Über Isolation Berlin und ehrliche Gitarrenmusik


Musikkritik

Wo ist die Ironie hin? Oder hat sie sich nur versteckt? Junge Männer singen wieder mit Inbrunst auf Deutsch von der Liebe, vom Verlassenwerden, von ihrer Familie. Gerade belegte die Band AnnenMayKantereit mit ihrem Debüt-Album Platz 1 der Albumcharts – für diese deutsche Variante des folkigen Pathos-Geschrubbel von Mumford & Sons gibt es anscheinend immer noch einen Markt. Dabei geht es erstaunlich ungebrochen männlich zu, die markante Stimme von Sänger Christopher Annen lässt Herbert Grönemeyer so alt aussehen wie er – nun ja – ist. Mit einem ähnlichen Konzept haben es 2015 auch Wanda ins Rampenlicht geschafft. Die Wiener Band wurde sogar von Rainald Goetz bei seiner Dankesrede für den Büchnerpreis zitiert: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag: für Amore.“ Im Song Bologna folgt auf diese Zeile ein eher fragwürdiges Poser-Gitarrensolo. Der Mann ist wieder Mann, denkt man, heterosexuell-weiß natürlich, schämt sich seiner Glatze nicht und zeigt stolz beim Konzert den freien, selbstverständlich behaarten Oberkörper. Natürlich ist das nicht ernst gemeint. Oder vielleicht doch?

Da kommen Isolation Berlin gerade zur rechten Zeit, die so genannte ehrliche Gitarrenmusik der vier jungen Männer schließt an die oben genannten Beispiele an – jedenfalls auf den ersten Blick. Die Berliner Band veröffentlichte Anfang dieses Jahres gleich zwei Alben: Berliner Schule / Protopop fasste die ersten zwei EPs zusammen, Und aus den Wolken tropft die Zeit heißt das reguläre Debüt-Album. Der Vergleich mit AnnenMayKantereit liegt nahe, Isolation Berlin vertrauen ebenfalls auf handgemachte Gitarrenmusik ohne elektronische Spielereien und charismatischen Gesang, der sich auch mal zum flehenden Schreien aufschwingt. Als Vorbilder greift man auf die Zeit vor der Hamburger Schule um Blumfeld und Tocotronic zurück. Deutschrock, ja, man hätte es nicht geglaubt – er ist wieder da. AnnenMayKantereit zitieren sogar Rio Reisers alten Gassenhauer Für immer und dich: „Hab keine Heimat, ich hab nur dich. / Du bist zuhause, für immer und mich.“

Ton Steine Scherben – da ist auch die erste Assoziation, wenn man etwa Alles Grau von Isolation Berlin hört, der Song mit dem größten Hitpotenzial (was für ein schreckliches Wort, Entschuldigung). Doch ähnlich wie bei AnnenMayKantereit bleibt der Text im individuellen Leiden stecken, im depressiven Weltrückzug, die politische Dimension wird ausgeklammert, die ja bei den Scherben und auch noch bei Reisers Erfolgen in den 80er-Jahren hinter den meisten Songs stand und die besondere Position der Band im Feld des Deutschrock ausmachte. „Der Wahnsinn hält mich warm / Der Teufel kommt und nimmt mich in den Arm“, singen Isolation in ihrer Ich-Bezogenheit, aber auch ganz schön catchy. Denn Hits können sie wirklich schreiben.

Eins der wichtigsten Motive ist, wie der Name schon sagt, die Stadt Berlin. Immer wieder wird eine Verbindung der Misere des lyrischen Ich zu Plätzen und Räumen in der Großstadt aufgemacht. Das Zoo-Aquarium wird besungen, die U-Bahn natürlich, im Stück Isolation Berlin programmatisch auf den Punkt gebracht: „Ich hab die ganze Scheiße satt. / Manchmal würde ich gerne dem ganzen Dreck entfliehen / doch ich versinke in der Isolation Berlin.“

Zwar kommen sie textlich selten über diese individuelle Befindlichkeitsprosa hinweg, das musikalische Spektrum dagegen ist, bleibt man bei der so genannten ehrlichen Rockmusik, gar nicht so klein. Man denkt an die frühen Alben von Ja, Panik und Tocotronic, sogar der Britpop der 90er-Jahre klingt an, etwa bei Lisa. Die Gitarre ist oft dem britischen DIY-Indiepop der späten 80er-Jahre entlehnt, den Pastels etwa. Dazu kommt die Joy-Division-Anspielung im Namen, der mit einem ins Deutsche übersetzen Cover von Isolation Rechnung getragen wird. Und natürlich Ton Steine Scherben. Mit den erweiterten musikalischen Bezügen, wird auch der heterosexuelle Rockergestus etwas entkräftet.

Manchmal schaut bei Isolation Berlin sogar die Ironie wieder vorbei, ebenfalls in Alles grau heißt es: „Ich hab endlich keine Träume mehr / Ich hab endlich keine Freunde mehr / Hab keine Emotionen mehr / Ich hab keine Angst vorm sterben mehr.“ Dazu eine erstaunlich gutgelaunt Melodie. Das ist dann doch mal ziemlich guter Pop.

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