Black Mirror und Daniel Kehlmanns Du hättest gehen sollen


Fernsehkritik

Die Dystopie hat einen bemerkenswerten Punkt in der eigenen Gattungsgeschichte erreicht: Sie mag deswegen derzeit so lebendig sein, weil wir sie in unserer Erfahrung, unserem Alltag längst selbst erreicht zu haben meinen. Aus genau diesem Grund müsste sie als Genre aber eigentlich auch überflüssig werden, sich selbst abschaffen. Was nützt es, eine von Screens, Social Media, Big Data oder Totalitarismus und Konsum zerfressene Welt als Zukunftsprojektion anzuschauen, wenn sie doch weniger als Hochrechnung denn als verdichtete Verzerrung des Gegenwärtigen gelten kann?

Die Geschichte lehrt, dass es mitunter solche Funktionskrisen sind, die bestimmte Gattungen erst zu neuen Höhen erheben. Den gegenwärtigen Zustand der Dystopie äußerst kühl anzuerkennen, hat sich seit einigen Jahren die britische Anthology-Serie Black Mirror zur Tugend gemacht. Sie kommt in mittlerweile drei Staffeln auf insgesamt zwölf Folgen plus ein saisonal sehr sehenswertes Weihnachtsspecial in Spielfilmlänge. Die Geschichten, die Charlie Brooker in Black Mirror erzählt, umzingeln jeweils ein geheimnisvolles Moment, einen Abgrund des Menschen im neotechnischen Zeitalter. Manchmal wird sich an bestimmten Genrekonventionen von Science-Fiction, Thriller oder Horror abgearbeitet, immer sehen wir eine in der Ausstattung und Bildsprache erbaulich artifizielle Variante aktueller Phänomene und ihrer evidenten Absurdität. Es sind auf diese Weise weniger Kurzgeschichten als vielmehr novellistische Kurzfilme, mit denen Black Mirror spielt und einen logischen Bezug zu den Wurzeln dieses Erzählens im 18. und 19. Jahrhundert herstellt. Dass es an entsprechend unerhörten Begebenheiten auch heute keinen Mangel gibt, wird durch den weiten Radius der Ideen bestätigt, in dem die Autoren ihren Welten Leben einhauchen. Von der Castingshow, die den Höhepunkt einer durch Medienaffinität anästhesierten Kolonie aus menschlichen Arbeiterdrohnen darstellt (Fifteen Million Merits) bis zur Vision eines kybernetischen Mikrochips, der alles jederzeit aufzeichnet und von einer in vorauseilendem Gehorsam aufgehenden Gesellschaft wie ein zu Ende gedachtes Facebook aufgetragen wird (The Entire History of You), sind die Bedingungen der Wirklichkeit von Black Mirror immer nur einen Katzensprung von uns entfernt und doch, im Sinne der Fabeln, die sie generieren, Lichtjahre weit weg, unerreichbar. Noch vor kurzem schien die Episode The Waldo Moment als schwächste: Es geht darin um einen mittelmäßigen Komiker, der über das Alter Ego eines unflätigen, tabulosen Comiccharakters in den britischen Wahlkampf eingreift. Dieser Kommentar zur verrohenden politischen Kultur wirkte seinerzeit recht plakativ. Der Mensch von 2016 ist hinsichtlich der Plausibilität einer solchen Figur schlauer.

Die stets etwas übertriebenen Fantasien samt Logiklücken mögen als Schwäche des Storytellings ausgelegt werden. Jede Episode steht ja zunächst vor der Herausforderung, ihre Regeln zu formulieren und gleichzeitig die Geschichte und die Figuren zu entwickeln. So verheddern sich die Drehbücher früher oder später betrüblicherweise in der eigenen Ökonomie. Es sollte aber nicht übersehen werden, dass die punktuell zu heftig angestellten Berechnungen der Autoren wie auch die zwangsläufig sich ergebenden plot holes weniger die Späne sind, über denen das Team ein eher handwerklich als narrativ spannendes Projekt immer und immer wieder aushobelt. Vielmehr gehört es auch zu den Vorzügen der Konzeption von Black Mirror, keinen zwiespältigen Realismus abzuliefern und etwa eine Soziologie der Zukunft anhand imaginierter harter Daten zu spinnen, sondern eben eine ganz zarte, fast expressionistisch zu nennende Verzerrung der Abbilder kleinerer und größerer Details unseres Alltags zu liefern. Gerade in der daraus entstehenden Not, zuweilen einen kollektiven Geist darstellen zu müssen oder sich in nicht ganz nachvollziehbare Ecken zu retten, wenn es um die Entwirrung einzelner Erzählstränge geht, ist diese sekundenschnell vollführte Verzerrung zu erkennen. Sie doppelt sich in den digitalen Gespenstern und unbekannten Welten im Inneren unserer Gadgets, die immer wieder von der Serie thematisiert werden. Eingangs jeder Episode gibt es ein kleines Rauschen, das diese Verzerrung sichtbar macht.

Der Horror von Black Mirror funktioniert insofern als uncanny valley, als Wirklichkeit, die unendlich nah ist und durch die letzte, übriggebliebene Differenz plötzlich künstlich, aufgesetzt, unheimlich wirkt. Wir alle könnten in diesen Gegenden heimisch sein. Wir verstehen intuitiv, was die dystopischen Vorstellungen ausmacht, was ihre Grundlagen und Konsequenzen sind, weil sie innerlich und äußerlich so eigen scheinen und doch als Vorstellungen und Dystopien fremd bleiben müssen. (Unter diesen Vorzeichen ist auch die erste aller Verschwörungstheorien über die Serie selbst zu begreifen, nämlich die durchaus begründete Annahme, dass sich all ihre Geschichten in ein und derselben Wirklichkeit, in einem Universum abspielen).

Am besten fängt man am Anfang an: Zwei Staffeln und das Weihnachtsspecial, dann war zunächst Schluss auf Channel 4. Zum Glück hatte Netflix – jener Sender, der noch vor wenigen Jahren seinerseits einer Fantasie von Black Mirror hätte entsprungen sein können – ein Einsehen und eine etwas längere dritte Staffel produziert. Diese entfernt sich in einigen Episoden von den britischen Wurzeln und ist dort am stärksten, wo sie zu diesen zurückkehrt. Zu sehr profitieren die politischen Anklänge von der exorzierenden Beschwörung totalitärer Tendenzen, die in englischer Literatur und englischem Kino eine gewisse Tradition hat.

Wer die ganze Klaviatur des Horrors erleben möchte, muss indes zur zweiten Staffel und ihrer herausstechenden Episode White Bear zurückkehren, die wie aus einer Erzählung E.T.A. Hoffmanns den künstlichen Blick durch das optische Medium (hier die Handykamera) zum Ursprung des Grusels erklärt und aufzeigt, was uns dieser Tage wirklich nahegeht: Nämlich die Realität einer Hölle, einer Ewigkeit in Wiederholungsschleifen, die durch den unendlichen, nackten Liebesentzug aller Mitmenschen ausgelöst und gefestigt wird.

Dass eine solche Permanenz der Verlorenheit auch anderes als Hölle sein kann, bezeugt jüngst Daniel Kehlmann mit seiner kurzen Schauererzählung – man möchte auch hier Novelle sagen – Du hättest gehen sollen. Kehlmann knüpft darin an Themen und Formen an, die ihn, so scheint es, vor allem in den Zeiten vor dem Erfolg Die Vermessung der Welt umtrieben. Mathematik, Logik, Natur, Raum und Zeit lassen mithilfe der Sprache bei Kehlmann eine Geometrie des Unmöglichen zu: Wenn rechte Winkel nicht mehr 90 Grad betragen, versagt die sinnliche Erfahrung wie auch die logische Struktur, nicht aber das Wort selbst, mit dem das Unmögliche – und sein Horror – behauptet wird.

In Du hättest gehen sollen ist die entsprechende Spukstätte eine einsame Hütte in den Bergen, in der ein Drehbuchautor mit Frau und Tochter Schreib- und Ehekrise zu überwinden trachtet, tatsächlich aber die Unausweichlichkeit der privaten und beruflichen Blockaden gänzlich zu akzeptieren beginnt. Die langsam entfaltete Kollision mit dem Anderen, mit undenkbarer, verwirrender Architektur oder einer gespenstischen Erscheinung, ist seinerseits aus einer Kombination romantischer wie postmoderner Horrotropen geschickt zusammengestellt. Man meint natürlich sogleich, diese geschilderten Krisen von Autorschaft und Wiederholungszwang des Künstlers unserem Autor Kehlmann selbst unterstellen zu dürfen. Und ginge seiner Konstruktion damit auf den Leim. Sie ist mehr als das verstaubte Pastiche, wenn sie die Darstellung der kreativen Sackgasse mit derart prickelnden Effekten ausstattet, sodass sie zugleich überwunden wirkt. Seien die Elemente des kurzen Textes auch nicht immer originell, so ist ihre Choreografie bemerkenswert. Hier stimmt jeder Satz, den der Drehbuchautor in sein Notizbuch fließen lässt, und jedes Wort ist, bis hin zum gelungenen Experiment des schriftlichen jump scares, im Sinne eines erhabenen Schauers ausgearbeitet: „Ich nahm die Fernbedienung und schaltete ein. Auf dem ersten Kanal liefen Nachrichten, ich schaltete weiter, auf dem zweiten liefen Nachrichten, ich schaltete weiter, auf dem dritten war die Frau mit den schmalen Augen zu sehen. Ihr Gesicht füllte den Schirm.“

Gerade mit der Technik dieses Zappings kommt der Text einer Nuance des Unheimlichen auf die Spur. Es wird ersichtlich, inwiefern er seinerseits als Vorlage einer Episode Black Mirror funktionieren könnte. Beiden Werken ist vor allem ein akribisches ästhetisches Interesse am Schauer gemeinsam. Wer bei Black Mirror die Bilder von unserer Wirklichkeit ausschließlich als Plot-Referenzen begreift, übersieht, dass die Unheimlichkeit der Abbildung und des Anschauens ein zunächst formales Aggregat produzieren. Erst daraus entwickelt sich Bedeutung, die nicht akkurater auf unsere derzeitige Dystopie zutreffen könnte: Wir ergeben Sinn über die verbliebenen technischen Limitierungen, die uns in unserer hochavancierten Sci-Fi-Zeit, unserer Zukunftsgegenwart noch bleiben. Im Internet etwa ist alles möglich und zugänglich, und doch ist unter anderem das Meme, eine der großen Hervorbringungen des Netzes, Zeuge dafür, dass dennoch wieder nur immer dasselbe gedacht, gesagt und wiederholt wird. Der schwarze Spiegel hält uns diese sehr konkrete Manifestation des Menschen aus dem Äther vor, während Kehlmanns präzise Stilübung zeigt, wie wirkungsvoll das Schreiben auch im Netflix-Zeitalter noch sein kann: Wenn es seine Wirkung in nämlich jenem urtümlichen Maximum der Angstlust demonstrativ um eine entscheidende Drehung der Schraube anzieht.

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