Über Judith Hermanns Erzählungen Lettipark


 Buckritik

Sogar, dass Judith Hermann schreiben kann, ist ja umstritten. Seit den Geschichten aus ihrem erfolgreichen Debüt Sommerhaus, später von 1998 gab es immer die Stimmen im Literaturbetrieb, die ihr absprachen, schreiben zu können. Schiefe Bilder, inhaltslose Sätze, Effekthascherei und natürlich Kitsch sei das, was Hermann da fabrizierte. Triviale Befindlichkeitsliteratur für verzogene Großstädter, die keine wirklichen Probleme haben – außer vielleicht, dass sie keine Probleme haben. Das ist natürlich Quatsch, einerseits. Andererseits ist es schade, dass ihre letzten beiden Bücher, der Roman Aller Liebe Anfang von 2014 und jetzt die im Frühjahr veröffentlichten Erzählungen Lettipark ihren nervigen und wahrscheinlich auch neidischen (immerhin ist Hermann eine weltweit erfolgreiche Literatin) Kritikern ein Stück weit recht geben.

Aller Liebe Anfang war eine zum Roman aufgeblähte Kurzgeschichte, auf dreißig oder vierzig Seiten hätte der Spannungsbogen durchaus gehalten, aber auf zweihundert Seiten konnte Hermann die Leere ihrer Prosa um eine Mutter und ihren Stalker dann doch nicht verbergen. Alles, was in ihren ersten drei Erzählbänden – und vor allem in dem grandiosen Episodenroman Alice, in dem die Hauptfigur von Geschichte zu Geschichte vom Tod eingekreist wird, den Reiz ihres Erzählen ausmachte, wendet sich gegen sie: die Sätze, die eine seltsame leere Traurigkeit transportieren, Figuren, die fast beiläufig den Halt verlieren, Gesten, die unmerklich ein ganzes Leben verändern können. Das alles sehr unaufgeregt und sparsam geschildert, aber doch kunstvoll arrangiert – und tatsächlich immer mal wieder am Rand dessen, was gemeinhin Kitsch genannt wird. Nun sind davon in den Miniaturen – kaum ein Text ist länger als zehn Seiten – von Lettipark nur noch Posen übrig geblieben. Beraubt vom letzten Rest Handlung, die die früheren Erzählungen Hermanns noch stabilisierten, erschöpfen sich die Momentaufnahmen nun in wenigen, meist abgeschmackten Bildern. Kohle schaufeln, Lagerfeuer vor alten Zirkuswagen, bunte Luftballons in einem russischen Kinderheim – echt jetzt? Die Figuren sind oft nicht mehr als Abziehbilder Hermanns früherer Protagonisten. Sie erklären sich nicht, man weiß einfach nicht, was man mit ihnen anfangen soll. Und wenn sie dann doch langsam Kontur annehmen, ist der Text auch schon wieder zu Ende.

Doch manche Erzählungen in dem neuen Band funktionieren trotzdem, vor allem, wenn sich Hermann ein wenig mehr Zeit nimmt. Oder wenn sie wieder diese kleinen Gesten beschreibt, die so viel aussagen: „Sie macht ihm die Wohnungstür auf, sie steht an der Tür und sieht zu, wie er die Treppe hochkommt, und sie muss die Hände in die Hosentaschen stecken, um ihn nicht zu umarmen.“ Mit einem Satz beschreibt Hermann eine komplexe Beziehung zweier Menschen. Aber dann lassen sie Papierflieger fliegen und die Erzählung versandet in einer lahmen Metapher. Dabei sind das die stärksten Momente, wenn Hermann Beziehungen beschreibt, ohne Pathos und in ihren irritierenden Beiläufigkeiten.

Viele der Texte in Lettipark wirken wie Skizzen für längere Geschichten, die Hermann aber anscheinend nicht schreiben will oder kann. Das ist ärgerlich und sogar ein wenig traurig, denn manchmal schimmert eben wieder diese reduzierte und lakonische, aber gleichzeitig symbolhaft aufgeladene Sprache Hermanns auf, die eine Stimmung so genau beschreiben kann und gleichzeitig transzendiert. Das kann Judith Hermann wie kaum eine andere Autorin oder ein anderer Autor in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur. Und viele haben es versucht in den fast zwanzig Jahren seit Sommerhaus, später, aber nie erreicht. Inzwischen schafft sie es auch selbst nicht mehr.

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