Dieses ozeanische Gefühl. Jeff Lemires Underwater Welder


Buchkritik

Auf den ersten Seiten gibt es das programmatische Setup. In vier Panels, direkt untereinander, wird uns zunächst ein Leuchtturm im Gewitter gezeigt, darunter ein bärtiges Gesicht im Profil mit einer frischen Zigarette im Mund. Noch einen Schritt tiefer blickt man in die Augen des Gesichts, zurückgeworfen vom Spiegel der Frontscheibe eines Autos. Schließlich sieht man eine Hand am Radio, auf der Suche nach Musik. Danach bietet eine ganze Seite Platz für das Panorama (man muss vorher umblättern): Leuchtturm, Bootstege, Hafenhäuser an der Hafenpromenade und ein dazugehöriger Strandabschnitt, von den wilden Wellen umspielt, in die ein stürmischer Regen hinabfällt. Am Rand der Wagen mit dem Mann mit der Zigarette, mit dem Gesicht, mit der Hand am Radio. Daraufhin wieder drei Seiten mit jeweils vier Ausschnitten. Wir sehen, wie das Radio ausgeschaltet wird, die Kippe sich dem Ende neigt, später weicht sie in der Profilansicht einem Bier. Kein Zweifel, dass das nasse Element in all seinen Formen vom Neopren der inzwischen gezeigten Taucherausrüstung abgewehrt wird: Von oben das Wetter, von der Seite die See, doch von außen nach innen der Alkohol, der ein Begehren darstellt, welches durch die Rüstung des Tauchers abgeschirmt ist. Die Taucherflossen sind bald angelegt, die Brille aufgesetzt. Dahinter sehen wir noch einmal das Gesicht, es lässt neben den turbulenten Pupillen aus Bleistiftringen allenfalls noch ein paar Tropfen auf der Haut erkennen, unsicher darüber, ob sie nun Regen, Schweiß oder Tränen darstellen. Auf der nächsten Seite endlich watet die Gestalt in vier Schritten hinab in die See. Wir zoomen heran, näher, näher, nah, bis nur noch der Strudel zu erkennen ist, über dem eben noch ein Mensch, dann nur sein Kopf zu sehen war. Das Wasser als feindseliges Habitat und Sehnsuchtsort zugleich – halb zieht es ihn, halb sinkt er hin.

Jeff Lemires Graphic Novel Underwater Welder eröffnet mit einem symptomatischen Gang in die Tiefe. Was mit diesem Verschlucken durch die Natur beginnt, ist häufig auch ein Trip in den Schrecken des Unbewussten, das Stimmengewirr des Verdrängten, das Lebkuchenhaus namens Ich, draußen köstlich, damit wir im Inneren selbst verspeist werden können. Das Buch hat dahingehend viel gemeinsam mit E.T.A. Hoffmanns Bergwerken zu Fallun und Filmen wie The Descent oder Event Horizon. Ob es die verlassenen Minenschächte sind, das grenzenlose Weltall oder mysteriöse Unterwasserwelten: Was hinter den Spiegeln auf uns wartet, sind immer wir und unsere Brüche. In Lemires Comic wird der Schweißer Jack, der in einem Küstenort auf einer Industrieplattform submarine Wartungsarbeiten durchführt, den bekannten Kräften dieses zerrütteten Wellengangs ausgesetzt. Es gibt Unerledigtes mit dem verschollenen Vater in Distanz aufzuarbeiten, eine damit verbundene Belegung des eintröpfelnden Irrsinns, die schwangere Frau als rationales Gegengewicht (und gleichzeitige Bedrohung einer Wiederholungsneurose) und allerlei Effekte aus dem Fundus des alten und neuen Horrors. Was das Erlebnis so fesselnd und überzeugend macht, ist der stilistisch abwechslungsreiche, manchmal fast fahrlässig unsaubere Strich, mit dem Lemire seine intime Geschichte auf die Seiten holt. Mal sind es satte Tintenzeichnungen, mal verspielte Kritzeleien, aus denen etwas Konkretes nur nach mehrfachem Hinsehen herauszuschälen ist. Alles scheint unklar wie in einem Blick aus dem Bullauge eines versunkenen Schiffes. Eine solche Wahrnehmung hat auch viel gemeinsam mit den Sichtverhältnissen im Traum. Auf derartigen Analogien zwischen Tiefsee und Tiefschlaf beruhend, erzählt Lemire eine solide Schauergeschichte mit bourgeoiser Moral, die aufgrund der Qualität in der Beherrschung seines Mediums schließlich etwas Besonderes ist.

Der Kanadier Jeff Lemire ist vor allem als Autor der Vertigo-Reihe Sweet Tooth bekannt, inzwischen arbeitet er auch für Marvel. Als Star der Szene hat er sich zur Vollendung dieses Projekts laut Nachwort die nötige Zeit und Ruhe schwer erkämpfen müssen und Underwater Welder gleich bei einem Indie-Verlag, nämlich Top Shelf Productions, untergebracht, wo es bereits 2012 erschienen ist.

Das Sabbatical zur Gewährleistung einer ungefilterten künstlerischen Vorstellung hat sich gelohnt, denn herausgekommen ist eine nachhaltige, wenn auch nicht hochgradig innovative Geschichte. Letzteres ist auch gar nicht notwendig, sind doch die Ich-Investigationen immer noch fesselnd genug, um sich aus eigener Kraft zu rechtfertigen. Wir alle erschrecken zuweilen vor uns selbst, vielleicht häufiger als vor anderen Gefahren. Der Underwater Welder schweißt unser kaputtes Inneres für die Dauer von zwei bis drei Lektürerunden provisorisch zusammen. Danach gehen wir wieder allein an die Oberfläche.

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