„What else have you been hiding?” Celest Ngs Everything I never told you


Buchkritik

In Celeste Ngs Everything I never told you ist die Familie ein physikalisches Phänomen. Wie sie funktioniert, sich verändert und welche Dinge immer gleichbleiben, scheint auf physikalischen Gesetzen zu beruhen – schlichte Gegebenheiten, mit denen man sich anzufreunden hat.

Lydia, die älteste Tochter der amerikanisch-asiatischen Familie Lee, ist das „reluctant center“ innerhalb dieser Konstellation. Ihre Aufgabe ist es, die Welt ihrer Familie in Balance zu halten: „[…] she held the world together. She absorbed her parents‘ dreams, quieting the reluctance that bubbled up within.“ Der Vater wünscht sich, dass sie beliebt ist, weil er es – als Sohn von chinesischen Immigranten – nie sein konnte; die Mutter erhofft sich eine Karriere als Ärztin von ihrer Tochter, weil ihr es als Frau in den 1950ern und den 1960ern nicht gelang. Mit beiden Ansprüchen hat Lydia zu kämpfen. Sie ist nicht beliebt, spielt ihrem Vater jedoch Telefonanrufe von all ihren angeblichen Freundinnen vor; sie hat keine Leidenschaft für Naturwissenschaft, lernt aber dennoch intensiv, um ihre Mutter nicht zu enttäuschen. Von dem vorgespielten Leben ihrer Tochter wissen ihre Eltern nichts und werden es auch erst sehr spät erfahren.

Es ist Mai 1977 und die 16jährige Lydia ist zu Beginn des Romans tot – die Familie sitzt beim Frühstück und ist erst im Begriff, sie zu vermissen. Später wird Lydias Körper in einem See ganz in der Nähe des Hauses gefunden. Ngs Romans handelt davon, was passiert, wenn die Familienkonstellation überraschend neu geformt werden muss. Wie setzt sich eine Familie neu zusammen, wenn die ordnende Kraft fehlt? Der Twist in diesem Fall ist, dass Lydia ihre zentrale Rolle nur mühsam und nur über Lügen, Vortäuschungen und Schauspielerei aufrechterhalten konnte. In der Tat war diese Rolle gerade dabei, ihr zu entgleiten, bevor sie gestorben ist. Das ordnende Zentrum, das nun fehlt, wird also gleichzeitig als nie existent und fehlerhaft festgestellt.

Der Roman dreht sich natürlich um das Mysterium von Lydias Tod, doch eigentlich interessiert Ng das Aus-der-Balance-Geraten der Familie. Sie zeigt zunächst, dass die Familie Lee nie wirklich ein stabiles Konstrukt war, denn unter der zentralen Stellung von Lydia müssen ihre Geschwister, der ältere Nath und die jüngere Hanna, leiden. Nath wird fast verabscheut von seinem Vater, weil dieser den Vater an ihn selbst erinnert und Hanna wird komplett ignoriert. Sie muss sich Zuwendung erschleichen, sie annehmen wie abgetragene Kleidung. Wie ein Hausgeist kriecht sie durch das Haus, sammelt abgelegte Dinge von ihren Geschwistern und ihren Eltern, um einen fetischisierten Kontakt zu ihnen herzustellen. Eine Überlegung Lydias fasst diese Familiendynamik passend zusammen: „From all her studying, this flashed through her mind: For every action, there is an equal and opposite reaction. One went up and the other went down. One gained, the other lost. One escaped, the other was trapped, forever. The thought haunted her for days.“

Lydia versteht jedoch selbst nicht, warum sie gerade in der Favoriten-Rolle steckt. Warum wird nicht ihr Bruder Nath, der sich für Astronomie begeistert, unterstützt? Ihr Unverständnis wird in Analogie zu ihrem immer schwieriger werdenden Verhältnis zum Fach Physik deutlich: „The more she thought about it, the less sense it made. Why didn’t the race cars tip over? Why didn’t the roller coaster fall down from its track? When she tried to figure out why, gravity reached up and pulled down the cars like a trailing ribbon. […] Above her desk, on the postcard her mother had given her, Einstein stuck out his tongue.“ Ihre Verzweiflung ist nicht nur inhaltlicher Natur, es sind nicht nur die physikalischen Grundlagen, die immer unzugänglicher für sie werden. Sie versteht die Struktur ihrer eigenen Welt nicht. Wie kann die Schwerkraft überwunden werden, fragt sie sich und will damit nicht etwa wissen, wie ihre eigenen Beschränkungen überwunden werden. Was sich hier androht, ist ihr eigener Fall – wie kann sie verhindern, dass sie der Schwerkraft nachgibt, aus den Gleisen springt und nach unten rast? Um oben zu bleiben, darf sie die Wünsche und Träume ihrer Eltern nicht zerplatzen lassen.

Erst ein Streit mit einem Freund bringt sie auf die Idee eines radikalen Neuanfangs. Statt ihren Eltern alles recht machen zu wollen, möchte sie deren Träume ablegen und anfangen, ihre eigenen zu entwickeln. Als Zeichen für einen neuen Start begibt sie sich zum nahegelegenen See; in einer Art Feuertaufe möchte sie – die schwache Schwimmerin – in den See springen und als neue Person wieder auftauchen. Damit wiederholt sie ein Ereignis, das schon einmal stattgefunden hat, nur war es damals ihr Bruder, der sie gerettet hat. Ohne jeglichen Lebenswillen hatte sie sich damals eher widerwillig aus dem Wasser ziehen lassen, diesmal möchte sie sich selbst aus dem Wasser befreien und bejahend dem Leben gegenübertreten. Sie stirbt jedoch bei dem Versuch und die neue Lydia wird es nie geben. Sie hat es nicht geschafft, sich dem Sog des Wassers zu widersetzen. Ihr ist es nicht gelungen, wie ein Achterbahnzug der Schwerkraft zu trotzen, sie wird zum Boden des Sees gezogen.

Als Reaktion auf Lydias Tod, der als Suizid eingestuft wird, gerät die ganze Familie ins Taumeln und unausgesprochene Konflikte kommen an die Oberfläche. Alle Familienmitglieder versuchen das Zentrum, das Lydia verlassen hat, irgendwie zu besetzen. Der Vater geht eine Affäre mit einer jungen Studentin ein, die seine Tochter sein könnte – auch sie hat chinesische Eltern; die Mutter besetzt den leeren Raum, den Lydia hinterlassen hat, ganz konkret, indem sie das Zimmer ihrer Tochter fortan bewohnt; Nath konzentriert sich darauf, den vermeintlichen Freund Lydias zu verfolgen und Hanna geht Lydias nächtlichen Weg zum See ab, versucht die letzte Nacht ihrer Schwester nachzuempfinden.

Es sind diese Auseinandersetzungen innerhalb der Familie, die den Roman so wertvoll machen in der Landschaft der amerikanischen Familienromane. Er setzt am Kern des amerikanischen Selbstverständnisses an, dem oft zitierten melting pot. Die Kinder der Familie Lee sind Produkte eines noch jungen Schmelzvorganges, welcher, so wird sich herausstellen, auf völlig falschen Voraussetzungen basiert. In der Theorie finden sich verschiedene Kulturen und bilden eine gemeinschaftliche Einheit, im Fall von Lydias Vater und Mutter wollte jedoch jeder eine Flucht vollziehen. Lydias Vater sieht in der blonden Mutter den Zugang zur amerikanischen Welt und erhofft sich durch sie endlich Akzeptanz, die Mutter jedoch sieht in dem Vater das Fremde und Andere, das sie auch in sich selbst feststellt. Was die beiden am jeweils anderen anzieht, ist also völlig gegensätzlich. Der Vater möchte endlich dazugehören, die Mutter möchte Verbündete finden, die sich auch von ihrer Umwelt abheben. So sind auch die Ansprüche an die Tochter widersprüchlich: beliebt zu sein, aber auch jeden Tag nach der Schule nur mit Lernen zu verbringen, um Medizinerin zu werden. Die Ansprüche zerreißen Lydia und sie treiben auch fast die Eltern auseinander, bis diese den inneren Widerspruch in ihrer Beziehung begreifen, wenn auch nicht auflösen können.

Trotzdem bleibt in dieser Hinsicht ein Rest Unbehagen zurück, denn Lydias soziale Probleme hängen auch damit zusammen, dass sie die einzige Amerikanerin mit chinesischen Vorfahren an ihrer Schule ist, ein Fakt, den beide Eltern völlig ignorieren, ja, denen dieser gar nicht bewusst zu sein scheint. Lydias Andersartigkeit ist zumindest in den 1970ern in den USA ein Problem, das sich nicht leugnen lässt und das den Erfolg des melting pots in Frage stellt. Lydia ist kein Konglomerat zweier Kulturen, sondern unfreiwillig Repräsentant einer Kultur, zu der sie keinerlei Beziehung hat. Darin versteckt sich auch eine bewusste Abwendung von der Kultur der Vorfahren, die sich besonders an der Biographie des Vaters zeigt, dessen Studiengebiet amerikanische Cowboys sind. Der Unterschied zu anderen Familienromanen, die meist von weißen Mittelschichten handeln, ist evident. Nicht nur entsteht hier das Bild eines komplizierteren Familienlebens, zudem ist dessen Komplexität einem genuin amerikanischen Grundprinzip geschuldet – dem melting pot, dessen Schmelzvorgang von allen Seiten behindert oder in Frage gestellt wird und vielleicht von Beginn an zum Scheitern verurteilt war.

Der Roman endet auf den ersten Blick optimistisch. Nach chaotischen und emotional aufwühlenden Wochen, die jeder alleine mit sich verbringt, kommt es zu einem Knall, nach welchem die Welt gereinigt von emotionalem Müll erscheint. Lydias Geschwister können sogar ihre Beziehung zu den Eltern verbessern. Nath und Hanna werden von ihnen das erste Mal positiv wahrgenommen, Hanna erfährt zum ersten Mal Zuneigung und Nath wird nicht mehr auf die Rolle des Doppelgängers vom sozial ungeschickten Vater reduziert. Das sollte eigentlich für ein befriedigendes Ende des Romans sorgen. Beunruhigenderweise jedoch beweist sich hieran nicht nur eins von Lydias Prinzipien, sondern es scheint geradezu wörtliche Wahrheit geworden zu sein: Wenn einer untergeht, dann profitieren andere davon.

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