Erzählen


Black Mirror und Daniel Kehlmanns Du hättest gehen sollen

Fernsehkritik

Die Dystopie hat einen bemerkenswerten Punkt in der eigenen Gattungsgeschichte erreicht: Sie mag deswegen derzeit so lebendig sein, weil wir sie in unserer Erfahrung, unserem Alltag längst selbst erreicht zu haben meinen. Aus genau diesem Grund müsste sie als Genre aber eigentlich auch überflüssig werden, sich selbst abschaffen. Was nützt es, eine von Screens, Social Media, Big Data oder Totalitarismus und Konsum zerfressene Welt als Zukunftsprojektion anzuschauen, wenn sie doch weniger als Hochrechnung denn als verdichtete Verzerrung des Gegenwärtigen gelten kann?

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Jonathan Littell erzählt eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu

Buchkritik

Vor ziemlich genau zehn Jahren veröffentlichte der französisch-amerikanische Journalist Jonathan Littell ein Buch namens Les Bienveillantes. Der Titel entspricht dem französischen Namen des dritten Teils von Aischylos’ Orestie, den Eumeniden. In Deutschland erschien der Text unter der dahingehend gängigen Übersetzung Die Wohlgesinnten. Littell gelang es darin, in Umfang und enzyklopädischer Tragweite der großen Romane des 19. Jahrhunderts eine Autobiographie von Täterschaft durch die Perspektive eines SS-Offiziers während des Zweiten Weltkriegs auszubreiten. Wie in der antiken Referenz stellt die Konfrontation von mythischer Imagination mit dem Pragmatismus eines allzu menschlichen Bürokratie- und Rechtsapparates eine durchgehende Verhandlungslinie des Buches dar, das sich mit seinem kontroversen Thema schließlich selbst vor dem Areopag der Literaturkritik wiederfand.

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Der Fall des Zufalls

Gedanken über das Erzählen und seine Kontingenz

Eine junge Frau betritt im Laufschritt das Casino. Sie trägt ein graues Tank Top und hat hellrotes Haar. Für Jetons im Wert von hundert Mark fehlen ihr noch achtzig Pfennig und in ihrem Aufzug dürfte sie eigentlich auch keinen Zutritt zum Etablissement erhalten. Doch die Sterne stehen günstig, sie wird durchgelassen, alle Welt dreht sich um nach der kuriosen Erscheinung. Der weiße Plastikchip liegt einsam in der Hand. Die junge Frau nähert sich einem Roulettetisch und wirft den Chip unverzüglich auf die Zwanzig. Es ist das letzte Geld, das mit geringster Wahrscheinlichkeit den sowieso an Statistik desinteressierten Zufällen überantwortet wird. Die Frage lautet: Wie ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit zu beziffern, mit der hier gewonnen oder verloren werden kann, wo es sich doch offensichtlich um eine Geschichte handelt, die ich nacherzähle? Eine Geschichte, der ich just mit ihrer hiesigen sprachlichen Präsenz einen besonderen Wert zueigne und sie daher den Fügungen des Alltags entreiße?

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