Die Welt von Heute


Notiz

Vor einigen Wochen lief der Film Vor der Morgenröte im Kino. Er beschreibt in wenigen Episoden die letzten Jahre des Schriftstellers Stefan Zweig, der sich als österreichischer Jude während des Dritten Reichs auf der Flucht befindet und sich in Südamerika und in New York aufhält. Es ist ein zarter Film, eine behutsame Annäherung an den entwurzelten Pazifisten Zweig, der vom österreichischen Komiker Josef Hader gespielt wird. Hader schafft es fast nur mit Blicken und wenigen Gesten, die Verzweiflung auszudrücken, die Zweig in diesen Jahren als Flüchtling fühlen musste. Vielleicht stimmt die Binsenweisheit tatsächlich und existenzielle Traurigkeit kann am besten von vermeintlichen Spaßmachern verkörpert werden.

In einer der eindrucksvollsten und zugleich bedrückendsten Szenen sieht man Zweig im Auto, er und seine Frau fahren an einer Zuckerrohrplantage in Brasilien vorbei und in der Fensterscheibe spiegeln sich der Rauch und das Feuer einer Brandrodung. Und plötzlich ist der Krieg und die Vernichtung in Europa so nah, und Hader schafft es nur durch seinen Gesichtsausdruck, das ganze Leid Zweigs zu zeigen, das dieser spüren musste, wenn er an seine europäische Heimat dachte, wo unzählige seiner Freunde und Verwandten unmittelbar vom Tod bedroht waren.

Nichts verabscheute Stefan Zweig mehr als den Krieg. In seiner Autobiographie Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers beschreibt er, wie er den Ersten Weltkrieg miterlebte. Zweig liebte Europa, hatte überall Freunde, darunter viele bekannte Schriftsteller und Musiker. Er reiste viel, wohnte in Paris, doch während des Kriegs war er gefangen in seinem kleinen Österreich und musste mitansehen, wie sich Nationen bekämpften, an die er nicht glaubte. Grenzen verabscheute er fast ebenso sehr wie Gewalt – vor allem, weil sie ja immer nur mit Gewalt aufrecht zu erhalten sind. Der Nationalismus ist ihm das Grundübel, der Urgrund des Krieges. Er träumt von einem vereinten Europa, schreibt von „europäischem Gemeinschaftsgefühl“ als sich die europäischen Mächte gerade zum Krieg rüsten. Angesichts des technischen Fortschritts und der beginnenden Globalisierung in Wirtschaft und Kultur staunen er und seine bürgerlich-liberalen Freunde in ganz Europa über die rückständigen und bornierten Nationalbewegungen, die so großen Zuspruch erhalten: „Wie sinnlos, sagten wir uns, diese Grenzen, wenn sie jedes Flugzeug spielhaft leicht überschwingt, wie provinziell, wie künstlich diese Zollschranken und Grenzwächter, wie widersprechend dem Sinn unserer Zeit, der sichtlich die Weltbürgerschaft begehrt!“

Zweig erzählt von seinen Reisen in die USA und nach Indien, als er noch keinen Pass benötigte, nicht einmal einen besaß – und wie sich ab dem Ersten Weltkrieg alles änderte. Er beschreibt die Prozeduren, die wir heute bei jeder Reise, an jedem Flughafen, über uns ergehen lassen müssen, die endlosen Durchsuchungen und Befragungen, das Pässe vorzeigen und Formulare ausfüllen. „Wieviel ist unserer Produktion, unserem Schaffen, unserem Denken durch diese unproduktive und gleichzeitig die Seele erniedrigende Quengelei genommen worden“, fragt er.

Aber das sind nur die Anfänge. Nach der Machtergreifung Hitlers ist er plötzlich staatenlos und im englischen Exil auf die Güte seiner Gastgeber angewiesen. Einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit ist plötzlich nur noch ein Bittsteller, am Ende sogar Feind, weil man ihn als Deutschen ansieht – obwohl er doch als Jude gerade vor den Deutschen fliehen musste. Ein Flüchtling des Krieges und des Terrors wird mit den Feinden assoziiert, die auch seine sind. Es überrascht, wenn man dann auf einmal in diesem 1940 geschriebenen Buch Begriffe liest, die einem heute täglich begegnen: „Gestern noch ausländischer Gast […], war ich Emigrant geworden, ein ‚Refugee‘“.

Die Parallelen zur Gegenwart sind so deutlich, dass man im Grunde gar nicht mehr darauf hinweisen muss. Stefan Zweig war ein überzeugter Europäer und Weltbürger, der jede Gewalt ablehnte und unerschütterlich am Pazifismus festhielt. In den letzten Jahrzehnten wurde an einem Europa gebaut, das Zweig wahrscheinlich zuversichtlich gestimmt hätte, der Nationalismus schien halbwegs besiegt; eine Tendenz, die Zweig auch während der Zwischenkriegszeit ausmachte, aber die dann in einem noch viel verheerenderen Nationalismus aufging. Am Ende sah Zweig keinen Ausweg mehr. Er hasste den Krieg, aber der Krieg war nur noch mit Krieg zu bekämpfen. Die letzte Episode von Vor der Morgenröte spielt am Totenbett von Zweig und seiner Frau, die sich 1942 in Brasilien das Leben nahmen.

Ebenso wie der Film verstört, ist Zweigs Buch Die Welt von Gestern eine bestürzende Lektüre, weil sie so viel von der Welt von Heute erzählt. Flucht und Krieg, Nationalismus und Ohnmacht der Freiheitsliebenden – die Themen, die ihn damals umtrieben, treiben unsere Gegenwart wieder um. Deswegen ist ein Film über die Flucht eines bürgerlichen Schriftstellers aus dem Österreich des 20. Jahrhunderts plötzlich so aktuell. Beängstigend aktuell.

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