Flucht


Die Verlorenen

Der Verlust von räumlichen und zeitlichen Bezugspunkten im Angesicht von Mobilität und Flexibilität wird zunehmend zum bestimmenden Paradigma der postindustriellen westlichen Welt. 

 

1 Am Flughafen

Jedes Mal, wenn ich am Gepäckband eines Flughafens stehe und auf meinen Koffer warte, spüre ich diese Spannung. Aus einer Öffnung kullern die Gepäckstücke und begeben sich auf eine behäbige Runde. Geht dieses Mal wieder alles gut? Werde ich gleich meinen Koffer erspähen und endlich gelassen nach vorne treten und ihn vom Band hieven? Wer zu den Unglücklichen gehört, die schon einmal die unheimliche Ruhe erlebt haben, nachdem das letzte Gepäckstück seine Runde gedreht hat und mit einem Ruck das Band zum Stehen kommt, wird diese Minuten nach dem Flug sicher ähnlich unruhig verbringen wie ein Reisender mit Flugangst die Stunden zuvor.

Vor etlichen Jahren, auf einem Flug nach Budapest, passierte es auch mir. Natürlich kannte ich die Legenden, die von den unvorstellbaren Mengen Gepäck handelten, das täglich auf Flügen verloren ging. Trotzdem schien es die Regel zu sein, dass spätestens nach ein paar Tagen die Koffer auf verschlungenen Wegen wieder zu einem gelangen. Das war auch der Tenor der Auskünfte, die ich am Lost & Found-Schalter des Flughafens und von den Hotlines der Fluglinie erhielt. „Ihr Gepäck ist nicht verloren, sondern im Moment nur nicht da“, erinnere ich noch einen Satz einer Mitarbeiterin des Flughafens. Auch der Name „Lost & Found“ beruhigte mich ein wenig. Doch meine Reisetasche blieb verschwunden.

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Die Welt von Heute

Notiz

Vor einigen Wochen lief der Film Vor der Morgenröte im Kino. Er beschreibt in wenigen Episoden die letzten Jahre des Schriftstellers Stefan Zweig, der sich als österreichischer Jude während des Dritten Reichs auf der Flucht befindet und sich in Südamerika und in New York aufhält. Es ist ein zarter Film, eine behutsame Annäherung an den entwurzelten Pazifisten Zweig, der vom österreichischen Komiker Josef Hader gespielt wird. Hader schafft es fast nur mit Blicken und wenigen Gesten, die Verzweiflung auszudrücken, die Zweig in diesen Jahren als Flüchtling fühlen musste. Vielleicht stimmt die Binsenweisheit tatsächlich und existenzielle Traurigkeit kann am besten von vermeintlichen Spaßmachern verkörpert werden.

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