Über Designated Survivor


Serienkritik

Wenn der amerikanische Präsident die Rede zur Lage der Nation, die State of the Union Address, im Kongress hält, und alle Regierungsvertreter und Parlamentarier anwesend sind, muss ein Minister dieser Veranstaltung fern bleiben. Dieser designated survivor soll etwa im Falle eines Anschlages, bei dem die gesamte Regierung zu Tode kommt, die Regierungsgeschäfte übernehmen und Präsident werden. Im Prinzip ist das mehr politische Folklore als Sicherheitsmaßnahme. Eine neue Serie des Senders ABC (in Deutschland auf Netflix zu sehen) nimmt dies nun als Ausgangspunkt: Ein monumentaler Anschlag tötet den amerikanischen Präsidenten, sein Kabinett und alle Mitglieder des Kongresses. Jedenfalls sieht es am Beginn der Serie so aus. Als designated survivor überlebt nur der Minister für Housing and Urban Development Tom Kirkman, gespielt von Kiefer Sutherland. Kirkman gehört keiner der beiden großen politischen Parteien an, er ist ein unabhängiger Fachmann, der zu allem Überfluss am Morgen des Anschlags von seiner bevorstehenden Entlassung erfahren hat.

Der Plot klingt bemüht und natürlich nicht gerade plausibel, trotzdem könnte er als Gedankenexperiment taugen, wie Herrschaft und staatliche Struktur in einem politischen Vakuum aufrechterhalten werden können, bzw. diese neue Herrschaft mit einem gigantischen Angriff auf den Staat umgeht. Leider ist die Serie ziemlich billig produziert und schlecht ausgestattet, vergleicht man sie etwa mit House of Cards, der Polit-Serie auf Netflix. Die Dialoge sind teilweise grauenhaft geschrieben (es muss ständig „der Job getan werden“) und viele der Schauspieler besitzen höchstens das Format für eine schlechte Vorabendserie.

Trotzdem ist Designated Survivor hochaktuell, denn am Beginn der Präsidentschaft von Donald Trump schafft sie das größtmögliche Gegenbild (falls man die ersten Folgen als Maßstab für den weiteren Verlauf der Serie nehmen darf). Zwar sind Trump und auch der fiktive Kirkman politische Quereinsteiger und Dilettanten, sonst eint sie aber rein gar nichts. Kiefer Sutherland spielt einen zutiefst verunsicherten Präsidenten, der mehrfach deutlich macht, dieses Amt eigentlich gar nicht ausüben zu wollen, aber eben die staatliche Gewalt für eine Übergangsphase gewähren muss. Er ist ein Intellektueller, der Cordanzüge trägt und ob seiner dicken Brille verspottet wird. Jeglicher Machthunger ist ihm jedenfalls am Anfang vollkommen fremd. Er möchte sich nicht an den Washingtoner Intrigen beteiligen und ehrlich zur amerikanischen Bevölkerung sein. Natürlich geht das komplett schief: Rechte Gouverneure machen sich selbstständig, eine überlebende Republikanerin trachtet selbst nach der Präsidentschaft, die militärische Führung hält ihn für schwach und die Medien weiden sich an seinen Fehltritten. Sogar seine eigenen Mitarbeiter hintergehen ihn. Trotzdem wird Krikman als positive Figur gezeichnet, er ist Zweifler und Denker, der differenziert und versucht menschlich zu bleiben. Als ein Gouverneur wahllos Moslems einsperrt, weil er Islamisten hinter dem Anschlag vermutet, wendet sich Kirkman mit aller Kraft gegen ihn. Eine loyale Mitarbeiterin von Kirkman bringt es auf den Punkt, als sie dem Gouverneur auf seine Feststellung, dass Christen und Juden keine Anschläge begehen, sondern nur Moslems, antwortet: „No. Extremists ((?)) did this.“ Kirkman weigert sich beharrlich, Islamisten öffentlich für den Anschlag verantwortlich zu machen, solange dies nicht zu hundert Prozent sicher ist. Seine Gegner wollen einen Feind installieren, um die USA zu einen, doch Kirkman wehrt sich gegen solche Vereinfachungen. Er möchte kein nationales Selbstverständnis, das sich nur durch Abgrenzung definiert. Allerdings schafft er es auch noch nicht, eine positive Gegenerzählung zu formulieren. Dies könnte jenseits von hanebüchenen Kriminalelementen die zentrale Narration der Serie werden – dafür müssten jedoch Dialoge und Story besser geschrieben sein.

Am Ende steht trotz allen handwerklichen Schwächen eine Serie der demokratischen Mitte, die versucht, mit Augenmaß, Solidarität und Gerechtigkeit eine nationale Katastrophe zu entschärfen. Das ist die simple Botschaft der ersten Folgen von Designated Survivor – und es spricht wahrscheinlich nicht für eine Serie, wenn sie so klar und widerspruchslos formuliert, wofür sie steht. Aber im Gegensatz zu den komplexen und vielschichtigen Serien, die von amerikanischen Bezahlsendern entwickelt werden, richtet sich Designated Survivor an eine viel breitere Zielgruppe. Und ist es in Zeiten von rechten Populisten und Scharfmachern nicht nötig, eine verständliche und vielleicht ebenfalls leicht populistische Alternative aufzuzeigen, die sich von den Extremisten auf allen Seiten distanziert und versucht – womöglich auch oft dilettantisch – gerecht zu sein?

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