Ohrenbetäubene Apathie


Shoegaze am Ende der Geschichte

Ich kann mich nur schemenhaft an die politischen Umwälzungen Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre erinnern. Fernsehbilder flackern auf, von denen ich nicht weiß, ob ich sie wirklich damals gesehen habe oder erst viel später in einer der unzähligen Dokus über den Mauerfall. Immer saßen fröhliche Menschen auf der Berliner Mauer, Feuerwerk im Hintergrund, das breite Gesicht Helmut Kohls. Dass da etwas Wichtiges passierte, war mir auch als Achtjährigem bewusst, verstanden habe ich es natürlich nicht. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der ihr angeschlossenen Systeme machte sich in den westlichen Gesellschaften ein Optimismus breit, der bis zum 11. September 2001 währte. Neue wirtschaftliche Expansionsmöglichkeiten, demokratische Reformen in ehemals autoritären Staaten, die erste Hochphase der Digitalisierung und das Ende eines Krieges, der allerdings nur in Europa kalt geblieben war, kennzeichneten den medialen und gesellschaftlichen Diskurs. Für einen kurzen Augenblick der Geschichte schien sich, jedenfalls aus westlich geprägter Sicht, alles zum Guten zu wenden. Ein Narrativ, das schon damals politisch motiviert war, Konflikte und Kriege gab es natürlich weiterhin, beispielsweise den Irakkrieg 1991.

Derweil gingen Theoretiker wie Francis Fukuyama sogar so weit, das Ende der Geschichte auszurufen, so der deutsche Titel seines 1992 erschienen Buchs. Fukuyama sah eine Zeit angebrochen, in der totalitäre Systeme zunehmend an Bedeutung verlören und sich dadurch politische Auseinandersetzungen zugunsten der liberalen Demokratie abschwächen würden. Wie Jacques Derrida bereits 1993 in Marx’ Gespenster feststellt, „definiert Fukuyama die liberale Demokratie bald als wirkliche Realität, bald als bloßes Ideal“ und entlarvt dadurch seine ideologische Stoßrichtung: „Die Allianz von liberaler Demokratie und ‚freiem Markt’“, wie es Derrida ausdrückt. Er fügt hinzu, was im Sprechen über das vermeintliche Ende der Geschichte nie vergessen werden sollte: „Anstatt in der Euphorie des Endes der Geschichte die Ankunft des Ideals der liberalen Demokratie und des kapitalistischen Marktes zu besingen, anstatt das ‚Ende der Ideologien’ und das Ende der großen emanzipatorischen Diskurse zu feiern, sollten wir niemals diese makroskopische Evidenz vernachlässigen, die aus den tausendfältigen Leiden einzelner besteht: Kein Fortschritt der Welt erlaubt es, zu ignorieren, dass in absoluten Zahlen noch nie, niemals zuvor auf der Erde so viele Männer, Frauen und Kinder unterjocht, ausgehungert und ausgelöscht wurden.“

Trotzdem ist nicht zu bestreiten, dass ab 1991 die klaren Aufteilungen und Zuschreibungen des Kalten Krieges plötzlich obsolet wurden. Statt eines Endes der Geschichte, das gleichzeitig die Verbindung von Markt und Demokratie quasi als christliche Eschatologie feiert (so Derrida), könnte man mit Jean Baudrillard eher von einem Verschwinden der Geschichte sprechen (und dabei das Pathos überhören): „Das System der Gegenwartsmoderne implodiert in seinen Erscheinungen derart, dass die Orientierungshorizonte wie die Geschichte sinnlos bzw. bezugslos werden.“ Eine Diagnose, die die offenen Verhältnisse der neunziger Jahre durchaus zu beschreiben vermag.

Unter diesen Vorzeichen begannen vornehmlich britische Bands Alben zu veröffentlichen, die dem optimistischen Zeitgeist und dem hedonistischen Imperativ (etwa von Rave) widersprachen. Deren Protagonisten verweigerten sich dem Starprinzip und lehnten das heteronormative Gehabe des traditionellen Rock ab. Während Live-Konzerten sahen die Musiker entweder verträumt zur Decke oder nach unten, auf die unendlich vielen Effektpedale für ihre Gitarren, was ihnen eben die Bezeichnung Shoegaze einbrachte. Auch in der Produktion verweigerten sich die Bands dem Zeitregime des Pop-Business. My Bloody Valentine arbeiteten mehrere Jahre an ihrem zweiten Album Loveless, das weithin als wichtigstes Shoegaze-Album angesehen wird, und ruinierten mit ihren eskapistischen Studioorgien fast ihre Plattenfirma Creation Records.

Der typische Sound der Shoegaze-Bands war inspiriert von Bands aus den Achtziger Jahren wie The Jesus And The Mary Chain, von denen sie die dröhnenden Gitarren übernahmen, oder den Cocteau Twins, deren gehauchter Gesang ebenfalls zu einer Art Markenzeichen des Shoegaze wurde. Mit breiten Gitarrensound und undeutlichen Singstimmen, die hinter einem Vorhang aus Lärm fast zu verschwinden scheinen, schaffen sie weite Hallräume, in der die Zeit sich auszudehnen scheint. Die Texte dazu wirken träumerisch, nicht umsonst wird Shoegaze auch als Dreampop bezeichnet. Die Metaphorik unterstützt den ungreifbaren Sound, es geht oft um zeitloses Driften, Sometimes heißt ein Lied von My Bloody Valentine, Time Machine eines von Ride. Beide Bands gehören zu den erfolgreichsten des Genres. Auch Wasser- und Meermetaphern werden bemüht, um den fließenden Sound zu unterstützen: Das erste Album von Ride ziert eine große blaue Welle, es gibt einen Song Waves von Slowdive, ebenfalls einer wichtigen Band im Umfeld des Shoegaze, genauso wie Revolver, die ihr zweites Album Cold Water Flat nannten. Statt catchy Pop-Botschaften wird das Flüchtige und Undeutliche beschworen: Catch the Breeze singen Slowdive, Vapour Trail heißt eins der erfolgreichsten Lieder von Ride.

Wenn ich My Bloody Valentine höre – oder eine andere Band aus diesem Umfeld – habe ich immer das Gefühl, mich an eine Zeit zu erinnern, die ich nicht selbst miterlebt habe. Eine Art Tagtraum, wie ihn Ride in Like a Daydream besingen. Dieses schlafwandlerische Erinnern zeichnet die Musik aus, die damit das herkömmliche Zeit- und Raumempfinden unterläuft, gerade bei Livekonzerten wird dies deutlich; allein durch die ohrenbetäubende Lautstärke der Gitarrenfeedbacks von My Bloody Valentines Kevin Shields erreicht man einen fast tranceähnlichen Zustand, der die eigene Wahrnehmung zu verändern scheint.

Shoegaze liegt zeitlich zwischen der ohnmächtigen Wut des Grunge und der hedonistischen Feier der Arbeiterklasse im Britpop ab 1994, allerdings ohne je den breiten Erfolg dieser zwei paradigmatischen Musikgenres der neunziger Jahre zu haben. Zwar liefen auch die meisten Bands, die man Grunge oder Britpop zurechnen kann, damals unter den Labels „Alternative“ oder „Indie“, trotzdem erreichten sie weit mehr Breitenwirkung. Eine heute hochangesehene Band wie Slowdive, der das amerikanische Musikportal Pitchfork eine eigene Doku widmet, erhielt kaum Anerkennung, weder vom Publikum noch von der britischen Musikpresse.

Ist es nun Zufall, dass in den letzten Jahren die Bands aus dem Umfeld des Shoegaze plötzlich wieder in aller Munde sind? Das nach zwölf Jahren endlich fertiggestellte dritte Album von My Bloody Valentine wurde bei Veröffentlichung breit rezipiert, obwohl es ohne große Plattenfirma im Rücken veröffentlicht wurde. Ride haben sich  wiedervereinigt, so auch Slowdive und Lush. My Bloody Valentine füllen große Konzertsäle und sind auf den wichtigsten Musikfestivals präsent. Die Relevanz dieser Bands zeigt sich auch darin, dass sich Musiker heute noch auf sie beziehen, und zwar nicht nur Bands, die den Shoegaze-Sound fast originalgetreu übernehmen, wie etwa The Pains of being Pure at Heart, die als eine der ersten sich offensichtlich auf My Bloody Valentine und andere Shoegaze-Bands bezogen. Auch M83 oder Washed Out hört man das Echo der Shoegaze-Feedback-Schleifen deutlich an, ebenfalls Tame Impala oder in Deutschland Tocotronic. Das hat wenig mit dem gerade hippen neunziger-Jahre-Revival zu tun, denn die Begeisterung für diese Ära der britischen Musik begann schon früher, wie die älteren Alben von Deerhunter oder Glasvegas beweisen.

Vielleicht passt Shoegaze auch zu Erfahrungen und Stimmungen, die uns heute, fünfundzwanzig Jahre nachdem diese Musik entstanden ist, noch umtreiben. Sie beschreibt mit ihren dröhnenden Gitarren, dem Gesang, der fast dahinter verschwindet, den Melodien, die den Höhepunkt immer weiter hinauszögern, sich nicht entscheiden zwischen Erlösung und Weiterdriften, und den Texten, die zwischen Traum und Wirklichkeit changieren, einen Zustand, der sich aus der Erfahrung der sich auflösenden Geschichte speist. Die Zeit scheint, wie es im Hamlet heißt, aus den Fugen.

Wie oben angedeutet, ist Shoegaze während einer Ära der Orientierungslosigkeit entstanden. Die Alternative des Sozialismus schien endgültig begraben und der vermeintliche Sieg der markförmigen westlichen Demokratie degradierte alle zu Verlierern, die sich ihr nicht unterwerfen mochten – oder es nicht konnten, weil sie eben der schmutzigen Kehrseite der Siegermedaille angehörten. Das ist eben auch heute noch aktuell – und der Einschnitt 11. September schmilzt dahin zu einem weiteren losen Punkt in einer unstrukturierten Posthistoire. „Wenn die Ereignisse selber als sinnlos erscheinen, hat die Geschichte ihre Grenze erreicht. Die außergeschichtliche Welt ist aus den Fugen“, schrieb Hendrik de Man schon 1951.

Die europäische Rettungspolitik nach der Finanzkrise zeigt, dass es längst nicht mehr um eindeutige Alternativen geht, sondern um das kleinere Übel. Der englische Theoretiker Marc Fisher hat im Anschluss an Frederic Jamson erneut darauf hingewiesen, dass es heute einfacher ist, sich die Apokalypse vorzustellen als den Zusammenbruch des Kapitalismus. Dieser kapitalistische Realismus, wie es Fisher nennt, gaukelt uns Entscheidungsmöglichkeiten vor, die sich in Konsumfragen erschöpfen, und zersetzt Orientierung stiftende Strukturen, die man nicht den Konservativen überlassen sollte: Leben in Gemeinschaften (wie in Stadtteilen mit Kneipen und Clubs, Stichwort: Gentrifizierung), Familien, Freundschaften jenseits von ökonomischen Projekten und digitalen Netzwerken, Kunst ohne Verwertungsinteressen.

Shoegaze bedeutet vielleicht auch Apathie, ein Zurückziehen aus den unangenehmen Zwängen diese Postkapitalismus, Eskapismus – und ist damit klassisch Pop. Der Rückzug ist aber in Zeiten des allumfassenden ökonomischen Imperativ auch eine Art Widerstand. „I just want what I can’t have“, singen Ride, „til my dreams burn down and choke me every time.“

Diskographie (Auswahl):

My Bloody Valentine: Loveless (1991)

My Bloody Valentine: EPs 1988-1991 (2012)

Ride: Nowhere (1990)

Ride: Going Blank Again (1992)

Slowdive: Slouvaki (1993)

Revolver: Cold Water Flat (1993)

The Boo Radleys: Everything’s Alright Forever (1992)

The Jesus And The Mary Chain: Psychocandy (1985)

The Pains Of Being Pure At Heart:  The Pains Of Being Pure At Heart (2009)

Filmographie (Auswahl):

Beautiful Noise (Eric Green, 2014)

Pitchfork Classic: Slowdive’s Souvlaki (2015), online anschauen

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