Über Benjamin von Stuckrad-Barre


Rezension

Remix nennt Benjamin von Stuckrad-Barre ja immer seine Textsammlungen, als journalistischen Resterampe könnte man es auch bezeichnen. Sie versammeln seine journalistischen Arbeiten der letzten Jahre. Jetzt kam Teil 3 heraus, mit dem zusätzlichen Titel Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen. Teil 1 las ich damals in der Schule während des Chemie-Unterrichts unter der Bank. Und kam mir dabei ziemlich cool vor. Sonst fällt mir leider wenig Cooles aus meiner Schulzeit ein. Ich besuchte dann eine Stuckrad-Barre Lesung. Meine erste Lesung überhaupt – und es war gar keine Lesung, sondern eigentlich ein Pop-Konzert, er trat ja auch in einem Club auf, wo wir sonst zu Partys gingen. Er spielte laut Musik vom CD-Player ein und führte ein bizarres und ziemlich lustiges Reeanactment einer Alfred-Biolek-Kochsendung vor. Auch schon wieder fast zwanzig Jahre her.

Das war zum Glück also auch Literatur, dachte ich damals mit siebzehn. Dann entdeckte ich Christian Kracht und Bret Easton Ellis. Aber am Anfang stand Stuckrad-Barre. Das ist schon lange nicht mehr cool, aber trotzdem folgerichtig. Man kann Stuckrad-Barre eben gut weglesen. Auch als pubertierender, gelangweilter, uncooler Jugendlicher. Ein guter Einstieg. So wie Blondie zu hören, bevor man dann Post-Punk entdeckt. Und hat man sich erstmal alle Alben von Gang of Four gekauft, schämt man sich ein wenig dafür, mal in Debbie Harry verliebt gewesen zu sein.

Remix 1 kam 1999 heraus, in der Zwischenzeit ist viel passiert. In der Welt des Pop (Internet, Rihanna) und des deutschen Fernsehens (niemand schaut es mehr). Und natürlich auch im Leben von Stuckrad-Barre. Kokain- und Magersucht trieben ihn in die gütigen, leicht zittrigen Arme Udo Lindenbergs, beschrieben 2016 in Panikherz. Eine Autobiographie der Sucht sozusagen und – bei Stuckrad-Barre lässt sich natürlich alles immer popkulturell labeln, sein erstes Buch hieß ja schon Soloalbum – fulminantes Comeback. Davor hatte ich lange nichts mehr von Stuckrad-Barre gelesen. Ich werde ihn auch verleugnet haben, vermute ich. Schließlich kaufte ich Panikherz an einer Bahnhofsbuchhandlung, als Fahrtlektüre okay, dachte ich immer noch, dabei brannte ich darauf, es zu lesen. So wie ich mir ja auch immer noch die leider ziemlich langweiligen neuen Blondie-Songs anhöre. Doch nach etwa drei Sätzen hatte er mich. Die erste Episode, wie er mit Lindenberg am Flughafen durch den amerikanischen Zoll will, ist einfach sehr, sehr lustig.

Mit Remix 3 ist es schwieriger. Die Texte in dem Sammelband stammen etwa aus den letzten acht Jahren und wirken nicht immer frisch. Stuckrad-Barre befasst sich mit Gegenwartsphänomenen, mit popkulturellen Artefakten und den Protagonisten dieser Popkultur. Aber Pop altert schnell – und wir lesen also von Paris Hilton und Klaus Wowereit. Auch der unvermeidliche Harald Schmidt kommt wieder vor. Namedropping – und dann sind es nicht einmal Namen, die einem interessieren. Einmal kauft Stuckrad-Barre sogar eine Maxi-CD. Das ist eben doch ganz schnell wieder ziemlich 90er.

Stuckrad-Barres Schreibweise ist jedoch auch Pop, wenn er nicht über Pop schreibt. Sein Referenzsystem gleicht einem Archiv, das er ständig aktualisiert und abgleicht mit der „Realität“, die es bei ihm selbstverständlich nur in Anführungszeichen geben kann. Denn seine „Realität“ sind Fernsehformate, Plakatwände, Zeitungen, Songs. Aber eben auch Walter Kempowski oder Jörg Fauser. Es sagt viel über die deutsche Zeitungslandschaft aus, wenn Stuckrad-Barre Kulturjournalisten ziemlich uniformiert über Thomas Bernhard schwadronieren lässt. Da zeigt sich auch der Unterschied in der Herangehensweise: Stuckrad-Barre schreibt eben nicht über kulturelle Themen als gingen sie ihn nichts an, als könnte man sie einfach objektiv rezipieren, sondern ist als Autor stets anwesend. Er spricht zu mir, dem Leser – auch wenn klar ist, dass wir es natürlich nicht mit dem „echten“ Menschen Stuckrad-Barre zu tun haben. Oder doch? Aus diesem Spannungsverhältnis zieht sich gerade der Reiz seiner Texte, besonders natürlich, wenn sie angeblich explizit von ihm handeln, wie bei Panikherz. In Berlin wurde der Roman am Berliner Ensemble inszeniert, vom neuen Intendanten Jan Bosse persönlich. Was dabei herauskommt, wenn man die Inszenierung „Stuckrad-Barre“ inszeniert, die Pop-Bühne auf die Theaterbühne zerrt, ist schmerzhaft. Jeglicher Witz geht verloren. Vier Schauspieler und Schauspielerinnen, die so tun, als wären sie Stuckrad-Barre, und seine Texte deklamieren wie Sentenzen der Weimarer Klassik, das kann nicht funktionieren.

Einmal beschreibt Stuckrad-Barre in Remix 3 den Schauspieler Christian Ulmen, der anscheinend ständig peinliche Situationen erzeugt und unsicher ist im Umgang mit anderen Menschen. Sobald er sich jedoch in seine Kunstfigur Uwe Wöllner verwandelt, kann er drauflosreden, ist ihm alles scheißegal. Stuckrad-Barre braucht dazu nicht in eine Rolle zu schlüpfen, er bleibt immer nur Stuckrad-Barre, er spielt niemanden – und niemand kann ihn spielen. Wie Schlingensief früher hätte er selbst auf die Bühne steigen müssen (wie er es ja auch vor ein paar Jahren bei seiner Polittalkshow im Fernsehen gemacht hat) – und dann aber nicht sein Leben und seine Süchte nachspielen dürfen, sondern eventuell das Leben von Christian Ulmen oder Madonna. So wie Stuckrad-Barre, als er Ferdinand von Schirach in Venedig besucht, erfährt, dass man in Venedig nicht über Venedig schreiben darf. Und wie nebenbei erklärt Stuckrad-Barre auch seine eigene Schreibweise, wenn er über den bewunderten Schirach schreibt: „Als Anwalt ist er schließlich zur Verschwiegenheit verpflichtet, und diese Notwendigkeit, eben nicht reale Fälle nachzuerzählen, sondern Zutaten aus verschiedenen Verfahren zu mischen, hat ihn praktisch gezwungen, Literatur daraus zu machen, Verfremdung zwecks Verdeutlichung, und das gelingt ihm auf eine Weise, dass man jedes Detail für Wirklichkeit halten muss – es ist aber mehr als dies: nämlich die Wahrheit.“

Stuckrad-Barre findet die „Wahrheit“ also in der Literatur. Das passt. Ob es im Wohnzimmer von Boris Becker wirklich so aussieht, wie er es beschreibt, ist egal. In seinem Text über Boris Becker kommt er ihm nahe – und dem Deutschland der 80er Jahre. Und erzählt vielleicht gerade auch in den Ungenauigkeiten, in seiner Ich-Zentriertheit, seiner Popgläubigkeit und mit seinem nach Pointen heischenden Rampensau-Stil, vom wahren Boris Becker und vom wahren 80er-Jahre-Jugendlichen, der er einmal selbst war. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Und diese Spannung ist es, die seine Texte unterhaltsam machen.

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