Comic


Dieses ozeanische Gefühl. Jeff Lemires Underwater Welder

Buchkritik

Auf den ersten Seiten gibt es das programmatische Setup. In vier Panels, direkt untereinander, wird uns zunächst ein Leuchtturm im Gewitter gezeigt, darunter ein bärtiges Gesicht im Profil mit einer frischen Zigarette im Mund. Noch einen Schritt tiefer blickt man in die Augen des Gesichts, zurückgeworfen vom Spiegel der Frontscheibe eines Autos. Schließlich sieht man eine Hand am Radio, auf der Suche nach Musik. Danach bietet eine ganze Seite Platz für das Panorama (man muss vorher umblättern): Leuchtturm, Bootstege, Hafenhäuser an der Hafenpromenade und ein dazugehöriger Strandabschnitt, von den wilden Wellen umspielt, in die ein stürmischer Regen hinabfällt. Am Rand der Wagen mit dem Mann mit der Zigarette, mit dem Gesicht, mit der Hand am Radio. Daraufhin wieder drei Seiten mit jeweils vier Ausschnitten. Wir sehen, wie das Radio ausgeschaltet wird, die Kippe sich dem Ende neigt, später weicht sie in der Profilansicht einem Bier. Kein Zweifel, dass das nasse Element in all seinen Formen vom Neopren der inzwischen gezeigten Taucherausrüstung abgewehrt wird: Von oben das Wetter, von der Seite die See, doch von außen nach innen der Alkohol, der ein Begehren darstellt, welches durch die Rüstung des Tauchers abgeschirmt ist. Die Taucherflossen sind bald angelegt, die Brille aufgesetzt. Dahinter sehen wir noch einmal das Gesicht, es lässt neben den turbulenten Pupillen aus Bleistiftringen allenfalls noch ein paar Tropfen auf der Haut erkennen, unsicher darüber, ob sie nun Regen, Schweiß oder Tränen darstellen. Auf der nächsten Seite endlich watet die Gestalt in vier Schritten hinab in die See. Wir zoomen heran, näher, näher, nah, bis nur noch der Strudel zu erkennen ist, über dem eben noch ein Mensch, dann nur sein Kopf zu sehen war. Das Wasser als feindseliges Habitat und Sehnsuchtsort zugleich – halb zieht es ihn, halb sinkt er hin.

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Der runde Mensch. Manu Larcenets Blast

Literaturkritik

Mit Manu Larcenets vierbändigem Comicroman Blast bestätigt sich einmal mehr der hohe Rang belgofranzösischer Serien und Graphic Novels. Marc-Antoine Mathieus Drei Sekunden. Ein Zoom-Spiel oder die Reihe Unter dem Hakenkreuz von Philippe Richelle und Jean-Michel Beuriot sind nur zwei willkürliche Beispiele des vergangenen Jahrzehnts, die diese herausragende Qualität in die Ära nach Tintin und Asterix importiert haben. An ihnen erweist sich eine außerordentliche stilistische und thematische Breite, in der Avantgarde und Experiment genauso viel zählen wie psychologisch fesselnde und historisch lehrreiche Erzählungen. Auf diesem fruchtbaren Boden offener Vielfalt säht und gedeiht auch Blast. Larcenet widmet sich darin einer meditativen Charakterstudie, die den ungewöhnlich geformten Polza Mancini in den Mittelpunkt stellt. Mehr noch: Mancini bildet mit seinen exorbitanten, buddha-artigen Proportionen ein Gravitationszentrum, das dem eckigen Bildbereich der einzelnen Panels mit kurvigem Schwung Paroli zu bieten weiß. Das Verhältnis zur runden Form, zum Kreis und zur Ellipse, beginnt sich bei Lektüre auch rein visuell zu drehen, und untermauert den Malstrom des Hauptcharakters. (more…)