Miley Cyrus And Her Dead Petz


Musikkritik

„Man sollte nicht über Musik schreiben, indem man benennt, woran sie einen erinnert, sondern indem man danach schaut, was für Vorstellungen sie weckt, indem man in ihr die Formen von Musik aufspürt, die kommen werden“, schreibt Simon Reynolds im Nachwort seines viel diskutierten Buchs Retromania von 2011. Eine erstaunliche Aussage, denn Reynolds macht über vierhundert Seiten genau das, was er am Ende verdammt: Er benennt Referenzen. Und er ist wahnsinnig gut darin. Er spürt Gespenster vergangener Genres in so gut wie aller im Moment produzierter Musik auf, als Paradebeispiel dienen ihm Vampire Weekend, die freilich wie kaum eine andere Band offen mit ihrem Referenzenkatalog umgeht. Natürlich ist Popmusik-Kritik auf einen Ähnlichkeits- und Erinnerungskatalog angewiesen, um neue Musik zu beschreiben und einzuordnen. Reynolds Grunddiagnose scheint aber trotzdem nicht ganz falsch: Seit Rave zu Beginn der 90er Jahren ist nicht mehr viel Innovatives passiert im Land des Pop. Ausdifferenzierungen der Stile und Genres blieben natürlich nicht aus; und Leuchtturm-Künstler wie Björk produzieren weiter Ungehörtes. Doch solche Schockwirkungen wie sie einst etwa in den 60er Jahren jährlich produziert wurden, blieben aus. Wenn Neues geschaffen wird, dann bezieht sich das auf das Medium (mp3s, iPod etc.) und nicht auf die Musik als Kunstform. Vielleicht ist Reynolds These etwas überzogen, aber zumindest eine Tendenz zum Recycling im zeitgenössischen Pop kann man nicht bestreiten. Gründe dafür gibt es viele, Reynolds listet sie in seinem Buch fein säuberlich auf, aber am Ende läuft es meistens auf das Eine hinaus, wie immer schuld ist das Internet. Und wahrscheinlich stimmt das sogar.

Nehmen wir es für diese Kritik einfach mal hin, dass die Retro-Tendenz im Pop momentan tatsächlich weiter zunimmt – ohne das zu bewerten. Und dann schauen wir uns dieses seltsame neue Album an, von einer der schlimmsten und nervigsten und erfolgreichsten Mainstream-Sängerinnen der letzten Jahre, Miley Cyrus. Ja, diese Amerikanerin mit züchtiger Country- und Disney-Vergangenheit, die ständig ihre Zunge rausstreckt und im Video nackt auf einer Abrissbirne umherschwang. Ich will nicht sagen, dass mich dieses Album nachhaltig schockte, aber zumindest habe ich nicht mit so etwas gerechnet: Dreiundzwanzig Songs, über neunzig Minuten Spielzeit, unabhängig an ihrer großen Plattenfirma vorbei produziert, frei zugänglich über eine extra eingerichtete Homepage. Das ist schon mal alles andere als normal. Wichtigster Einfluss für das Album waren die Indie-Helden The Flaming Lips, die viele der Songs mitgeschrieben und produziert haben. Natürlich hört man das, da sind wir ganz bei der von Reynolds verdammten Popkritik, die damit arbeitet, aufzulisten, an was die Musik erinnert: Viele der Songs klingen nach den Flaming Lips. Dazu kommen andere Einflüsse, ihre alter Produzent Mike Will Made It hat eher beatlastige und an den zeitgenössischen Mainstream-R&B erinnernde Songs beigesteuert. Also hier eine unvollständige Referenzliste: 90er Jahre R&B, Indierock, Phil Collins, Kindertechno, Hauntology (ein Song singt sie zusammen mit Ariel Pink), Psychedelica, Casting-Show-Singles, Hip Hop, High-School-Lyrik, Weird Folk, Art Rock.

Aber was kann man über das Album sagen, wenn man den zweiten Teil von Reynolds Aussage ernst nimmt, nämlich welche Vorstellungen die Musik weckt, „indem man in ihr die Formen von Musik aufspürt, die kommen werden“. Miley Cyrus And Her Dead Petz geht über den beschriebenen Eklektizismus hinaus, die Summe der einzelnen Teile klingt teilweise unerhört. Manchmal will man das Ergebnis auch gar nicht hören. Aber irgendwie kombiniert Cyrus in ihrer ersten Single Dooo It Hip-Hop-Beats mit Strawberry-Fields-Orgeln und 80er-Jahre-Pathos und singt darüber Pennäler-Lyrik. Und in der Mitte zerschneidet sie alles mit einem großen Sirenen-Messer. Doch das sind wieder nur Referenzen. Das zweite Lied könnte eine nette traurige Indie-Ballade sein, leider singt Cyrus dafür zu gut. Am Ende gibt es dann noch einen viel zu ernstgemeinten Piano-Song über ihren toten Blowfish. Das ist dann wirklich zu viel. Überhaupt ist das ganze Album viel zu viel, alles ist überladen, ohne Grenzen. Und dann scheint plötzlich die Musik auf, die kommen wird. Sie ist ähnlich wie die Zuschreibungen, die wir gemeinhin dem Internet geben: ortlos, zeitlos, zerfahren, aufmerksamgestört, radikal, von Details besessen. Sie fordert zum Handeln auf, Dooo It – und dabei ist das Ziel erst einmal egal. Cyrus’ Platte klingt nach Gegenwart, wie es guter Pop immer sollte. Trotz unüberhörbarer Referenzen, ist sie neu. Und das alles von einem gestörten Mainstream-Kind. Alle schwärmten immer von Lady Gaga – und natürlich ist sie intelligenter als Miley Cyrus, aber Gagas Musik war immer nur die gleiche Einheitsware, wie sie uns permanent aus den Formatradios und Lautsprechern in H&M-Filialen entgegenplärrt. Früher kam diese Musik auch von Cyrus. Aber zu Miley Cyrus And Her Dead Petz kann man nicht mehr shoppen.

Jetzt habe ich gar nichts über die Pop-Persona Miley Cyrus, über ihren Celebrity-Status, ihre Brüste, ihre Zunge und ihre bekifften Fernsehauftritte geschrieben. Vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen.

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