Über Tom McCarthys Satin Island, Deakin und Animal Collective


Buch- und Musikkritik

Manchmal fallen einem zufällig die seltsamsten Verbindungen, Verwandtschaften und Ähnlichkeiten auf. Eine Koinzidenz zwischen zwei oder mehreren eigentlich nicht in Verbindung stehenden Ereignissen oder Dingen. Vielleicht taucht diese Verknüpfung nur kurz auf, gewinnt plötzlich eine Bedeutung, die kurz darauf schon wieder verschüttet wird, wenn man sie nicht festhält und aufschreibt. Verwandtschaften zwischen scheinbar völlig getrennten Phänomenen spürt auch der Held in Tom McCartneys neuem Rom Satin Island nach. Er wird U. genannt und ist als Anthropologe in einer nur als „Company“ bezeichneten Firma tätig, bei der es sich im weitesten Sinne um eine Art postmoderne Kommunikationsagentur handelt. Arbeit im traditionellen Sinne wird dort nicht verrichtet, sondern eher Ideen gesammelt und Konzepte erstellt – auch ohne direkten Kundenauftrag. So soll U. einen „Great Report“ erstellen, in dem er – wie sein Chef Peyman es imaginiert – die zeitgenössische Gesellschaft beschreibt und auf einen Nenner bringt: „What I want you to do, he said, is name what’s taking place right now.“

Und so spürt U. den großen und kleinen Narrativen nach, die die globalisierte Welt der Flughäfen, Megacitys und digitalen Kommunikation zusammenhält oder vielleicht eher: auffächert: Assoziationen, Beschreibungen, Bilder, selbst Träume, die manchmal eben ungeahnte Verbindungen aufweisen, aber doch nie zu einem Ganzen werden. Die Form fehlt. Die Ordnung, die scheinbar existiert, ist eine undurchschaubare, ohne Ursprung, ohne Ziel – und wahrscheinlich auch ohne Grund.

U. ist zum Beispiel besessen von einem Fallschirmunfall, auf den er zufällig stößt. Bei dem Unfall handelt es sich womöglich sogar um Mord, jemand könnte den Fallschirm so präpariert haben, dass er sich nicht öffnet. Wo fand dieser Mord statt, fragt sich U. in einer Art Analyse des Vorfalls. „In the sky“ oder eher dort, wo der Fallschirm präpariert wurde? Und wann? Wurde der Fallschirmspringer schon vor seinem Sprung ermordet, wusste er es nur noch nicht? U. fällt dazu das bekannte Paradoxon von Schrödingers Katze ein, die gleichzeitig lebendig und tot ist. Das wiederrum erinnert ihn daran, dass er und seine Kommilitonen während des Studiums eine anthropologische Untersuchung nicht ganz korrekt Cat-in-the-box-Paradox nannten: Der Beobachtete ist sich immer bewusst, dass er beobachtet wird, verhält sich möglicherweise anders, um dem Anthropologen zu gefallen oder seine Thesen zu bestätigen. Ein bekannter Effekt in der Anthropologie. Und eine Paradoxie, die sich durch den ganzen Roman zieht, denn die Rollen sind nicht klar verteilt zwischen Beobachter und Beobachteten: Wie kann man etwas beobachten, von dem man ein Teil ist? Und: Gibt es wirklich diese Verbindungen oder existieren sie nur, weil U. (übrigens schwingt da das englische „you“ mit), diese Verbindungen und Verwandtschaften sucht?

U. kommt auch nicht voran mit dem „Great Report“. Die Kollegen fragen ständig nach Fortschritten, aber seine Antwort ist stets die gleiche: „It will find ist shape.“ Genau das hatte Peymann zuvor auf U.s Frage geantwortet, welche Form der „Great Report“ denn haben solle.

Während ich Satin Island las, hörte ich das Album von Deakin, bekannt als gelegentlicher Teil des Animal Collective, einer Brooklyner Experimental-Band, deren Sound zwischen elektronischen Beats, Beach-Boys-Harmonien, Freak Folk und Noise Rock changiert, aber oft in überraschenden und zwingenden, fast hymnischen Melodien kulminiert. Bekanntestes Beispiel ist wohl der Song My Girls vom Album Merriweather Post Pavilion, das 2009 erschien. Deakin hat dieses Jahr sein erstes Soloalbum Sleep Cycle veröffentlicht, eher in der Länge einer EP, sechs verhuschte Songs, manchmal eher Skizzen als wirklich ausformulierte Lieder, Spielereien mit Gesangsspuren und Naturgeräuschen. Die Platte ist folkiger, weniger elektronisch als etwa das neue Album von Animal Collective, Painting with, das ebenfalls 2016 erschien, und auf dem Deakin nicht mitgewirkt hat. Aber die Herangehensweise ist eine ähnliche. Aus oft dissonanten, manchmal ziemlich anstrengenden und mitunter nervenaufreibenden Sounds entwickelt sich plötzlich eine mitreißende Melodie, vielleicht begraben unter unzähligen Effekten, aber trotzdem – oder gerade deswegen – unwiderstehlich. Aus Unordnung, sich entgegenstehenden Stimmen und Sounds, entsteht etwas, its shape, könnte man sagen. Das ist wohl ein wesentlicher Teil eines kreativen Prozesses: Die Form finden. Und deswegen jagt Peymans Antwort U. auch Angst ein, weil sie ihn auf sich zurückwirft: Finde den Zusammenhang. Und dann benenne ihn. Aber in welcher Form du das tust, ist mir egal.

Doch anstatt sich anzunähern, die Verbindungen wirklich festzuzurren oder vielleicht auch aufzulösen, bleibt U. mit seinen Untersuchungen in der Schwebe, er findet nicht die Form – oder nicht die Form, die er sich als wirkliche Form vorstellt. Vielleicht – und das ahnt U. selbstverständlich – weil es kein Außen mehr gibt (oder sogar nie gab), von dem aus man das Innere neutral betrachten könnte. Wie McCarthy es in einem kleinen Band mit einem Essay und Gesprächen sagt: „Es ist, glaube ich, nicht unwichtig, dass mein Held politisch so kompromittiert ist (er speist linke Theorie zurück in die Unternehmensmaschinerie ein), denn dieser Mythos von der kreativen Autonomie geht mir einfach nicht ein: die Vorstellung, dass der Künstler in irgendeinem erhabenen Bereich ‚außerhalb’ wirkt, unbeleckt von Politik und Kommerz und dem ganzen anderen Zeug. Natürlich tun wir das nicht; man befindet sich immer innerhalb des Rasters, man operiert immer in einem Verhältnis zur Macht.“

Gibt es nun auch eine verborgene Verwandtschaft zwischen Deakin und Animal Collective auf der einen Seite und Satin Island auf der anderen Seite? Was bedeutet es, dass ich das Album während meiner Lektüre zufällig hörte? Wirklich zufällig? Arbeiten beide nicht mit ähnlichen Mitteln? Was ist der Zusammenhang? Bin ich es?

Dies ist kein „Great Report“, ich muss also keine Antworten geben, es genügt, darauf hinzuweisen. So wie es auch McCarthy in seinem Roman macht – er beschreibt die Gegenwart und deutet Koinzidenzen an. Aber was das alles bedeuten soll, ob es überhaupt etwas bedeutet, oder das Konzept Bedeutung hier gar nicht mehr anwendbar ist, muss der Leser schon selbst entscheiden.

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