Die 90er Jahre als Erinnerung. Neue Platten von Radiohead, Sulk und anderen.


Musikkritik

Ich höre eigentlich nur im Badezimmer Radio. Seit Neuestem lade ich mir hin und wieder auch mal einen amerikanischen Podcast runter und höre ihn über mein Smartphone. Aber ist das überhaupt noch Radio? Diese Allzeit-Verfügbarkeit von kulturellen Inhalten (um es mal ökonomisch auszudrücken) kommt mir jedenfalls sehr entgegen. Angefangen hat es natürlich mit amerikanischen Serien, die plötzlich permanent im Internet verfügbar waren – und nicht mehr nur 22.15 Uhr an einem Dienstag auf einem bestimmten Programm gesendet wurden, meist ziemlich schlecht ins Deutsche übersetzt. In den 90er Jahren, als das bei mir so richtig losging mit dem Medienkonsum, musste ich noch meinen Vater bitten, den Videorekorder zu programmieren, damit er mir Alternative Nation, die Indiemusik-Sendung auf MTV, aufnahm, die für mich – als schulpflichtigen Frühaufsteher – zu inkompatiblen Zeiten gesendet wurde. Aber im Badezimmer geht es ja ohnehin nicht darum, neue Musik zu entdecken, sondern nur um Geräuschkulisse. Da tut es das gute alte Radio.

Als ich neulich morgens meine Zähne putzte, erklang ein Lied, das mich augenblicklich in diese prä-Internet-Zeit der 90er Jahre versetzte. Bester Madchester-Sound mit einem Einschlag Britpop, auch Shoegaze klang an. Aber was war das für eine Band? Sie erinnerten mich zwar an die Stone Roses und die Charlatans, auch die frühen Blur konnte man ausmachen, der Sänger klang allerdings eher wie eine sanftere Version von Liam Gallagher. Der Moderator klärte mich auf: Es handelte sich um das Lied No Illusions der britischen Band Sulk, 2016 auf ihrem zweiten Album veröffentlicht. Perfekter Retro-Britpop also.

Ein paar Minuten später, ich stieg gerade aus der Dusche, wurde ich ein zweites Mal in die 90er Jahre versetzt, dieses Mal erkannte ich die Band dank der charakteristischen Stimme des Sängers sofort: Ein Song der neuen Radiohead-Platte. Thom Yorkes Stimme zu hören ist etwa so, wie nach Jahren mit einem alten Freund ein Bier trinken zu gehen. Man hat sich eigentlich nichts mehr zu sagen, aber für einen Abend nostalgisch in alten Zeiten zu schwelgen, macht auch mal Spaß.

Ein neues Radiohead-Album ist in der Musikwelt immer noch ein erstrangiges Ereignis, es wird überall besprochen, Diskussionen entbrennen unter den Fans, die natürlich hervorragenden Videos zirkulieren im Netz. A Moon Shaped Pool heißt die Platte und eignet sich perfekt, um sich mal wieder der Nostalgie hinzugeben, denn alles, was Radiohead ausmacht, vereint das Album: schwermütige Melancholie, musikalische Experimentierfreunde, komplexe Songstrukturen, elektronische Experimente, wunschschöne Melodien, die sich nur langsam erschließen und eine der traurigsten Stimmen der zeitgenössischen Popmusik. Dieses Mal wird zudem noch verstärkt mit einem Orchester gearbeitet. Es ist wahrhaft ein würdevolles Altern dieser Ausnahmeband, auch wenn sie schon lange nicht mehr so aufregende Platten machen wie einst Kid A und OK Computer.

Es ist natürlich sehr einfach Radiohead vorzuwerfen, ihre neuen Arbeiten seien nicht mehr so innovativ wie die legendären Alben um die Jahrtausendwende. Full Stop vom neuen Album zum Beispiel fügt The National Anthem von Kid A nicht besonders viel hinzu. True Love Waits kennen die Fans sogar schon als Live-Version seit den 90er Jahren. Aber man kann von einer Band nicht ernsthaft erwarten über Jahrzehnte hinweg sich immer wieder neu zu erfinden und darüberhinaus für die Fortentwicklung der Popmusik relevant zu bleiben. Besonders, da erst jetzt langsam klar wird, wie wichtig Radiohead, gerade in ihrer Kid A –Phase, für die Pop-Musik heute sind. Das neue Album der Berliner Elektro-Supergroup Moderat bezieht sich ganz deutlich auf den elektronischen Sound von Radiohead und Sänger Sascha Ring orientiert unüberhörbar an Thom Yorke.

Die 90er Jahre sind hip, das ist wahrscheinlich keine neue Erkenntnis. James Blake sampelte schon zum Anfang seiner Karriere 2010 R’n’B aus den 90ern und frühen 00er Jahren. Auch sein neues Album, ebenfalls gerade veröffentlicht, greift in vielen Stücken den Sound dieses vergangenen Jahrzehnts auf, genauso wie etwa Grimes in ihrem hippen Pop-Mash-Up immer wieder Retro-Gefühle evoziert.

Noch dazu kehren viele der alten Helden zurück. Mit leicht modifiziertem Sound, aber doch unverwechselbar. Blur veröffentlichten 2015 ein neues Album, Suede dieses Jahr. Die Shoegazer von Lush haben eine sehr schöne neue EP veröffentlicht, ebenso Massive Attack. Auf einem ihrer neuen Songs ist sogar der alte Weggefährte Tricky wieder dabei, dessen Debütalbum Maxinquaye von 1995 ebenfalls als Einfluss für viele neue Musikproduktionen nicht zu unterschätzen ist. Genauso wie übrigens das UNKLE-Projekt von James Lavelle, das Ende der 90er DJ Shadow, Thom Yorke, Richard Ashcroft, Ian Brown, Mike D. von den Beastie Boys und viele andere auf einem Album vereinte. Die düsteren Songs von Psyence Fiction und den Nachfolgealben wirken manchmal wie eine Blaupause für die neuen Moderat-Stücke. Ähnlich wie sich Sulk bei Britpop und Madchester bedienen, so kann man starke Einflüsse von UNKLE und Massive Attack bei Haelos ausmachen, einer weiteren neuen Band aus England. Das neue Projekt von Nils Frahm nonkeen erinnert dagegen an eine andere elektronische Musikspielart der 90er Jahre – an den Nu Jazz von Kruder & Dorfmeister.

Eins der wichtigsten Alben kam 2015 von Jamie xx, sonst bei The xx für die Beats zuständig. In Colour erinnert – genauso wie die neue Platte von James Blake – oft an den elektronischen Sound der 90er Jahre. Allerdings vermittelt durch die Platten von Burial, die dieser vor knapp zehn Jahren veröffentlicht hat. In den Songs von Burial ist der Rave der 90er Jahre nur noch eine Reminiszenz, ein melancholisches Grabmal. Die Beats sind brüchig geworden. Das Knistern der Plattennadel, das Burial vielen seiner Liedern zugrunde legt, ruft eine vergangene, analoge Zeit auf, als DJs noch schwere Schallplattenkoffer schleppen mussten und keine ultradünnen Laptops das Auflegen erleichterten. Jamie xx und auch Moderat sind nun die Erben dieses Sounds. Eine Art popkulturelles Simulakrum, bei dem der Ursprung immer weiter verschüttet wird, denn natürlich bezogen sich auch schon die Trip-Hopper und Raver auf Musik aus vergangenen Epochen.

Die 90er Jahre sind jedenfalls weiterhin ein wichtiger Bezugspunkt für zeitgenössische Musikproduktionen, entweder bestimmt durch einen klaren Retro-Moment oder aber als vage Erinnerung, die in ihrem Verblassen festgehalten wird. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier Trauerarbeit für ein Jahrzehnt geleistet wird, als die Welt noch halbwegs in Ordnung schien, das Internet wirklich Neuland war, neue Bands auf MTV liefen, CDs gekauft wurden und man tatsächlich noch mit interessanter Musik Geld verdienen konnte. Und als man noch Radio hörte, wegen der Musik – und nicht nur als Berieselung im Badezimmer.

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