Was ist das, der Mensch? Ein Blick auf Blade Runner 2049


Rezension

In den vergangenen zehn Jahren hat Harrison Ford all seine großen Rollen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren wieder aufgenommen, mit unterschiedlichem Ergebnis. Sein kleines Boyhood-Experiment ist nach Indiana Jones und Han Solo nun mit der Reprise des Rick Deckard im Blade Runner-Sequel komplett. Ford zeigt auch darin, dass er seine markanteste schauspielerische Technik nicht verlernt hat, nämlich mit verkniffenem Gesicht zwei Kontrahenten zugleich mit den Fäusten zu traktieren. Insgesamt dürfte Blade Runner 2049 aber mit Leichtigkeit seine beste Leistung als Rentier im besten Film seines Alterswerkes darstellen.

Ridley Scotts Klassiker aus dem Jahre 1982 hält stilistisch und technisch noch dem heutigen Auge stand, vom vorzüglichen Soundtrack ganz zu schweigen. Mindestens genauso wichtig für eine neue Generation an Interpreten, die in den verschwörerischen Weiten des Online-Forums einen einzigartigen diskursiven Raum erschlossen hat, ist nach wie vor die Frage, ob der Replikantenjäger Deckard selbst zu den allzumenschlichen Androiden zählt, die durch ein eingebautes Verfallsdatum von der Entfesselung ihres revolutionären Potenzials abgehalten werden sollen. Zu den obersten Geboten des neuen Films gehört demnach, diese prominente Frage nun in Blade Runner 2049 erneut aufzugreifen, zu erweitern und mit einem frischen doppelten Boden auszustatten.

Der bemerkenswert fehlerfreie Regisseur Denis Villeneuve setzt zunächst mit seinem Director of Cinematography Roger Deakins – dem wohl besten seiner Generation, wie er vor allem in Villeneuves Sicario und zahlreichen Filmen der Coen-Brüder gezeigt hat – auf große Gemälde und einprägsame Sequenzen, in denen die Sinne genauso umschmeichelt und geprüft werden wie der Geist. Unvergessen wird vor allem der Shot bleiben, in dem das KI-Hologramm Joi (Ana de Armas) mit dem Körper der Prostituierten Mariette (Mackenzie Davis) zu verschmelzen versucht, sich beide Erscheinungen übereinanderlegen und irgendwo zwischen Singularität und Differenz zu tanzen beginnen. Es ist kaum überraschend, dass es solche Manifeste des Dazwischen sind, um die der ganze Film kreist.

Wie im Vorgänger wird ein mächtiger audiovisueller Überbau mithilfe einer unscheinbaren Detektivstory erkundet, in deren Hintergrund diesmal eine Widerstandsbewegung zu stehen scheint, die alle Protagonisten und Antagonisten auf ihre ausgetrampelten Pfade schickt. Der desorientierten Zuschauerinstanz, dem Replikanten-Blade Runner K (Ryan Gosling), stehen der Emo-Industrielle Niander Wallace (Jaret Leto) samt seiner Chef-Replikantin Luv (Sylvia Hoeks) gegenüber – zwei Parteien auf der Suche nach einem auserwählten Befreier-Stereotyp, das auch in Matrix nicht so viel schlechter inszeniert wurde. Inmitten dieser Ausrede für gewaltige Set Pieces und mäandernde Visionen finden sich zwei äußerst bemerkenswerte Stränge. Erstens trifft K während seiner Reise auf die Autorin Dr. Ana Stelline (Carla Juri), die für das Drehbuch der künstlichen Erinnerungen von Replikanten verantwortlich zeichnet. Ans Krankenbett gefesselt, sagt sie, bliebe ihr nur die Flucht in die Fantasie. Solche und ähnliche Figuren kommen bekannt vor; die Doktorin erinnert insbesondere an die Narrative Designer aus der HBO-Serie Westworld. Originell genug, um endlich vom Verdacht der schieren Selbstreflexion auf den künstlerischen Produktionsprozess abzuweichen und den Gedanken aufzuwerfen, dass hier eine Ahnung von der unbetrügbaren Unmittelbarkeit der Erfahrung erreicht wird. Ks Erinnerung ist ein Design, aber als Erinnerung genauso echt wie jede andere Erinnerung auch, die nämlich nicht mehr anhand der flüchtigen Wirklichkeit, sondern nur ihrer Intensität, ihrer Präsenz als Fabel im Geist gemessen werden kann.

Hier spielt auch der zweite Punkt hinein: Die Frage nach dem Menschen. Dieses alte Rätsel, mit dem sich bereits Ödipus herumplagte und das vielleicht nirgendwo so prägnant mit immer denselben Theorien umsponnen wurde wie in der Science-Fiction, transformiert sich gegenwärtig auf der politischen, ethischen und ästhetischen Ebene. Blade Runner 2049 überbrückt seine dreißig Jahre Abstand sowohl zur Produktion als auch zur Handlung des ersten Films, indem er ebenfalls eine Art digitale Revolution andeutet, mit eigenen technischen Innovationen, Fortschritten im Umgang mit Künstlicher Intelligenz, Retrotrips innerhalb modischer Neuerungen. Selbst eine Art 9/11 hat es in der Blade Runner-Folklore gegeben, nämlich einen ominösen Blackout, von dem allenthalben die Rede ist, unter anderem mit dem Charakteristikum versehen, dass sich jeder Zeitzeuge erinnern würde, wo er sich im Moment der Katastrophe befunden hat.

Irgendwann stellt sich die Frage, ob im Anschluss an diese Zäsur und mit all den Ununterscheidbarkeiten zwischen Mensch und Replikant überhaupt noch menschliche Körper übrig sind. Gibt es den Bio-Menschen noch? Wer garantiert dem Zuschauer, dass wir nicht in Wahrheit das sehen, was wir sehen, nämlich eine Reihe künstlicher Menschen, Figuren, filmischer Androiden, ausgeschickt, das zu tun und zu sagen, was das Narrative Design vorsieht?

Gerade im Umfeld dieser Spekulation erhält der Film eine zusätzliche Brisanz: Besteht die technische Moderne nicht einzig in dem großen Projekt, klare Kategorien zu ziehen, Unterschiede zu statuieren, um an sie so zu glauben, als wären sie Religion? Und muss dieser Hauptunterschied zwischen mir und dem Anderen nicht im Zweifelsfall wieder künstlich nachgezüchtet werden, weniger, damit ich mich meiner eigenen Echtheit versichere als vielmehr meiner Zugehörigkeit zu etwas Eigenem, etwas Identischem?

Man muss nicht genau hinschauen, um diese Linien in Villeneuves Parabel erkennen zu können. Sie ist allerdings so gekonnt auf die Leinwand gebannt, dass alles andere als ein genauer Blick unmöglich scheint.

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