Über Podcasts


Notiz

Wie so oft war ich zu spät dran, als ich vor etwa eineinhalb Jahren begann, regelmäßig Podcasts zu hören. Auch in Deutschland, wo dieses Hörformat noch ein kulturelles Nischendasein führt, gibt es inzwischen unzählige Podcasts: von eigenhändig aufgenommenen Talksendungen bis hin zu professionell produzierten, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanzierten Features. Und natürlich stellen Radiosender ihre Sendungen oft zum Nachhören ins Internet. Analog zum Serientrend sind jedoch auch die amerikanischen Produktionen hierzulande weitverbreitet. So steht momentan etwa S-Town, ein neuer Ableger des berühmten Serial-Podcast aus Chicago, auf den vorderen Rängen der deutschen iTunes-Charts.

Serial war auch mein erster Podcast. Ich lag krank im Bett, und da ich nicht fähig war, zu lesen oder auf den Computer zu schauen, begann ich die Geschichte um einen Mord, der sich in den Neunzigerjahren in den USA zugetragen hatte, zu hören. Das Genre True Crime schien allerdings nur ein Vorwand, um eine größere Geschichte zu erzählen, die von muslimischen Amerikanern und den Ungerechtigkeiten des US-Justizsystem handelt. Gleichzeitig ging es bei Serial auch immer um das Vertrauen, das man seinen eigenen Erinnerungen entgegenbringt.

In Deutschland ist es wahrscheinlich Jan Böhmermanns und Olli Schulz’ Sendung Sanft & Sorgfältig zu verdanken, dass Podcasts mittlerweile breiter diskutiert werden. Ähnlich wie Böhmermanns Fernsehsendung auch hauptsächlich als Stream übers Internet konsumiert wird, wurde Sanft & Sorgfältig, das eine öffentlich-rechtliche Radiosendung war, hauptsächlich als Podcast on demand runtergeladen. Konsequenterweise wechselten Schulz und Böhmermann schließlich zum Streamingdienst Spotify. Auch SpotifyKonkurrenten setzen vermehrt auf Podcast-Formate. Bei Deezer startete etwa der Podcast Das kleine Fernsehballett, in dem sich Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier über die neuesten Fernsehserien unterhalten.

Nach der zweiten Staffel von Serial begann ich mich weiter umzuschauen. Ich höre eigentlich nicht viel Radio, denn so interessant manche Sendungen auch sein können, stört mich doch die Musik dazwischen. Mir kommt es übergriffig vor, wenn andere – häufig sogar nur ein computerbasiertes Sendeschema – entscheiden, was ich gerade für Songs zu hören habe. Bei Podcasts fällt dieses Problem weg: Auch wenn Radiosendungen ins Netz gestellt werden, ist die Musik meist rausgeschnitten.

Zwei Umstände begünstigten meine neue Liebe zu Podcast zudem: Ich kaufte mir ein Auto und begann zu joggen. Egal, was die Fitness-Gurus einem erzählen, mehrmals die Woche immer den gleichen Weg durch den Park zu laufen, ist langweilig. Egal, was die Autofreaks behaupten: Autofahren ist ebenso langweilig. Außerdem macht es aggressiv. Gegen Langeweile und Aggressivität hilft bei mir zumindest die beruhigende Stimme von David Remnick, Chefredakteur des New Yorker, der einmal in der Woche die New Yorker Radio Hour moderiert. Dabei unterhält er sich mit seinen Mitarbeitern, es gibt Interviews mit Hollywood-Stars oder einem irakischen Arzt, der im Süden Amerikas wohnt und nach Kalifornien ziehen muss, da seine Kinder in der Schule angefeindet werden. Oder es wird ein langes Feature über ein Safe House für Flüchtlinge an der kanadischen Grenze gesendet. Dass der Chefredakteur selbst den hauseignen Podcast moderiert, zeigt, welchen Stellenwert dieses Format inzwischen in den Vereinigten Staaten einnimmt. In Deutschland ist das noch undenkbar.

Wahrscheinlich werden Podcasts oft über Kopfhörer gehört, unterwegs oder nebenher, wenn man andere Dinge verrichtet. Diese Rezeptionsweise scheint mir besonders wichtig: Man hört eine Stimme, als würde sie nur zu einem selbst sprechen, die Distanz zum Autoren verschwindet. Und anders als im klassischen Radio gibt es keine Unterbrechungen, keine Musik, keine stündlichen Nachrichten, keine Verkehrsmeldungen. Podcasts, zumindest wenn man sie aufmerksam hört, werden zu Begleitern. Wie vertraut ist mir inzwischen die nuschelnde, eigentlich überhaupt nicht radiotaugliche Stimme von Michael Silverblatt, der seit über zwanzig Jahren seine Show Bookworm auf dem amerikanischen Sender KCRW betreibt, in der er Schriftsteller interviewt. Silverblatt befragt die Autoren weniger, als dass er sie mit seiner Sicht auf ihre Bücher konfrontiert. Starautoren wie Don DeLillo oder Jonathan Safran Foer waren schon in seiner Sendung zu Gast. Letzterer räumt Podcasts übrigens einen wichtigen Platz in seinem neuen Roman Here I Am ein. Hauptfigur Jacob Bloch hört bei jeder Autofahrt Wissenschafts-Podcasts, die ihn seine persönliche Lage reflektieren lassen. Neben dem Fernsehen, das allerdings eher als Nachrichtenquelle, oft nur stummgeschaltet, dient, sind Podcasts das einzige Medium, das in Foers Buch noch vorkommt.

Es bleibt abzuwarten, ob auch in Deutschland dieses Format weiterhin an Zugkraft gewinnt. Podcasts sind zwar jetzt schon Teil des Medienkonsums geworden, sie werden das Radio jedoch nicht ablösen, genau wie auch das Internet das Fernsehen nicht vollständig an den Rand gedrängt hat. Verschiedene Medien und verschiedene Rezeptionsweisen können sehr gut nebeneinander funktionieren – und sich gegenseitig befruchten. Und etwas Erneuerung schadet bestimmt auch dem traditionellen Rundfunk nicht.

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