Die Verlorenen


Der Verlust von räumlichen und zeitlichen Bezugspunkten im Angesicht von Mobilität und Flexibilität wird zunehmend zum bestimmenden Paradigma der postindustriellen westlichen Welt. 

 

1 Am Flughafen

Jedes Mal, wenn ich am Gepäckband eines Flughafens stehe und auf meinen Koffer warte, spüre ich diese Spannung. Aus einer Öffnung kullern die Gepäckstücke und begeben sich auf eine behäbige Runde. Geht dieses Mal wieder alles gut? Werde ich gleich meinen Koffer erspähen und endlich gelassen nach vorne treten und ihn vom Band hieven? Wer zu den Unglücklichen gehört, die schon einmal die unheimliche Ruhe erlebt haben, nachdem das letzte Gepäckstück seine Runde gedreht hat und mit einem Ruck das Band zum Stehen kommt, wird diese Minuten nach dem Flug sicher ähnlich unruhig verbringen wie ein Reisender mit Flugangst die Stunden zuvor.

Vor etlichen Jahren, auf einem Flug nach Budapest, passierte es auch mir. Natürlich kannte ich die Legenden, die von den unvorstellbaren Mengen Gepäck handelten, das täglich auf Flügen verloren ging. Trotzdem schien es die Regel zu sein, dass spätestens nach ein paar Tagen die Koffer auf verschlungenen Wegen wieder zu einem gelangen. Das war auch der Tenor der Auskünfte, die ich am Lost & Found-Schalter des Flughafens und von den Hotlines der Fluglinie erhielt. „Ihr Gepäck ist nicht verloren, sondern im Moment nur nicht da“, erinnere ich noch einen Satz einer Mitarbeiterin des Flughafens. Auch der Name „Lost & Found“ beruhigte mich ein wenig. Doch meine Reisetasche blieb verschwunden.

In den folgenden Wochen erlebte ich nun das kafkaeske Spektakel, mit einer Billigfluglinie, die die Einfachheit auch noch im Namen trägt, um eine Entschädigung zu verhandeln. Heutzutage kann man Flüge meist nur noch online buchen, Kommunikation beschränkt sich auch hier auf Mailverkehr mit vermutlich outgesourcten Kundencentern. Das war auch damals schon so, aber in diesem Fall schien dieses Paradigma der digitalen Kommunikation nicht mehr zu gelten: Ich konnte die Fluglinie nur per Brief erreichen. Die Adresse hatte fast dadaistischen Charakter: Easyland bei London. Aber ich möchte mich nicht beschweren, irgendwann bekam ich tatsächlich eine, wie ich damals fand, recht großzügige Entschädigung zugesprochen. Immerhin ergab sich eine lustige Geschichte für mein erstes Buch aus dieser bizarren Episode. Leider waren auch alle meine antiken, selbstaufgenommenen Tapes verloren, die sich in der Reisetasche befunden hatten.

In ihrer vermeintlichen Banalität illustriert diese Anekdote auf mehreren Ebenen eine Erfahrung, die ich in den westlichen Staaten für paradigmatisch halte. Eine Form von Auslieferung, die in ihrer müden oder passiven Variante, ein Gefühl von Verlorenheit hervorruft. Wie die meisten Mechanismen einer durchtechnisierten und digitalisierten Welt verstehe ich auch die Abläufe des modernen Flugwesens nicht. Weit über drei Milliarden Fluggäste zählte das Jahr 2014, natürlich gehen Koffer verloren, natürlich läuft nicht immer alles glatt. Wir müssen den Fluglinien und den Flughafenbetreibern vertrauen, denn wir können nicht nachvollziehen, welch logistische und organisatorische Leistung sie tagtäglich zu meistern haben. Ist es nicht vielmehr verwunderlich, dass der Großteil des Gepäcks den Weg zu seinem Besitzer findet? Allerdings ändert das nichts an unserer Stimmung, wenn wir in den meist fensterlosen Untergeschossen der Flughäfen auf unser Gepäck warten. Kleidung, Bücher, Unterlagen, persönliche Gegenstände, wie meine Tapes, liegen in den Koffern, Dinge, über die wir uns definieren, die zu unserer Persönlichkeit gehören. In diesem Moment fühlen wir uns verloren, noch bevor wir „wirklich“ etwas verloren haben. Deswegen starre ich immer so panisch auf das Gepäckband und bin unverhältnismäßig erleichtert, wenn ich endlich meinen Koffer erspähe.

Es geht jedoch selbstverständlich nicht nur um das Gepäck, das verloren gehen könnte. Die Situation spiegelt auf allen Ebenen die Unpersönlichkeit von kapitalistischen Institutionen wieder: Wir befinden uns an einem Transitort, moderne Flughäfen laden kaum noch zum Verweilen ein, obwohl sie ein Ort des Wartens sind, Stillstand muss vermieden werden – und Bewegung äußert sich im Kapitalismus hauptsächlich durch Konsum. Flughäfen sind gigantische Einkaufszentren, Nicht-Orte mit austauschbarer Architektur. Marc Augé hat Nicht-Orte 1992 als Räume bezeichnet, die „in Bezug auf bestimmte Zwecke (Verkehr, Transit, Handel, Freizeit) konstituiert sind.“ Er grenzt sie von „anthropologischen Orten“ ab, die „Organisch-Soziales“ hervorbringen, Nicht-Orte schaffen dagegen eine „solitäre Vertraglichkeit“ (S. 96). Und ein Flughafen als „Raum des Reisenden“ ist „der Archetypus des Nicht-Ortes“ (S. 90.). An solchen Orten verlieren wir zwangsläufig unsere Identität: „Der Nicht-Ort befreit den, der ihn betritt, von seinen gewohnten Bestimmungen. Er ist nur noch, was er als Passagier, Kunde oder Autofahrer tut und lebt“ (S. 103).

An Bahnhöfen ist es vielfach noch schlimmer: Oft muss man lange suchen, bis man einen unkommerzialisierten Ort findet, einen Sitzplatz, der nicht zu einer Cafékette gehört. Auf Flughäfen kommen die Sicherheitszonen hinzu, die langwierigen, oft erniedrigenden Sicherheitschecks. Im Prinzip kennt ein Flughafen nur zwei Arten von Menschen: Konsumenten und potenzielle Terroristen.

Dass es vordergründig nicht um das Reisen geht, zeigt wiederrum die Architektur. Selbst wenn man zu spät dran ist, muss man an den meisten Flughäfen verwirrenden Umwege durch Shoppingzonen (Duty Free!) in Kauf nehmen, um zum Gate zu kommen. Alles, was nicht mit Sicherheit und Konsum zu tun hat, wirkt dabei oft dilettantisch und schlecht organisiert: Lange Schlangen an unterbesetzten Check-In Schaltern, Verspätungen beim Abflug, weil nur eine Treppe ans Flugzeug angebracht wird und das Einsteigen viel zu lange dauert. Serviceangebote, die vom Konsum ablenken, gibt es so gut wie keine: Spielecken für Kinder, kostenloses WLAN, Raucherbereiche, Buchläden mit einem Sortiment jenseits der Bestsellerliste, selbst Zeitungsstände sind rar. Alles, was Reisen angenehm machen könnte oder auch nur vereinfachen würde, wurde aus den Flughafengebäuden verbannt. Man trifft zudem ausschließlich auf uniformierte, meist gestresste Mitarbeiter: Personal von privaten Sicherheitsdiensten (Polizei gibt es meist nur noch am Zoll), Mitarbeiter der Fluglinien, selbst die Verkäufer in den Shops und Cafés sehen sich zum Verwechseln ähnlich.

Sinnbildlich verdeutlicht die Rückseite des Computers am Check-In-Schalter unsere Auslieferung an die Mechanismen des internationalen Verkehrs und Datentransfers, den wir nicht nachvollziehen können. Wir reichen unseren Reisepass dem unverbindlich lächelnden Flughafenmitarbeiter, er tippt etwas auf der Tastatur und schon liest er vom Computerbildschirm, den wir nicht einsehen können, unsere Daten ab: Wohin wir reisen, wer mit uns reist, wann unser Rückflug geht. Dann wird ein Klebestreifen mit Strichcode ausgedruckt, der am Koffer befestigt wird, und garantieren soll, dass er den gleichen Weg wie wir zurücklegt. Es ist das perfekte System einer effizienten Planung, dessen Gegenstand wir sind. Wir reisen nicht, sondern wir sind das Produkt einer ausgeklügelten Reise-Ökonomie.

Das gegenwärtige Reisen ist nur ein Beispiel für eine Verlorenheit, die sich in allumfassender Bindungslosigkeit äußert. Sie zeichnet den Alltag aus und verändert die Wahrnehmung des Raums.

Damon Albarn, bekannt als Sänger der britischen Band Blur und als Mastermind des Multimedia-Projekts Gorillaz, beschreibt in seinen späteren Songs immer wieder die Erfahrung von Verlorenheit, gerade beim Reisen. Die ersten zwei Strophen von Lonely Press Play, veröffentlicht 2014 auf seinem Soloalbum Everyday Robots, lauten: „Arrhythmia, accepting that you live / With uncertainty / If you’re lonely, press play / Die, lady, die / The aspects that you pass on / While traveling / When you’re lonely, press play.“

Herzrückmusstörungen werden zur Metapher für ein Leben in Unsicherheit, auf der musikalischen Ebene durch leicht verschobene Post-Dubstep-Beats umgesetzt. Die Einsamkeit, die das Reisen kennzeichnet, wird aufgelöst im Anschalten eines elektronischen Geräts, etwa des Smartphones oder der Spielkonsole. Positiv könnte man deuten, dass die Musik einen der Einsamkeit enthebt. Die kulturpessimistische Konnotation des Albumtitels Everyday Robots legt allerdings eine düstere Interpretation nahe: Ein durch Nomadentum entwurzeltes Individuum flüchtet sich vor der Einsamkeit in virtuelle Welten. Nun ist Damon Albarn kein rückwärtsgewandter, authentizitätsverherrlichender Rockmusiker, der digitale Produktionen ablehnt; ein Album seines Projekt Gorrillaz komponierte er etwa ausschließlich auf seinem iPad, während er sich auf Tour befand. Er beschreibt erst einmal nur zeitgenössische Phänomene – im Prinzip ein Grundanliegen von Pop-Musik, sie muss zeitnah reagieren, um ihr inhärentes Versprechen nach Aktualität einzulösen.

Auch das Video zu Lonely Press Play verweist auf das Nomadentum, die unpersönlichen Architekturen der großen Städte, in diesem Fall wohl Tokio, werden gezeigt: Hochhäuser, Rolltreppen, Kraftwerke und natürlich ein Gepäckscanner am Flughafen. Dazwischen geschnitten Bilder von einer kleinen Landstraße, wahrscheinlich in England, eine pittoreske Kleinstadt. Doch das Bild dreht sich und schon wird der Blick aus einem Flugzeugfenster gezeigt. Manchmal sieht man Albarn von hinten oder seine Hand auf einem iPod.

An Flughäfen und anderen Transitorten sind wir nicht nur Plänen und Logistiken ausgeliefert, die wir nicht durchschauen und schon gar nicht ändern können, sondern wie im Video von Damon Albarn in einer allumfassenden Architektur verloren, die uns permanent als Individuum mit eigenen Bedürfnissen, mögen sie noch so grundlegend sein (selbst die Toiletten kosten oft Geld, Trinkwasser ist nur für ein kleines Vermögen zu haben, Ruhe ist fast nirgendwo zu finden), die über Konsum hinausgehen, verneint. Uns erfasst eine Ortlosigkeit, die mit der Zeitlosigkeit der verschiedenen Zeitzonen, durch die man sich an Flughäfen bewegt, korrespondiert. Zeitverschiebungen produzieren Jetlags. Erschöpfung, Müdigkeit, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus – der Jetlag wird zu einem prägenden Symptom einer Gesellschaft der Verlorenen. (Vielleicht fahren deswegen immer noch so viele Leute gern mit dem Auto, obwohl es meist länger dauert, teurer und gefährlicher ist, da ist man vermeintlich noch sein so genannter eigener Herr.)

Man kann sich in fremden Städten verloren fühlen, weil man niemanden kennt, sich permanent verläuft oder die Sprache nicht spricht. Doch das ist keine grundlegende Verlorenheit, denn es existieren Andock-Punkte, nämlich Menschen, die wirklich hier wohnen. Man kann mit ihnen sprechen, in Zeichensprache, wenn es sein muss, sie nach dem Weg fragen. Am Flughafen gibt es keine Einwohner, sondern ausschließlich Angestellte, die nur für einen Mikrobereich verantwortlich sind – und andere Verlorene. Und mit ihnen zusammen steht man am Ende einer Reise um das Gepäckband, unsicher und angespannt, und hofft, ein Teil seines Ichs wieder zurückzubekommen. Dabei wird es sich so schnell nicht ändern, selbst wenn der Koffer nicht verloren gegangen ist. Wir steigen in die klimatisierten Hochleistungszüge, die uns in die Innenstädte bringen, die von den immer gleichen Shoppingketten dominiert sind, bis wir in unserem standardisierten Hotels ankommen, wo überall auf der Welt die Frühstücksbrötchen die gleiche Form, Konsistenz und Größe haben. Der Flughafen hat sich auf die ganze Stadt ausgedehnt.

 

2 Out of Time

Schon 2003 schrieb Damon Albarn einen Song, der Verlorenheit beschreibt, verweist darin allerdings nicht nur auf eine räumliche Dimension, sondern auch auf das Gefühl der Zeitlosigkeit: „And you’ve been busy lately / that you haven’t found the time / to open your mind / and watch the world spinning / gently out of time.“ Eine Paradoxie und eine selbsterfüllende Prophezeiung: Wir haben keine Zeit zu bemerken, dass wir uns in einer Krise der Zeit befinden. Oder: Weil wir uns in einer Krise der Zeit befinden, haben wir keine Zeit, dies zu bemerken. Und wieder verbindet es Albarn mit der digitalen Entwurzlung: „Feel the sunshine on your face / It’s in a computer now / Gone to the future way out in space.“ Die zeitliche Krise ist trotzdem nicht ohne eine räumliche zu denken: „Everything turning the wrong way round / Lord knows we’d never clear the clouds.“ Der erneut leicht kulturpessimistischen Ton des Lieds beruht jedoch wieder auf einer wertfreien Erfahrung: Zeit wird anders erfahren, wenn man sich im Internet bewegt.

Auch für die Arbeitswelt gilt eine neue Zeitdimension: Kaum jemand arbeitet im Westen noch nach Stechuhr, vielmehr wird verstärkt unbeschränkte Erreichbarkeit gefordert, wiederrum natürlich durch digitale Medien. In der Welt der Aktienmärkte ist Zeit auf allen Ebenen ohnehin zwar nicht abgeschafft, jedoch umorganisiert, es wird auf die Entwicklung von Währungen in der Zukunft gewettet. „Die Spekulation ist der Normalfall finanzökonomischer Transaktion“, schreibt Joseph Vogel in Das Gespenst des Kapitals (S.95). Terminhandel zeigt, dass auch die Ökonomie eine Zeitverschiebung vornimmt, die ein Gefühl „out of time“ zu sein evoziert.

Zeitliche Verlässlichkeit ist ebenso verloren wie ein fester räumlicher Standpunkt. Der jüngst verstorbene englische Theoretiker Mark Fisher verknüpft in seinen Analysen die räumlichen und zeitlichen Irritationen: „Es wird zunehmend schwieriger, ein Jahr vom anderen zu unterscheiden. Zeitspannen sind jetzt wie die Nicht-Orte des globalen Kapitalismus“, sagt er in einem Interview mit der Zeitschrift Jungle World und verweist damit auf die Theorie von Augé. Er nennt diese Erfahrung „eingeebnete Zeit.“ Und dies korrespondiert natürlich auch mit der digitalen Entwicklung, schließlich bedeutet Raum und Zeit im Internet etwas völlig anderes. Auch schon Augé deutet dies an. Er bezeichnet nicht nur Transitwege oder Konsumstätten als Nicht-Orte, sondern auch das „komplizierte Gewirr der verkabelten oder drahtlosen Netze, die den extraterrestrischen Raum für eine seltsame Art der Kommunikation einsetzen“ (S. 84). Anfang der Neunzigerjahre waren die Geschäftsmodelle von Facebook und anderen sozialen Netzwerken noch nicht abzusehen, doch Augé deutet etwas an, das sich auf unheimliche Weise verwirklicht hat: Soziale Netzwerke sprechen uns als Individuen an, wir benutzen sie als Kommunikationsmittel und Aushängeschild, doch in Wahrheit verkaufen wir bekanntermaßen nur unsere Informationen an einen Konzern, der sie werbetechnisch ausschlachtet. Der Nicht-Ort Facebook verschleiert permanent das Nichts, das er erzeugt, in dem er uns vorgaukelt, wir könnten dort so sein, wie wir wirklich sind. Aber wir sind doch nur wieder Konsumenten, beziehungsweise Produkte, die verkauft werden.

Um die „eingeebnete Zeit“ zu erklären, unternimmt Marc Fisher ein pophistorisches Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, eine Pop-Platte, etwa von Joy Division, 1979 veröffentlicht, wäre zwanzig Jahre vorher herausgekommen, also Ende der Fünfzigerjahren. Schnell erkennt man, dass dies unmöglich ist. In den Nullerjahren hat sich das verändert: Ein Song der Arctic Monkeys von 2006 zum Beispiel unterscheidet sich ästhetisch nur unwesentlich von einem, der 1986 veröffentlicht wurde. „Die Kultur des 21. Jahrhunderts“ ist durch „einen die Zeit suspendierenden Stillstand und eine Unbeweglichkeit gekennzeichnet.“ Er spricht von einem „Durcheinandergeraten der Zeit“, einem „Ineinanderfließen verschiedener Zeiten“(S. 15). Zwar wird permanent Innovation und Neuheit suggeriert, doch das verschleiert nur den Umstand der „eingeebneten Zeit“.

Eine Zeitkrise, die grundsätzlicher auch der Philosoph Byung-Chul Han feststellt. „Out of time“ bedeutet für ihn, die Unfähigkeit noch Dauer zu erfahren. „Das Leben wird nicht mehr eingebettet in die Ordnungsgebilde oder Koordinaten, die Dauer stiften.“ (S. 7) Es entsteht etwas, was er „Punkt-Zeit“ nennt. Geschichtliche Zeit hat die Form einer Linie, die „auf ein Ziel zuläuft oder zurast. Entschwindet der Linie die narrative oder telelogische Spannung, so zerfällt sie zu Punkten, die richtungslos schwirren“ (S. 23). Soziale Bindungen fehlen, die den „individuellen Zeithaushalt entlasten“ (S. 38). Die Zeitkrise bestehe aber, so Han, nicht in der immer wieder beschworenen Beschleunigung, die angeblich die heutige Zeit auszeichnet, sondern eben in diesem „Schwirren“. „Wo man ständig neu anfangen, sich für eine neue Option oder Version entscheiden muss, mag der Eindruck entstehen, das Leben beschleunige sich. In Wirklichkeit aber hat man es mit einer fehlenden Erfahrung der Dauer zu tun.“ (S. 39)

Diese Beobachtung beschreibt der Soziologe Richard Sennett bereits in seinem Buch Der flexible Mensch. Dieser Mensch ist das Resultat eines flexiblen Kapitalismus, der nach Sennett „starre Formen der Bürokratie“ und „blinde Routine“ zurückweist. „Von den Arbeitnehmern wird verlangt, […] offen für kurzfristige Veränderungen zu sein, ständig Risiken einzugehen und weniger abhängig von Regeln und förmlichen Prozeduren zu werden.“ (S. 10) Kurzfristige Arbeitsverhältnisse sind eine der Folgen dieser Liberalisierung – und hier sieht Sennett wie Han die Fähigkeit des Menschen bedroht, „ihre Charaktere zu durchhaltbaren Erzählungen zu formen“ (S. 37), „der Pfeil der Zeit ist zerbrochen“ (S. 131).

Flexibilität der Wirtschaft beinhaltet laut Sennett drei wichtige Elemente: „diskontinuierlichen Umbau von Institutionen“, „flexible Spezialisierung der Produktion“ und „Konzentration der Macht ohne Zentralisierung“ (S. 59). Das entsteht vor allem durch die oben schon genannte „Ablehnung jeder Routine“, durch die „Betonung kurzfristiger Aktivitäten“ und durch „die Schaffung amorpher, hochkomplexer Netzwerke anstelle straff organisierter Bürokratien“ (S.110) – also durch ein neues Zeitmanagement.

So genannte Start-Ups sind das beste Beispiel für die flexible Organisation eines Unternehmens: Die Personalfluktuation ist hoch, ständig werden angeblich nicht leistungsfähige Mitarbeiter aussortiert, beziehungsweise neue, viel versprechende Talente angeworben. Das wird von manchen Arbeitnehmern durchaus geschätzt, Aufstiegschancen sind etwa viel höher als in traditionell organisierten Firmen oder im öffentlichen Sektor. Selbst das Geschäftsmodell ist bei Start-Ups nicht unbedingt festgeschrieben. Da kaum ein Start-Up in den ersten Jahren schwarze Zahlen schreibt, ist es auf externe Geldgeber angewiesen, die kurzfristig Kapital ins Unternehmen fließen lassen, aber es auch abziehen können, je nachdem wie erfolgsversprechend das Geschäftsmodell ist. Erfolg heißt dabei nicht unbedingt Gewinn zu machen, denn auch ein defizitäres Start-Up, das viele Marktanteile hält, kann für den Investor am Ende gewinnträchtig sein, wenn es etwa an ein größeres Unternehmen verkauft wird. Das Geschäftsmodell wird also ständig modifiziert, je nachdem, was der Investor für erfolgsversprechend hält. Oft wird nur durch Trial and Error entschieden, wie es mit dem Start-Up weitergehen soll. Manchmal sind es sogar Nebenprodukte einer verworfenen Geschäftsidee, die am Ende Erfolg haben. Die inzwischen zu Facebook gehörende und weitverbreitete Foto-App Instagram beispielsweise, soll angeblich nur als Abfallprodukt einer anderen Idee entstanden sein.

In diesem neuen flexiblen Kapitalismus ist das Individuum also nicht mehr in halbwegs sicheren zeitlichen Abläufen verankert, sondern soll Risiken eingehen und permanent seine Möglichkeiten neu vermessen. Es gibt „keine gemeinsame Erzählung der Schwierigkeiten“ mehr und deswegen auch „kein geteiltes Schicksal“ (Sennett, S. 203).

„Out of time“ beschreibt also ein Verloren-Sein in Bezug auf eine nicht mehr durch den flexiblen Kapitalismus als nachvollziehbare Linie erfahrbare Zeit. Noch bis in die Neunzigerjahre war das Leben in Deutschland durch ein bestimmtes Narrativ gekennzeichnet: Auf die Schulzeit folgte das Studium oder die Ausbildung, danach die Zeit der Familie, später die Rente. Das Berufsleben spielte sich oft nur in einem Betrieb ab. Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes hat dieses Modell immer weiter zurückgedrängt. Gleichzeitig wird höchste Mobilität im Privaten wie Beruflichen verlangt, auch wenn ökonomische Imperative dies paradoxerweise erschweren, wie man an den steigenden Mietpreisen erkennen kann.

Hier fächert sich die Erfahrung der Verlorenheit in die zwei Pole Raum und Zeit auf; in der ökonomischen Dimension lassen sie sich übersetzen in Mobilität (Raum) und Flexibilität (Zeit). Beide werden als Freiheit deklariert, als Fortschritt gegenüber dem vermeintlich starren wirtschaftlichen (und auch gesellschaftlichen) System der europäischen Nachkriegsära. Aber was verlieren wir, wenn wir immer mobiler und vor allem flexibler werden? Was kennzeichnet diese neue Form der Ausbeutung?

 

3 Ausbeutung

„Der Neoliberalismus ist ein sehr effizientes, ja intelligentes System, die Freiheit selbst auszubeuten“, schreibt Byung-Chul Han in Psychopolitik. Wenig effizient ist es schließlich, jemanden gegen seinen Willen zur Arbeit zu zwingen. „Erst die Ausbeutung der Freiheit erzeugt die höchste Ausbeutung.“ (S. 11)

Nach Karl Marx muss der Arbeiter frei sein, erst dann kann er seine Arbeitskraft verkaufen, ein Sklave beispielsweise kann das nicht. Aber da der Arbeiter, wie Michael Heinrich in seiner Einführung zum Kapital schreibt, „für seine Arbeitskraft vom Kapitalisten weniger an Wert erhält, als er durch seine Arbeit produziert“, entsteht das, was Marx „Ausbeutung“, nennt. Diese Ausbeutung abzuschaffen, ist innerhalb des kapitalistischen Systems nicht möglich, wie Heinrich betont, „sondern nur durch die Abschaffung des Kapitalismus“ (S. 93/94), da Ausbeutung und unbezahlte Arbeit (die Mehrarbeit des Arbeiters, die in der Bezahlung nicht enthalten ist, da der Kapitalist ja Mehrwert erzeugen muss, um Gewinn zu erwirtschaften) wesentliches Merkmal des Warentausches ist.

Nun argumentiert Han, dass es diesen Arbeiter – zumindest in den Ökonomien der westlichen Welt – nicht mehr gibt, sondern eine neue Form der Ausbeutung auch eine neue Form des Arbeiters bedingt: „Der Neoliberalismus als Mutationsform des Kapitalismus formt aus dem Arbeiter einen Unternehmer. Nicht die kommunistische Revolution beseitigt die fremdausgebeutete Arbeiterklasse. Jeder ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmens.“ (S. 14)

Ulrich Bröckling fasste diese Bewegung vom angestellten Arbeiter zum Menschen als Unternehmer seiner Selbst vor Han 2007 schon im Titel seiner Untersuchung Das unternehmerische Selbst zusammen. Für Bröckling steht dieses unternehmerische Selbst „für ein Bündel aus Deutungsschemata, mit denen heute Menschen sich selbst und ihre Existenzweisen verstehen, aus normativen Anforderungen und Rollenangeboten, an denen sie ihr Tun und Lassen orientieren, sowie institutionellen Arrangements, Sozial- und Selbsttechnologien, die und mit denen sie ihr Verhalten regulieren sollen“ (S. 7). Gekennzeichnet wird das unternehmerische Selbst in der Aufweichung beruflicher Anforderungen, die sich in schwammigen Forderungen nach permanenter Kreativität, stetig höchste Motivation, die aus dem Angestellten selbst kommen soll, und Projekt- und Teamarbeit manifestiert. Teamarbeit ist nach Sennett „die passende Arbeitsethik für eine flexible Ökonomie“, denn im Teamwork zeigt sich zwar Macht, aber keine Autorität“ (S. 133). Früher, so Sennett, übernahm im Idealfall der Chef die Verantwortung für das, was in seiner Firma passierte, dafür hatte er aber auch die Autorität. In einem Unternehmen, das sich eher als Team definiert, wie es etwa die oben beschriebenen Start-Ups häufig tun, ist die Autorität nicht mehr klar auszumachen, jedoch dafür auch die Verantwortung suspendiert. Während der Bankenkrise am Ende der Nullerjahre konnte man diese Verantwortungslosigkeit gut beobachten: Der Broker war niemandem mehr verpflichtet, verdiente dabei aber durch die gigantischen Boni oft mehr als der CEO. Am Ende wetteten die Investmentbanker sogar auf den Zusammenbruch ihrer eignen Finanzprodukte.

Wichtig dabei ist, dass nicht wie in der Disziplinargesellschaft ein unternehmerisches Selbst durch Überwachung und Strafe konstituiert wird, sondern durch den permanenten Imperativ der Selbstoptimierung. Dieser gebiert sich allerdings nicht als Gesetz oder Forderung, vielmehr als Angebot oder Anreiz, gerade in sozialen Bindungen, die sich immer mehr mit der Arbeitswelt vermischen. Die Verschmelzung von Arbeit und Privatleben ist ein Symptom und gleichzeitig eine Ursache des Selbst-Unternehmers. Erreichbarkeit auch außerhalb des zeitlichen und räumlichen Arbeitskontinuums wird in modernen Firmen immer häufiger als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt und von der technischen Entwicklung begünstigt, das eigene Smartphone wird etwa häufig sowohl privat als auch beruflich genutzt. Bröckling kommt zu einem ähnlichen Fazit wie Han, wenn er den Neoliberalismus charakterisiert: „Die Menschen sind regierbar, weil sie konditionierbar sind, und es ist effizienter, sie mittelbar durch Anreizsysteme zu regieren als durch unmittelbaren Zwang.“ (S. 106)

Die Ausbeutung hat eine neue Dimension erreicht: Nicht nur mehr die Arbeitskraft wird ausgebeutet, sondern das Individuum, die Ausbeutung wird zur Selbst-Ausbeutung. Wenn das solidarische Prinzip in der Arbeitswelt ausgehöhlt wird und die Verantwortung nur noch auf dem Einzelnen liegt, entsteht das Gefühl der Verlorenheit. Es gibt keinen gemeinsamen Grund mehr. Der Unternehmer seiner selbst verliert also möglicherweise das, was man nach Martin Heidegger „Bodenständigkeit“ nennen könnte. In einer Rede mit dem Titel Gelassenheit untersucht Heidegger schon 1955 die Beziehung des Menschen zur modernen Technik, sein Beispiel ist die Atomenergie. Er unterscheidet zwischen zwei Arten des Denkens: Einerseits das „rechnende Denken“, das kalkuliert, forscht und plant – und auch, wenn es nicht mit „Zahlen operiert“, Rechnen bleibt. Im Gegensatz dazu sieht er das „besinnliche Denken“, ein Denken, „das dem Sinn nachdenkt, der in allem waltet, was ist“ (S. 12/13). Man muss natürlich vorsichtig sein, wenn der ehemalige Nationalsozialist Heidegger von der „wurzelkräftigen Heimat“ (S. 15) spricht, doch er konstatiert eine Verlorenheit im Angesicht der modernen Technik, die auch in den oben beschrieben neoliberalen Techniken, die das „rechnende Denken“, den ökonomischen Imperativ als einzigen Maßstab in Arbeit und Leben gelten lassen, zum Vorschein kommt: „Die Mächte, die den Menschen überall und stündlich in irgendeiner Gestalt von technischen Anlagen und Einrichtungen beanspruchen, fesseln, fortziehen und bedrängen – diese Mächte sind längst über den Willen und die Entscheidungsfähigkeit des Menschen hinausgewachsen, weil sie nicht vom Menschen gemacht sind.“ (S. 19) Die durch digitale Techniken, Algorithmen und Vernetzungen bedrängten Selbst-Unternehmer des 21. Jahrhunderts sind ebenso ohne Bodenhaftung, wie der in den Fünfzigerjahren von Heidegger beschriebene Mensch im Angesicht der Atomenergie. Heidegger plädiert für einen gelassenen Umgang mit der Technik, die den Menschen auf verlorenem Posten zurücklässt, er weist die technische Welt nicht zurück, sondern fordert Zustimmung zur Benützung der technischen Gegenstände, aber zugleich sollten wir „ihnen verwehren, dass sie uns ausschließlich beanspruchen und so unser Wesen verbiegen, verwirren und zuletzt veröden.“ (S. 23)

Natürlich kann ein wie auch immer geartetes „Zurück zur Natur“ kein Heilmittel gegen das Gefühl der Verlorenheit sein, aber einen „Boden“ zurückzuerobern, von dem aus man nicht mehr nur rechnend denkt, sondern auch gründlich – auf den Grund gehend – kann zumindest eine Reterritorialisierung einleiten, bei der das Individuum nicht mehr nur allein auf sich gestellt ist, sondern in einer der Ökonomie vorgeschalteten Gesellschaft Solidarität erfährt. Die Verlorenen müssen sich gegenseitig wiederfinden, um danach zusammen die Ausbeutungsstrukturen des globalen Kapitalismus zu entschärfen.

 

4 Die Verlierer – noch einmal am Flughafen

Aber es gibt nicht nur die Verlorenen, sondern auch die Verlierer. Um wieder das Beispiel Flughafen zu bemühen: Für viele ist der Transit, wie ihn Angehörige der wohlhabenden westlichen Staaten kennen, nicht möglich. Unzählige Menschen können nicht einfach losfliegen. Sie reisen nicht, sondern müssen fliehen. Die Aktionskünstler vom Zentrum für politische Schönheit haben im Sommer 2015 mit einer medienwirksamen Aktion darauf aufmerksam gemacht, wie einfach es wäre, Geflüchtete nach Deutschland zu holen. Dafür haben sie ein Flugzeug gechartert, um Geflüchtete nach Berlin zu fliegen. Eine EU-Richtlinie verbietet dies allerdings. Es ist also nicht Schicksal, dass so viele Geflüchtete auf dem Mittelmeer ertrinken, sondern politischer Wille. Folgerichtig wurde den Aktionskünstlern untersagt, ihre Maschine in Berlin landen zu lassen.

Flexibilität und Mobilität ist im Kapitalismus politisch gesteuert. Geflüchtete müssen auf gefährliche Routen ausweichen, anstatt mit dem Flugzeug zu fliegen, auch wenn sie Anrecht auf Asyl in Deutschland oder anderen EU-Ländern haben. Im Gegensatz zur globalisierten Wirtschaft gibt es für diese Menschen unüberwindbare Grenzen. Und auf ihrem Fluchtweg verlieren sie ganz konkret ihren Besitz, ihre Freunde, ihre Familie –und auch ihr Leben. Da scheint das westliche Gefühl der Verlorenheit plötzlich nur noch eine Befindlichkeit. Doch man darf nicht vergessen, dass es sich dabei um zwei Seiten der gleichen Medaille handelt – der flexible und globale Kapitalismus schafft auf der einen Seite die Verlorenen und auf der anderen die Verlierer.

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