Über A Hologram for the King


Filmkritik

Dann ist der Film plötzlich vorbei. Ich sitze im Kino und bin etwas überrascht. Rezensionen sollten ja nicht den Schluss eines Films spoilern, aber zu verraten, dass ein Film erstaunlich plötzlich zu Ende geht, wird den Genuss schon nicht schmälern. So geschieht es nämlich bei Tom Tykwers neuem Film A Hologram for the King, mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Die Buchvorlage schrieb Dave Eggers, der mit seinem letzten Roman The Circle die Zukunftsvision schlechthin für das Internet in Zeiten von Big Data und allesumfassender digitaler Überwachung entworfen hat. Auch in A Hologram for the King geht es um große Themen der Gegenwart: Globalisierung und Islam. Zum Glück hat Tykwer Hanks für den Film gewinnen können, der mit seiner niedlichen Wurstigkeit noch die sperrigsten Zusammenhänge auf amerikanische Vorstadtgröße zusammenschrumpfen lassen kann. Der von Hanks gespielte Alan Clay besitzt die gleiche Fähigkeit: Er kann große Fragen gut simplifizieren, wie Clay selbst erzählt.

Clay ist Vertreter einer amerikanischen Software-Firma, die dem saudischen König ein neues Computerprogramm verkaufen möchte, eine Art Skype, das jedoch den Gesprächspartner als Hologramm in die eigenen vier Wände holt. Dieses Geschäft ist eine Art letzte Chance für Clay, er war früher Chef einer Fabrik in den USA, die von der Konkurrenz aus China ausgebootet wurde – trotz oder gerade weil er die Produktion nach Fernost verlagert hatte. Nun muss er in Saudi-Arabien dem König das Computerprogramm verkaufen, um seiner geliebten Tochter das College finanzieren zu können. Erstes großes Thema: Das alte Amerika zerrieben zwischen den neuen Welt- und Finanzmächten China und Saudi-Arabien.

In der Wüste interessiert sich aber keiner so recht für Clays Firma, nicht einmal WLAN gibt es für die gestressten Techniker, die das Programm zur Präsentation vorbereiten sollen. Ob der König je kommen wird und die Amerikaner ihr Produkt vorführen können, ist mehr als unklar. In der Zwischenzeit freundet sich Clay mit seinem saudischen Fahrer an und erkundet das fremde Land. Bei der Beschreibung von Religion und saudi-arabischer Gesellschaft umschifft Tykwer recht geschickt die zwei großen Fallen: Exotismus und arroganten westlichen Blick. Die Saudis schauen die gleichen Serien wie die Westler, hören gern amerikanische Rockmusik aus den Siebzigern und sind gar nicht so anders, obwohl sie keine Jeans tragen und jeden Tag zu festgesetzten Zeiten beten.

Das erinnert ein wenig an eine These von Slavoj Žižek, nach der die Annährung an vermeintlich fremde Kulturen nicht durch gutgemeintes, aber letztlich geheucheltes Verständnis (weil es das gar nicht geben kann) geschieht, sondern durch gemeinsames Lustigmachen über die jeweiligen seltsamen Eigenarten. Auch die frühen Reisereportagen von Christan Kracht verfolgten ein ähnliches Konzept: Im Anderen nicht entweder den Heiligen oder den Wilden zu sehen, sondern einen Weltbürger, der ebenso den oft absurden Zwängen eines global agierenden Kapitalismus unterworfen ist. Allerdings führt sich dieser außerhalb der westlichen Hemisphäre deutlich raubtierhafter auf. Das bekommt auch Clay im Film immer wieder zu spüren. In den Baustellen einer neuen Megacity entdeckt er etwa die heimatlosen Arbeitsnomaden, zuständig für die niedrigen Tätigkeiten im Königreich, sozusagen die dunkle Kehrseite des Wohlstands der Saudis.

Gleichzeitig zeigt Tykwer natürlich auch die Unterschiede: Saudi-Arabien ist eine von einem repressiven Islamverständnis geprägte Diktatur mit surrealen Ausmaß. Aber – so Tykwer (und auch Eggers in den meisten seiner Bücher) – die einzelnen Menschen sind nicht das System. Es gibt Nischen und Lücken, etwa wird geschickt dem staatlichen Alkoholverbot getrotzt. Und Clay findet ebenfalls so eine Nische: Er lernt eine saudische Ärztin kennen und es entspannt sich eine seltsam jugendliche Liebesgeschichte. Die Verbote, die die Staatsreligion auferlegt, erzeugen nicht nur Grenzen, sondern auch Spannung. Und wieder überwiegen die Gemeinsamkeiten zwischen den Liebenden; als die Ärztin von ihrer Scheidung erzählt, die in diesem Land besonders schwierig ist, fühlt sich Clay an seine eigene Trennung erinnert, Scheidungen sind schließlich in keinem Land einfach.

Am Ende ist die Botschaft recht simpel – und leider auch etwas kitschig umgesetzt: Es gibt keinen Clash of Cultures. Es zählen die einzelnen Menschen, zu ihnen baut man Beziehungen auf, nicht zu Staaten oder Kulturen. Und als das gesagt ist, ist der Film dann auch ziemlich schnell vorbei.

Tom Hanks kann froh sein, dass Tykwer diese für einen Hollywood-Großschauspieler ungewöhnliche (und auch selbstironische und lustige) Rolle geschrieben hat – andersherum funktioniert der Film aber auch nur durch Hanks gekonntes Spiel, das zwischen staunender Naivität, amerikanischer Rechtschaffenheit und kultureller Offenheit changiert. Und Tykwer, das wusste man allerdings auch schon vorher, kann Filme drehen, er findet die richtige Bildsprache für die Leere der Wüste, die selbstverständlich nicht ganz so leer ist, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Man hätte sich nur gewünscht, er würde am Schluss nicht so hetzen, damit alles noch irgendwie zu einem befriedigenden Ende gebracht werden kann. Wenn der Film sanft andeutet, statt alles zu erklären, ist er eindeutig am stärksten.

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