Über das neue Album Spaceland von Sin Fang


Musikkritik

Auf Sin Fang stieß ich eigentlich erst recht spät. Jedenfalls dachte ich das. 2013 sah ich eine Live-Performance, die der amerikanischen Radiosender KEXP übertrug und als Video und Podcast ins Internet stellte. Sin Fang stand hinter einem Tisch mit unzähligen Kabeln, Keyboards und Knöpfen und zusammen mit einem Musikkollegen erschuf er einen erstaunlich breiten und eingängigen Elektro-Sound über dem seine sanfte, oft zerbrechliche Stimme schwebte, die mir irgendwie bekannt vorkam. Ich fand heraus, dass Sin Fang unter seinem beeindruckenden bürgerlichen Namen Sindri Már Sigfússon bei der Folk-Band Seabear gesungen hatte. Inzwischen war er als Solokünstler unterwegs und hatte zu diesem Zeitpunkt schon drei Alben beim deutschen Label Morr Music veröffentlicht (das erste noch unter dem Namen Sin Fang Bous).

Ich hörte mir einige Lieder von den verschiedenen Platten an und war etwas überrascht, vor allem die älteren Songs konnte man ebenso wie Seabear als Folk bezeichnen, wenn auch in seiner verrückteren, überladenen Spielart. Es gab Chöre, Glockenspiele, unzählige Instrumente übereinandergelegt und elektronische Elemente. Die Songs seines dritten Albums erinnerten dann teilweise stark an Animal Collective in ihrer Merriweather Post Pavilion-Phase. Auf jedem der drei Alben fand ich grandiose Melodien und perfekte Pophymnen, die nur ein klein wenig zu verspielt waren, um Hits zu werden. What’s wrong with your eyes vom Album Flowers könnte so ein Hit sein, doch am Ende sind Sin Fangs Melodien wahrscheinlich doch ein wenig zu kompliziert und die Instrumentierung zu kleinteilig, um im Radio bestehen zu können.

Der Auftritt bei KEXP schien allerdings in eine andere – elektronische – Richtung zu zeigen. Wobei wir beim neuen Album Spaceland wären.

Aber gehen wir noch einmal einen Schritt zurück: Sin Fang kommt aus Island – und es ist doch immer wieder erstaunlich, was dieses kleine Land an guter Popmusik produziert. Natürlich denkt man sofort an Björk und Sigur Rós. Daneben gibt es aber noch unzählige andere Künstler und Künstlerinnen, die seit Jahren interessante Alben veröffentlichen und durchaus international erfolgreich sind: Ólafur Arnalds operiert im Grenzbereich von Klassik und Elektro, das Debüt-Album von Ásgeir wartet mit melancholischen, elektronisch gebrochenen Folk-Pop auf, Gus Gus produzieren seit Jahren tanzbaren House und erst letztes Jahr feierte Sóley mit düsteren Indie-Hymnen Erfolge auch auf dem europäischen Festland. Letztere spielte auch zusammen mit Sin Fang in der Band Seabear. Ebenso ist Jónsi, Sänger von Sigur Rós, auf der ersten Single Candyland zu hören.

Die Musikszene auf Island ist zwar vielfältig, aber letztlich klein und man kennt sich. Die wichtigen Clubs und Bars in Reykjavík sind im Prinzip alle auf einer Straße zu finden. Diese isländische Kollaborations-Kultur prägt das neue Album. Wichtiger ist allerdings, was sich schon beim KEXP-Auftritt ankündigte: Sin Fang hat sich nun vollständig von seiner Folk-Vergangenheit losgesagt und die neuen Songs nahezu ausschließlich aus Synthesizer, Samples und manipulierten Akustik-Sounds zusammengesetzt, wie er in einem Interview sagt. Gleichzeitig ist der Sound basslastiger geworden als noch 2013. Bei Candyland funktioniert das sehr gut. Was nicht zuletzt am hymnischen Refrain, gesungen von Jónsi, liegt. Trotzdem irritieren die Trap-artigen Bässe etwas.

Sin Fangs Songwriting passt nicht immer zu den teilweise tanzbaren Beats. Außerdem ist die Produktion zu glatt geraten, manchmal wähnt man sich in einem Rihanna-Track, nur noch Sin Fangs verhuschter Gesang widerspricht dem Mainstream-Gedanken, dem der Sound verpflichtet scheint. Das ist wirklich schade, denn Sin Fang kann immer noch ziemlich eingängige Melodien schreiben, oft taucht plötzlich aus sinnlosen Beats ein unwiderstehlicher Refrain auf, etwa beim Song Branch. Man hätte sich gewünscht, Sin Fang würde da weitermachen, wo er bei KEXP aufgehört hat: Folk-Songs mit ungewöhnlicher elektronischer Instrumentierung zu dekonstruieren und danach wieder neu zusammenzusetzen.

Trotzdem ist zum Beispiel der Song Never let me go, den er zusammen mit Sóley singt, eine großartige Popballade. Vielleicht etwas zu süß, vielleicht (gerade textlich) ein wenig zu pathetisch. Aber hier funktioniert seine Idee, Indiefolk mit Mainstream-Pop und Elektrosound zu kombinieren. Den großen Durchbruch wird aber auch Spaceland nicht bringen, wahrscheinlich hat es Sin Fang auch nicht wirklich darauf angelegt. Trotzdem hätte er ein wenig subtiler ans Werk gehen können, so wie bei den grandiosen Vorgänger-Alben. Für alle, die einen Einstieg suchen, seien die ersten drei Lieder von Flowers empfohlen. Auf diesen Songs hört man alles, was Sin Fangs Musik ausmacht: perfekte Melodien, leicht überladene Instrumentierung, optimistische Melancholie – und wahrscheinlich auch sein verhuschtes Pathos. Auf dem neuen Album scheint das alles leider nur manchmal auf.

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