„Bob Dylan“


Extrablatt Kein Papier

Ein erster Witz zur Entscheidung vom Donnerstag, Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen, handelte davon, dass ja vielmehr der Preis mit Bob Dylan ausgezeichnet würde. Das Körnchen Wahrheit besteht hier in dem Schauer vor der Kreatur, die „Zimmermann“ vor bereits viel zu vielen Jahrzehnten erschaffen hat. Ihre Beständigkeit und ihre Geste permanenter Revolution in so vielen Bereichen ist anziehend und abstoßend zugleich. Diejenigen, die ihren Glanz nicht fassen können, wundern sich über die pure Möglichkeit eines Lebens, wie es Dylan geführt hat. Und diejenigen, die wie Ionen von diesem Glanz angezogen werden, empfinden ihn mindestens genauso unheimlich wie die anderen, nur dass sie es in andere Konsequenzen für sich übersetzen. Wie auch immer man reagiert, das Kuriosum dieses unmöglichen Lebens wurde möglicherweise auch vom Komitee bedacht und mitgespielt. Die verschobene Verkündigung – eine Woche nach den anderen Nobelpreisen – reagierte prophylaktisch auf die Besonderheit dieses Ereignisses.

Die Auszeichnung Dylans lässt diesen nichtwissenschaftlichen und nicht politischen Nobelpreis, dem einzigen, der für Künstlerinnen und Künstler reserviert ist, einen Schritt in Richtung postmoderner Vexierspiele mit Intermedialität, Hoch- und Niedrigkultur oder Polyphonie nachziehen, den die Kunst schon seit mehreren Jahrzehnten vorgegeben hat. Stephen King ist endlich vielleicht genauso gut möglich wie Miranda July, Michael Haneke wie Keiji Nakazawa. Wer den Booker Prize erhalten möchte, muss vorher einen Roman veröffentlichen, wer einen Grammy für das beste Dance- und Electronica-Album erhalten möchte, muss ein Album aufnehmen, das gewissen Kategorien und einer bestimmten Instrumentierung entspricht. Sollte irgendwann der Roman untergehen und elektronische Musik einfach nicht mehr produziert werden, können diese Preise nicht mehr vergeben werden. Musik und Literatur hören indes nicht auf. Für den Nobelpreis ist nunmehr ein entscheidender Punkt, das „Vorzüglichste“ zu schaffen, literarische Leistung sei bedeutend – und ist als Maßstab für ein satisfaktionsfähiges Urteil denkbar ungeeignet, so wie Literatur als justiziabler Konversationsgegenstand versagt.

Auf sprachlicher und kultureller Ebene hat jedenfalls Dylan nicht nur auf seine breite Fangemeinde gewirkt, sondern auch auf Künstler als Schaffende, jenseits ihrer Verehrung für die Musik. Gerade durch die weite Verbreitung über den Äther haben sich das eklektische Versmaß und die präzisen Wortcollagen mit ihren vielen einsilbigen Kadenzen einen Resonanzkörper gesucht, durch den wiederum andere weitersprechen, ob sie wollen oder nicht. Der künstlerische Kulturarchivar Dylan ist kaum zu leugnen, insofern ist die Vergabe auf rein formeller Ebene so angebracht und kontingent wie alle Juryentscheidungen.

Vielfach wurde betont, dass insgesamt zahlreiche Menschen, deren Namen heute kaum noch bekannt sind, einen Literaturnobelpreis erhalten haben, während andere, die unangefochten an der Front des literarischen Gedächtnisses stehen, leer ausgegangen sind. Preise können gar nicht anders, als inkonsequent zu sein, den Autorinnen und Autoren bleibt nichts übrig, als zu schaffen und dann loszulassen. Während das harte binäre Datum „Preisträger oder kein Preisträger“ wie alle empirischen Wahrheiten korrumpierbar scheint, ist der Jetzt-Status von Wirkung ab einem gewissen Grad kaum zu betrügen. Dylan wirkt jetzt aus diesen und jenen Gründen und er hat früher aus anderen Gründen gewirkt. Dass er aber damals und heute funktioniert, hat wiederum eine dritte Ursache. So trivial diese sein mag und so sehr man ihm das Recht auf diese Wirkung absprechen möchte, so evident ist sie auch, denn auf eine nicht ganz geheure Weise ist er nun mal da. Insofern stellt der Name Dylan auch eine eigene Währung dar, der Name Nobel meinetwegen eine andere, die beide nicht miteinander verrechenbar sind. Selbiges gilt für Atwood, Roth, DeLillo, Murakami etc. Was ist die Verleihung eines Namens gegen die Gründung eines Namens?

In Chronicles schreibt Dylan, dass er in seinen Anfangstagen äußerst fasziniert von Brecht und Weill gewesen sei. Besonders angetan habe es ihm die Seeräuber-Jenny, die berühmte Ballade über das „Schiff mit acht Segeln“. Es ist gerade die immanente Überzeugungskraft solcher Songs, die Dylan versiert reproduzieren konnte, um Musik aus Wortkunst zu schaffen. Dahingehend mauserte er sich vom Sekundär- zum Primärtext. Man sollte übrigens auch nicht vergessen, dass ebenso die Sekundärtexte zu „Bob Dylan“ Bemerkenswertes hervorgebracht haben: D.A. Pennebakers oder Martin Scorseses Dokumentationen, die Bücher von Greil Marcus oder Heinrich Detering, und den Spielfilm I’m not There, der es vielleicht am besten verstanden hat, abzubilden, wie bei Dylan alle Fäden aus Leben und Kunst in etwas zusammenlaufen, das nicht zwischen zwei Buchdeckeln oder auf einer Scheibe Vinyl anschaulich wird. Dadurch, dass der Nobelpreis akzeptiert hat, dass er egal ist, hat er wieder Bedeutung erlangt und sich für einen Tag selbst auf eigener Bühne in der Manier einer Dreigroschenoper inszeniert. Es war die unterhaltsamste Aufführung seit langem. Dylan hat ein paar Stunden danach auch gespielt, nämlich in Las Vegas. Bis Ende November sind nicht weniger als 28 weitere Auftritte angekündigt. Für den 10. Dezember gibt es derweil noch keine Termine.

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