Film


Was ist das, der Mensch? Ein Blick auf Blade Runner 2049

Rezension

In den vergangenen zehn Jahren hat Harrison Ford all seine großen Rollen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren wieder aufgenommen, mit unterschiedlichem Ergebnis. Sein kleines Boyhood-Experiment ist nach Indiana Jones und Han Solo nun mit der Reprise des Rick Deckard im Blade Runner-Sequel komplett. Ford zeigt auch darin, dass er seine markanteste schauspielerische Technik nicht verlernt hat, nämlich mit verkniffenem Gesicht zwei Kontrahenten zugleich mit den Fäusten zu traktieren. Insgesamt dürfte Blade Runner 2049 aber mit Leichtigkeit seine beste Leistung als Rentier im besten Film seines Alterswerkes darstellen.

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Das Verschwinden des Verschwundenen: Christian Krachts neuer Roman Die Toten 1

Buchkritik

Eigentlich ist es verwunderlich, dass Christian Krachts Bücher heiß erwartete Bestseller geworden sind. Ein bekannter Schriftsteller ist Kracht zwar schon seit seinem Debüt Faserland von 1995, das ihn zum führenden Kopf einer nicht immer ernst genommen deutschsprachigen Popliteratur machte. Inzwischen wird Kracht aber auch in der Wissenschaft breit rezipiert und die Veröffentlichung eines neuen Romans ist ein literarisches Ereignis ersten Ranges, vom Feuilleton breit besprochen und gelobt.

Natürlich hat Krachts Erfolg auch mit seiner unterhaltsamen und auf vielen Ebenen gebrochenen Selbstinszenierung zu tun. Eine Episode aus einer Geschichte, die im Band New Wave veröffentlicht wurde, zeigt diese Inszenierung sehr schön: Der Kracht im Text trifft in Kairo den Schriftstellerkollegen Thomas Brussig und zwischen den beiden entspannt sich ein diffuser Dialog, der mit der indirekt wiedergegeben Feststellung Brussigs endet: „Das würde ja auch keiner von Ihnen erwarten, ein Christian Kracht, der nicht betrunken ist. Das gehöre ja sozusagen dazu, das Toxologische.“ Kracht darauf: „Oh Gott. Darauf ein Prozac genommen.“

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Die Welt von Heute

Notiz

Vor einigen Wochen lief der Film Vor der Morgenröte im Kino. Er beschreibt in wenigen Episoden die letzten Jahre des Schriftstellers Stefan Zweig, der sich als österreichischer Jude während des Dritten Reichs auf der Flucht befindet und sich in Südamerika und in New York aufhält. Es ist ein zarter Film, eine behutsame Annäherung an den entwurzelten Pazifisten Zweig, der vom österreichischen Komiker Josef Hader gespielt wird. Hader schafft es fast nur mit Blicken und wenigen Gesten, die Verzweiflung auszudrücken, die Zweig in diesen Jahren als Flüchtling fühlen musste. Vielleicht stimmt die Binsenweisheit tatsächlich und existenzielle Traurigkeit kann am besten von vermeintlichen Spaßmachern verkörpert werden.

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Über A Hologram for the King

Filmkritik

Dann ist der Film plötzlich vorbei. Ich sitze im Kino und bin etwas überrascht. Rezensionen sollten ja nicht den Schluss eines Films spoilern, aber zu verraten, dass ein Film erstaunlich plötzlich zu Ende geht, wird den Genuss schon nicht schmälern. So geschieht es nämlich bei Tom Tykwers neuem Film A Hologram for the King, mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Die Buchvorlage schrieb Dave Eggers, der mit seinem letzten Roman The Circle die Zukunftsvision schlechthin für das Internet in Zeiten von Big Data und allesumfassender digitaler Überwachung entworfen hat. Auch in A Hologram for the King geht es um große Themen der Gegenwart: Globalisierung und Islam. Zum Glück hat Tykwer Hanks für den Film gewinnen können, der mit seiner niedlichen Wurstigkeit noch die sperrigsten Zusammenhänge auf amerikanische Vorstadtgröße zusammenschrumpfen lassen kann. Der von Hanks gespielte Alan Clay besitzt die gleiche Fähigkeit: Er kann große Fragen gut simplifizieren, wie Clay selbst erzählt.

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The End of the Tour. Der besonnene Film über David Foster Wallace

Filmkritik

Die Anliegen der romantischen Künstlernovelle sind ja im Laufe der vergangenen Jahre zu einem gewissen Teil im oscarträchtigen Filmformat des Biopic aufgegangen. Verkommen, möchte man fast sagen, wenn man sich populäre Vertreter des Genres wie Ray oder Walk the Line näher anschaut, deren Struktur bis zur Verwechslung ähnlich das biedere Lied vom gebeutelten Genie aufspielt, ohne sich abseits von hagiographischer Überhöhung um die Frage nach der Kunstfertigkeit Einzelner zu kümmern. Da wirken ob ihrer Vereinzelung und geringen Strahlkraft selbst wichtige Ausnahmen, etwa der Bob Dylan-Impressionismus in I’m not There, kaum salbend.

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