränen darstellen. Auf der nächsten Seite endlich watet die Gestalt in vier Schritten hinab in die See. Wir zoomen heran, näher, näher, nah, bis nur noch der Strudel zu erkennen ist, über dem eben noch ein Mensch, dann nur sein Kopf zu sehen war. Das Wasser als feindseliges Habitat und Sehnsuchtsort zugleich – halb zieht es ihn, halb sinkt er hin.

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„Something would happen“ – Chimamanda Ngozi Adichies Purple Hibiscus

Buchkritik

Chimamanda Ngozi Adichie ist längst kein unbekannter Name mehr. Erst 38 Jahre alt hat sie schon drei preisgekrönte Romane und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht und gilt zu Recht als die moderne weibliche Stimme Nigerias, die oft sogar im selben Atemzug mit Chinua Achebe genannt wird. So beginnt auch ihr Debütroman Purple Hibiscus (2004) mit einer Anspielung auf Achebes wohl bekanntesten Roman: „Things started to fall apart at home when my brother, Jaja, did not go to communion“. Der erste Satz gibt auch schon all das wieder, wovon der Roman handeln wird, denn er endet mit: „and Papa flung his heavy missal across the room and broke the figurines on the étagère“. Die Familie im Zentrum des Romans steht im Bannkreis eines streng religiösen Vaters, der andächtige Stille im Haus verlangt und seine Familie in jeder ihrer Tätigkeiten kontrolliert. Bei jedem Verstoß fügt er seinen zwei Kindern und seiner Frau Gewalt zu. Sinnbildlich wirft er also das Messbuch nach seinem Sohn. Sein obsessives Verlangen danach, ein strenger Christ zu sein, wird seine Familie im Laufe des Romans zerfressen und schließlich zu seinem eigenen Verfall führen.

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Vergiftete Stachel der postindustriellen Gemeinschaft: Sphex von Bruce Bégout

Buchkritik

Bei E.T.A. Hoffmann heißen sie Fantasie– oder Nachtstücke, woanders später Scary Stories oder Seltsame Geschichten, bei Roald Dahl waren es schließlich Tales of the Unexpected. Die beliebte US-Serie Twillight Zone presste in den späten fünfziger und sechziger Jahren das Genre wahlweise gemeiner oder unheimlicher, immer aber pointierter und anspannender Kurzerzählungen kurzweilig aus. Die Gegebenheiten des Kalten Krieges stellten dabei häufig den Rahmen der doppelbödigen Fantasien dar. Unvergessen etwa das kleine Stück TV-Geschichte Time Enough at Last, in dem ein notorisch lesesüchtiger Biedermann erst nach der atomaren Auslöschung der restlichen Menschheit die nötige Zeit und Ruhe findet, sein Leben gänzlich den glücklicherweise erhaltenen Schätzen einer öffentlichen Bibliothek zu widmen – nur um beim Sortieren der labenden Bücherstapel die dringend benötigte Lesebrille fallen und zu Bruch gehen zu lassen. Aus der Traum, im wahrsten Sinne des Wortes. Kürzlich setzte die britische Reihe Black Mirror mit angepassten Vorzeichen und hohem Produktionsaufwand diese Tradition des zynischen Eskapismus in die Untertunnelung der eigenen Erfahrungswelt auf formidable Art und Weise fort.

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Über Isolation Berlin und ehrliche Gitarrenmusik

Musikkritik

Wo ist die Ironie hin? Oder hat sie sich nur versteckt? Junge Männer singen wieder mit Inbrunst auf Deutsch von der Liebe, vom Verlassenwerden, von ihrer Familie. Gerade belegte die Band AnnenMayKantereit mit ihrem Debüt-Album Platz 1 der Albumcharts – für diese deutsche Variante des folkigen Pathos-Geschrubbel von Mumford & Sons gibt es anscheinend immer noch einen Markt. Dabei geht es erstaunlich ungebrochen männlich zu, die markante Stimme von Sänger Christopher Annen lässt Herbert Grönemeyer so alt aussehen wie er – nun ja – ist. Mit einem ähnlichen Konzept haben es 2015 auch Wanda ins Rampenlicht geschafft. Die Wiener Band wurde sogar von Rainald Goetz bei seiner Dankesrede für den Büchnerpreis zitiert: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag: für Amore.“ Im Song Bologna folgt auf diese Zeile ein eher fragwürdiges Poser-Gitarrensolo. Der Mann ist wieder Mann, denkt man, heterosexuell-weiß natürlich, schämt sich seiner Glatze nicht und zeigt stolz beim Konzert den freien, selbstverständlich behaarten Oberkörper. Natürlich ist das nicht ernst gemeint. Oder vielleicht doch?

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Ein Student der Literaturwissenschaft. Kress von Aljoscha Brell

Buchkritik

Er heiße Kress, das genügt ja eigentlich. Wie alle großen Denker der Weltgeschichte gibt es ihn auch ohne Vornamen. Im Mittelpunkt seines Lebens steht Goethe, und der macht sich schließlich ebenfalls vorzüglich ohne das überflüssige, umständliche Johann Wolfgang. Kress kann keine Computer bedienen, er pflegt klösterliche Distanz zu weltlichen Genüssen und steht mit seiner Aversion gegen alles, was nicht Geist ist, eher auf der passiven Beobachtertribüne des aufkochenden 2010er Berlin. Nun haben klassischerweise gerade die Exzentriker entscheidenden Anteil an der Attraktion, die die Hauptstadt auf viele Zugezogene ausübt. Doch wenn wir in literarischen Texten all den verqueren und eigenen, dadurch auch anziehenden Gestalten begegnen, geben sie nicht selten preis, dass das Exzentrische in Wahrheit eine recht melancholische Schicht geheimer Wünsche nach Normalität verkleidet. Während der ersten Hälfte von Aljoscha Brells Kress meint man, auch die Titelfigur könnte von seiner komfortablen Umlaufbahn aus plötzlich den Bildungspfad in die Mitte der Gesellschaft suchen – eine Gesinnung, die vom Wilhelm Meister bis ins heutige Kino und Bahnhofstaschenbuch einen roten Faden hinterlässt. Umso härter wird dann zugeschlagen. Was Kress so besonders macht, ist der konsequente, tückische Abgang in eine stockfinstere Persönlichkeit.

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The End of the Tour. Der besonnene Film über David Foster Wallace

Filmkritik

Die Anliegen der romantischen Künstlernovelle sind ja im Laufe der vergangenen Jahre zu einem gewissen Teil im oscarträchtigen Filmformat des Biopic aufgegangen. Verkommen, möchte man fast sagen, wenn man sich populäre Vertreter des Genres wie Ray oder Walk the Line näher anschaut, deren Struktur bis zur Verwechslung ähnlich das biedere Lied vom gebeutelten Genie aufspielt, ohne sich abseits von hagiographischer Überhöhung um die Frage nach der Kunstfertigkeit Einzelner zu kümmern. Da wirken ob ihrer Vereinzelung und geringen Strahlkraft selbst wichtige Ausnahmen, etwa der Bob Dylan-Impressionismus in I’m not There, kaum salbend.

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