Kapitalistischer Realismus


Über A Tribe Called Knarf, Sleep und Mark Fisher

Musikkritik

Der Hamburger Musiker Knarf Rellöm gefällt das Verwirrspiel um seinen Namen. Er verwendet seinen eigentlich ziemlich normalen bürgerlichen Namen Frank Möller rückwärts und wandelt ihn Platte um Platte ab, mal heißt er Knarf Rellöm Trinity, mal Ladies Love Knarf Rellöm. Sein letztes Album Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte, das im Herbst 2015 erschien, läuft nun unter A Tribe Called Knarf. Mit Anweisungen für die Einsortierung im Plattenladen treibt er dieses Spiel mit Zuschreibungen noch weiter: Sein wohl bekanntestes Album von 1997 (darauf der kleine Indie-Hit Autobiographie einer Heizung) trägt den Titel Bitte vor R.E.M. einordnen, die neue Platte fordert auf: „Please file under ‚Kapitalistischer Realismus’“. Konnte man den R.E.M.-Titel noch als ironische Distanzierung von einer Indie-Band, die kommerziellen Major-Erfolg hatte, verstehen – und wie das Namens-Verwirrspiel, kapitalistische Verwertungsinteressen unterlief (man findet das Album im Plattenladen nicht da, wo man es vermutet) – scheint nun der Verweis auf den Begriff „Kapitalistischer Realismus“ eher eine Art Schlüssel zum Album zu sein.

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Ohrenbetäubene Apathie

Shoegaze am Ende der Geschichte

Ich kann mich nur schemenhaft an die politischen Umwälzungen Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre erinnern. Fernsehbilder flackern auf, von denen ich nicht weiß, ob ich sie wirklich damals gesehen habe oder erst viel später in einer der unzähligen Dokus über den Mauerfall. Immer saßen fröhliche Menschen auf der Berliner Mauer, Feuerwerk im Hintergrund, das breite Gesicht Helmut Kohls. Dass da etwas Wichtiges passierte, war mir auch als Achtjährigem bewusst, verstanden habe ich es natürlich nicht. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der ihr angeschlossenen Systeme machte sich in den westlichen Gesellschaften ein Optimismus breit, der bis zum 11. September 2001 währte. Neue wirtschaftliche Expansionsmöglichkeiten, demokratische Reformen in ehemals autoritären Staaten, die erste Hochphase der Digitalisierung und das Ende eines Krieges, der allerdings nur in Europa kalt geblieben war, kennzeichneten den medialen und gesellschaftlichen Diskurs. Für einen kurzen Augenblick der Geschichte schien sich, jedenfalls aus westlich geprägter Sicht, alles zum Guten zu wenden. Ein Narrativ, das schon damals politisch motiviert war, Konflikte und Kriege gab es natürlich weiterhin, beispielsweise den Irakkrieg 1991.

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