Vergiftete Stachel der postindustriellen Gemeinschaft: Sphex von Bruce Bégout


Buchkritik

Bei E.T.A. Hoffmann heißen sie Fantasie– oder Nachtstücke, woanders später Scary Stories oder Seltsame Geschichten, bei Roald Dahl waren es schließlich Tales of the Unexpected. Die beliebte US-Serie Twillight Zone presste in den späten fünfziger und sechziger Jahren das Genre wahlweise gemeiner oder unheimlicher, immer aber pointierter und anspannender Kurzerzählungen kurzweilig aus. Die Gegebenheiten des Kalten Krieges stellten dabei häufig den Rahmen der doppelbödigen Fantasien dar. Unvergessen etwa das kleine Stück TV-Geschichte Time Enough at Last, in dem ein notorisch lesesüchtiger Biedermann erst nach der atomaren Auslöschung der restlichen Menschheit die nötige Zeit und Ruhe findet, sein Leben gänzlich den glücklicherweise erhaltenen Schätzen einer öffentlichen Bibliothek zu widmen – nur um beim Sortieren der labenden Bücherstapel die dringend benötigte Lesebrille fallen und zu Bruch gehen zu lassen. Aus der Traum, im wahrsten Sinne des Wortes. Kürzlich setzte die britische Reihe Black Mirror mit angepassten Vorzeichen und hohem Produktionsaufwand diese Tradition des zynischen Eskapismus in die Untertunnelung der eigenen Erfahrungswelt auf formidable Art und Weise fort.

Egal welches Medium und welche Epoche man bevorzugt: Es geht stets um die ideenreiche Destillierung des Schauderns und Zweifelns im modernen Leben, das gerade anhand der Errungenschaften der Vernunft immer auch ein angekettetes Untergeschoss aus Wahnsinn offenbart. Auffällig ist, dass vor allem die Apparate und Architekturen dieses Verhältnisses, die Instrumente und Räume aus dem Repertoire kulturellen und technischen Fortschritts, eine zentrale Rolle spielen. Von Fernglas und Spiegel über Telefon und Warenhaus bis zum Smartphone und zur künstlichen Intelligenz: Das Schauderhafte reflektiert stets in der horriblen haptischen Dimension unseres alltäglichen Umgangs. Es lauert auf Spielplätzen, hinter Bildschirmen, in Bürokomplexen oder in Schließfächern und schnappt zu, sobald ein grelles Schlaglicht wie ein Röntgenstrahl ihm die Pforte zur Sichtbarkeit öffnet.

An den Komplexen derartiger fantastischer Miniaturen orientiert sich eine Sammlung des Philosophen und Kulturtheoretikers Bruce Bégout, die bereits 2009 im französischen Original erschienen ist und dank des wie immer verdienstvollen und originellen diaphanes Verlages nun den Weg in die deutsche Übersetzung gefunden hat. Sphex, nach einer räuberischen Wespenart benannt, verspricht bösartige, vergiftete Stiche in unseren Alltag. Auch hier hält der Untertitel eine eigene Bezeichnung für die entsprechende Klasse reizend unnachgiebiger Erzählungen bereit: Krankhafte Phantasien.

Mit entsprechender Lust springen Wohlgesonnene in den Pool voller Nattern. Die erste Geschichte nennt sich dazu noch Zufall und Tragödie – das Programm scheint klar und verlockend. Die Verkostung beginnt auch wunderbar: „F hat bemerkt, dass ein Unglück immer dann passiert, wenn man es am wenigsten erwartet. Darum hat er beschlossen, ständig darauf zu warten, dass ein Unglück passiert, damit es nicht passiert. Er nennt diese Technik ,Psychologische Beschwörung des unglücklichen Zufalls‘“. Gerade mit dieser Technik einer beständigen Paranoia, die so kontrolliert eingesetzt wird, dass sie die Tragweite des Paranoiden ad absurdum führt, gelingt es F, das Pech zu bannen. In dreieinhalb Seiten reiner Beschreibung der Praxis dieses Lebens steuern wir unweigerlich auf den fallenden Ziegelstein, die Grube im Boden, den geworfenen Würfel zu. Nicht nur die in allen Geschichten durchgehaltene Benennung der Akteure in Kafka‘schen Buchstabenkürzeln erzwingt eine Universalität des Beschriebenen per vagem Jedermann-Nominalismus; auch die deskriptive Erzählweise, in der vieles, was wir zu hören bekommen, eher wie die Synopsis einer größeren Geschichte klingt als nach der eigentlichen literarischen Aufbereitung, verleiht dem Ganzen einen Dornenkranz unheimlicher Gültigkeit. Allerdings nimmt dieses Verfahren auch den Kredit auf, den jeder Witz hat: Der Weg kann nicht immer das Ziel sein. Insofern enttäuscht das vollmundige erste Versprechen, über Zufall und Tragödie zu erzählen, wenn am Ende die nüchterne Feststellung erklingt: „Und dann geht er zum ersten Mal ohne nach rechts und links zu sehen über die Straße, ruhig und heiter, und lässt sich von einem Lastwagen überfahren“. Es ist dieselbe Technik des Willens, die vorher das Gefährliche getilgt hat, mit der nun das Ende erreicht wird.

Was daran listig ist, ist auch ernüchternd. Die Regeln der Figur legen auf fesselnde Art und Weise die Regeln des Textes fest, doch sie erzeugen auch eine Asymmetrie zwischen der Ankündigung eines Ereignisses, das die Beherrschung von Zufällen zuspitzt, und dem Effekt ihrer Einlösung. Sicher erteilt dieser Opener einen netten Hinweis über unsere beständigen Neurosen, der nichts Falsches über die Nebenwirkungen von Selbstoptimierung, ständiger Bewegung und kalkulierenden Lebensentwürfen sagt, nichts Indiskutables erhebt vom Versagen in der Ich-Gestaltung, nichts Unkluges hinterlegt über die Erlösung durch den ersten und letzten freien Schritt ins Nichts – aber auch nichts sonderlich Bemerkenswertes mitteilt. Gerade aufgrund der reduzierten, fast bis auf die basalen Ausdrücke des Storytellings skelettierten Sätze schält die Kürzestgeschichte einen formalisierten Algorithmus hervor, der ausspricht, was passiert, und ohne Umwege sich darin selbst bestätigt.

Leider sind in diesem Sinne viele der Ideen Bégouts besser als ihre Ausführung. So manches Drehbuch für einen interessanten Film mag in den aufgebauten Gerüsten schlummern, so mancher Ausschlag nach oben (kaum einer nach unten) in einer insgesamt durchwachsenen, weil eben nur mittleren Qualität des Erzählens ist zu verzeichnen. Etwa die Geschichte vom überforderten Vater, der die Tochter im Vorschulalter aufgrund mangelnder Alternativen an seinen Arbeitsplatz mitnehmen muss: den Obduktionssaal. Oder der kurze Shot auf den Chinesen, der selbst als wandelndes Lexikon bizarrer Geschichten fungiert. Oder die Langeweile in der U-Bahn, die eine Figur dazu antreibt, im schauerlichen, exzellent getexteten Manga seines Sitznachbarn heimlich mitzulesen. Überzeugend ist überhaupt, das abwechslungsreiche Panorama postindustrieller Lebensbedingungen und Realitäten als bestimmenden Rahmen des Bandes zu beleuchten. Es ist das neoliberale, globalisierte, vernetzte Vielfache, das jede der 37 Geschichten gemeinsam hat. In der Summe zeigen sie, warum Variationen auf die Novelle und Kurzgeschichte so aktuell sind: Weil nämlich die Arbeits- und Transitorte jener liquiden Moderne entschieden die versteckten, schmerzhaften, unerhörten Begebenheiten der Gegenwart in fragmentarischer, unverbindlicher Manier wie einen ihrer vielen Schätze hüten. In dezentralisierten Querschnitten zwingt der Band sie an die Oberfläche.

Bruce Bégout, dessen philosophische und kulturwissenschaftliche Bildung über jeden Zweifel erhaben ist, belegt, dass nicht jeder Autor, der seine Ereignisse klug und versiert zu entschichten weiß, auch zwangsläufig ein gesegneter Schriftsteller sein muss. Für die Idee und den Tatendrang zum Herumexperimentieren mit unseren verborgenen Erfahrungen und den umfassenden Narrativen darf man aber gratulieren: Die Lektüre macht größere Freude als manch anderer zeitgenössischer Versuch, unserer Zeit literarisch gerecht zu werden. Die Chance auf Aufmerksamkeit und Multiplikation hat sich Sphex in jedem Fall verdient.

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