„Something would happen“ – Chimamanda Ngozi Adichies Purple Hibiscus


Buchkritik

Chimamanda Ngozi Adichie ist längst kein unbekannter Name mehr. Erst 38 Jahre alt hat sie schon drei preisgekrönte Romane und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht und gilt zu Recht als die moderne weibliche Stimme Nigerias, die oft sogar im selben Atemzug mit Chinua Achebe genannt wird. So beginnt auch ihr Debütroman Purple Hibiscus (2004) mit einer Anspielung auf Achebes wohl bekanntesten Roman: „Things started to fall apart at home when my brother, Jaja, did not go to communion“. Der erste Satz gibt auch schon all das wieder, wovon der Roman handeln wird, denn er endet mit: „and Papa flung his heavy missal across the room and broke the figurines on the étagère“. Die Familie im Zentrum des Romans steht im Bannkreis eines streng religiösen Vaters, der andächtige Stille im Haus verlangt und seine Familie in jeder ihrer Tätigkeiten kontrolliert. Bei jedem Verstoß fügt er seinen zwei Kindern und seiner Frau Gewalt zu. Sinnbildlich wirft er also das Messbuch nach seinem Sohn. Sein obsessives Verlangen danach, ein strenger Christ zu sein, wird seine Familie im Laufe des Romans zerfressen und schließlich zu seinem eigenen Verfall führen.

Die Dinge, die auseinanderbrechen, sind also die Familie, es ist aber auch das Nigeria um 1960 und es ist auch das Bild des Vaters, das sich in den Augen der erzählenden Tochter ändern wird. So ist das erste Kapitel des Romans mit Breaking Gods betitelt und bezieht sich nicht nur auf die zerbrochenen Figuren, sondern auch auf den Übervater, der in seiner Gemeinschaft als Wohltäter gefeiert, fast geheiligt wird. Und dies ebenfalls völlig zu Recht; er spendet, er lädt ein, er kümmert sich um die Armen, er denkt an sie und er engagiert sich zudem politisch, denn er finanziert eine Zeitung, die regierungskritische Artikel veröffentlicht und die auch der Rache der Regierung nicht immer entkommen kann. Er ist wohlhabend, darauf macht nicht nur die erwähnte étagère aufmerksam, aber er ist keinesfalls ein unreflektierter Mensch oder ruht sich auf seinem Reichtum aus; er ist ganz im Gegenteil ein politisch und gesellschaftlich aktiver Mensch, der von seinem Umfeld größte Achtung verdient, denn er lebt ein unbequemes Leben im ständigen Kampf mit den Mächtigen des Staats.

Das Ungeheuer in Adichies Roman ist also kein eindimensionaler Charakter, sondern scheint sogar tief betroffen zu sein von seinen eigenen Gewaltausbrüchen, die er jedoch als notwendiges Übel betrachtet um seine Familie ‚rein‘ zu halten. Es ist genau diese Widersprüchlichkeit, die es erlaubt, den Vater auch als Konsequenz einer christlich geprägten Kolonialpolitik zu verstehen. Der Vater ist christlicher als mancher Missionar und strenger, was die Ausführung von religiösen Riten anbelangt: „Most people did not kneel to receive communion at the marble altar with the blond life-size Virgin Mary mounted nearby, but Papa did. He would hold his eyes shut hard that his face tightened into a grimace, and then he would stick his tongue out as far as it could go“. Die Zunge taucht immer wieder als Motiv im Roman auf und provoziert natürlich auch die Assoziation zur Kolonialherrschaft, denn es ist zuallererst die Zunge, die gebändigt wird: „He [der Vater] hardly spoke Igbo […] he did not like us to speak it in public. We had to sound civilized in public, he told us; we had to speak English“. Dieser übereifrige Anpassungsdrang ist ganz klar davon motiviert, sich in einem kolonisierten Land Respekt und Gehör zu verschaffen.

Schon Achebe hat dies in Arrow of God eindringlich beschrieben. Hier schickt der Priester des Stammes einen seiner Söhne auf eine Schule, die von Missionaren geführt wird, damit dieser die englische Sprache und den englischen Gott kennenlernt, denn Wissen ist Macht. Die Tatsache, dass ausgerechnet der Priestersohn die fremde Religion erlernen soll, zeigt, dass es nicht um religiöse Divergenzen geht, sondern um die Art und Weise wie Führungsfiguren Einfluss auf eine Kultur und eine Gesellschaft erlangen. Dem Priester geht es auch darum, die eigene Stellung erhalten zu können, indem er den Nachbarn besser kennenlernt und möglicherweise auch seine Schwachstellen. Der Vater bei Adichie scheint noch einige Schritte weitergegangen zu sein; er ist selbst zu einer Art Kolonialherr geworden, es gibt niemanden in seinem Bannkreis, der nicht von ihm abhängig ist. Trotzdem oder gerade deswegen: Er wird verehrt und geliebt, auch von seiner Tochter, die er einmal so stark misshandelt, dass sie bewusstlos wird und mehrere Tage im Krankenhaus verbringen muss.

Der Roman wird von dieser Tochter, der jungen Kambili, erzählt, die nicht nur physisch von dem Vater eingeschüchtert wird, sondern deren Innenleben völlig von den Regeln und den Erwartungen des Vaters geprägt ist. Sie ist unfähig, an Widerstand zu denken, zu sehr sehnt sie sich nach der Liebe und dem Zuspruch des Vaters, der ihr gegenüber auch oft zärtlich ist. Doch diese Zärtlichkeit ist immer an drohenden Schmerz gebunden. Ein Ritual, das sie mit ihrem Vater teilt, besteht darin, von dem Tee ihres Vaters probieren zu dürfen. Doch diese so genannten ‚love sips‘ sind schmerzhaft: „The tea was always too hot, always burned my tongue, and if lunch was something peppery, my raw tongue suffered. But it didn’t matter, because I knew that when the tea burned my tongue, it burned Papa’s love into me“. Wieder ist es die Zunge, die zuerst getroffen wird, die sich der Unterwerfung fügen muss.

Der emotionale Missbrauch, den sie erleidet, ist überdeutlich und zieht große Kreise. Sie ist völlig vereinsamt und hat keine Freunde. Sie traut sich nicht, nach der Schule mit ihren Schulkameradinnen zu reden, denn kommt sie zu spät nach Hause, wird sie bestraft. Keine ihrer Schulkameradinnen versteht dies und so gilt sie zu Unrecht als die arrogante, reiche Tochter. Ihre privilegierte Stellung ist in ihrem Fall ein Gefängnis, das deutet schon die Beschreibung ihrer Umgebung an: „Our yard was wide enough to hold a hundred people dancing atilogu, spacious enough for each dancer to do the usual somersaults and land on the next dancer’s shoulders. The compound walls, topped by coiled electric wires, were so high I could not see the cars driving by on our street“. Der Schutz von außen, schirmt sie auch ab von der Außenwelt. Das gilt auch im übertragenen Sinne, denn der pompöse Luxus innerhalb ihres Anwesens macht sie naiv gegenüber den wirklichen Umständen im restlichen Nigeria und auch unwissend der Tradition ihres Landes gegenüber. Es ist die langsame Öffnung der Jugendlichen auf mehreren Ebenen – emotional, physisch und kulturell –, die das Herz des Romans ausmacht.

Der Anfang, der vom Auseinanderbrechen der Welt spricht, ist so gesehen ein Versprechen, denn damit fällt auch die Mauer zwischen ihr und der Außenwelt. In der Beschreibung des Romans wird dies immer an der Entdeckung des Lachens festgemacht. So heißt es im Klappentext: „Escape and discovery of a new, liberated way of life come when Nigeria is shaken by a military coup, forcing Kambili and her brother to live at their aunt’s home, a noisy place full of laughter“. Dies mag relativ kitschig klingen, gelingt aber durch die einfühlsamen Beschreibungen von Adichie, die es schafft ein außergewöhnliches Portrait herzustellen. Meisterhaft fängt sie die Stimme einer völlig zurückgezogenen Jugendlichen ein, für die vieles fremd ist und die sich oft nur mit ihrer eigenen inneren Verwirrung beschäftigt. Der Leser wird eingesponnen in ihre unnatürliche Naivität und fühlt mit, wenn ihre Schüchternheit sie übermannt und bewegungsunfähig macht. Ihre Zurückhaltung wird langsam und stetig von ihrer Tanten und ihren Cousinen abgetragen, manchmal mit Empathie und Geduld, oft jedoch mit der schlichten Konfrontation eines anderen Lebensstils und der Forderung an sie, für sich selbst einzustehen.

Der Beweis, dass die Öffnung erfolgreich war, ist die Freundschaft zwischen Kambili und ihrer wortgewandten Cousine. Zu Anfang steht die Cousine ihr misstrauisch gegenüber, doch gegen Ende des Romans verbinden sie fast schwesterliche Gefühle. Auch hier hat sich Adichie für eine ungewöhnliche Route entschieden: Statt Kambili den direkten Widerstand gegen ihren Vater planen zu lassen, findet diese ihre eigenen privaten Welten und denkt das erste Mal über ihre eigenen Lebensprinzipien nach, zum Beispiel, wenn sie den Großvater kennen und lieben lernt, der vom Vater immer nur als barbarischer Nichtgläubiger betrachtet wurde. Sie entwickelt eigene Richtlinien und Moralvorstellungen, ohne diese jedoch in direkte Konfrontation mit ihrem Vater zu bringen.

Der Roman endet dramatisch, doch dass das Ende an eine griechische Tragödie erinnert, schadet dem Roman nicht, sondern zeigt vielmehr auf, wie viel noch unter der Oberfläche gebrodelt hat, nicht nur bei Kambili, sondern auch bei ihrer Mutter und ihrem Bruder. Die Familie ist dysfunktionaler als Kambili es wahrhaben wollte, aber diese Einsicht lässt sie nicht zerbrechen. Am Ende des Romans steht eine Naturbetrachtung, die einen neuen Anfang verspricht: „Above, clouds like dyed wool cottons hang low, so low I feel I can reach out and squeeze the moisture from them. The new rains will come down soon“. Es ist jedoch schon viel früher deutlich geworden, dass Kambili längst einen Neuanfang gewagt hat. Sie ist nicht mehr die stotternde Jugendliche von einst, die alles passiv über sich ergehen ließ, sondern ein erwachsen gewordenes Mädchen, das entschieden in der Welt steht. Das Auseinanderbrechen der Familie hat sie gewissermaßen befreit aus ihrem inneren Gefängnis; die Zerstörungswut des Bruders war letztlich heilsam für beide.

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