Zeiten der Wirren. Romane von Gaito Gasdanow, Boris Sawinkow und Michail Ossorgin über Russland im frühen 20. Jahrhundert


Buchkritik

Nehmen wir beispielsweise den Roman mit Kokain von 1936. Vor knapp vier Jahren erschien M. Agejews Imagination über eine um die Revolutionszeit dekadent florierende Moskauer Jugend in neuer Übertragung auf Deutsch. Als typischem Vertreter dieser Phase kommt darin eine bestimmte Einstellung zwischen Nihilismus und Spiritualität, zwischen Rausch und meditativer Stimmung zum Ausdruck, stets mit Blick auf neuartige, moderne, verhängnisvolle Symbiosen aus Zerstörung und säkularem Messianismus. All das erhält vor dem Hintergrund der singulären und doch kontaktstarken russischen Geschichte und Kulturtradition mit dem Sozialcharakter des avantgardistischen Gymnasiasten seinen eigenen Geist, eine eigene Sprache. Die Zugänglichkeit des Romans von Agejew beweist: Dort, wo große Namen wie Bulgakow oder Nabokov regieren, wird auch von den im Westen weniger bekannten Autoren mitgehalten. Ganze Schatzkammern scheinen zu schlummern in den Schriftkatalogen jener, die noch unter den Romanows geboren und aufgewachsen sind und für die schließlich mit Lenin und Stalin eine Krise begann, die im Zuge ihrer biographischen Deterritorialisierung auch so manchen Bruch ins Schreiben einfließen ließ.

Ein Titel nach dem anderen erscheint dieser Tage entweder in Neuübersetzung oder gar erstmaliger Übertragung ins Deutsche. Drei der im vergangenen halben Jahr strahlkräftigsten Vertreter eröffnen die literarische Weite ihres mannigfaltigen künstlerischen Erbes, zeigen aber insbesondere, wie engmaschig sie bei aller Eigenständigkeit miteinander verwoben und verwandt sind: Politisch, erzählerisch, sprachlich.

Die Rückkehr des Buddha von Gaito Gasdanow (1903-1971) ist mit seinem Erscheinungsjahr 1949/50 der jüngste dieser Romane, sein Autor der bekannteste von den dreien. Das Buch erzählt von einem aussichtsreichen Studenten, der in einen Kriminalfall unter russischen Emigranten in Paris verwickelt wird. Im Detektivischen findet sich jedoch nur die eigentliche Stärke dieses Illusionsspiegels, nämlich die psychologische Sezierung eines Einzelnen in Auseinandersetzung mit äußeren Kräften. Unter einer merkwürdigen Krankheit leidend, die sich in wahnhaften, lebensechten Visionen manifestiert, zieht sich der Student allmählich von den Menschen zurück. Die Antizipation seiner narkotischen Zustände führt in die Paralyse: „Zum Glück spürte ich normalerweise, wenn sich ein solcher Anfall näherte, aber manchmal brach es auch urplötzlich über mich herein, und ich dachte verstört, was passieren könnte, wenn es in einem Universitätshörsaal in der Bibliothek, auf der Straße oder während einer Prüfung geschähe“. Den kategorischen Höhepunkt der Unpässlichkeit gibt es gleich zu Beginn, wo der Student vom Erleben des eigenen Todes berichtet. Auch wenn solche Passagen gern in eine philosophische, halbessayistische Betrachtung abdriften, erhalten all diese Parameter alsbald einen neuen Wert in der Legierung mit historischen Ausnahmesituationen, von denen hier nämlich auch erzählt wird. Ein langes, fesselndes Kapitel berichtet etwa von der Entführung des Erzählers in das Untersuchungsgefängnis eines anonymen „Zentralstaates“, dessen ebenso perfide wie absurde Verhörmethoden einerseits von der Fiktionspathologie des Erzählers kontaminiert sind und einen Schimmer des Phantastischen mit sich führen,  andererseits vor dem Hintergrund von Tscheka, Terror und überhaupt diktatorischer Willkür äußert real und also auch realistisch anmuten. Der Status zwischen rauschhafter Phantasie und echten Bezügen generiert eine gegenseitige Verstärkung von Traum und Leben, und es ist bei aller Verstörung beeindruckend, wie präzise Gasdanow dieser Doppelhelix Ausdruck verleiht. Das märchenhafte Paris aus der Perspektive des entwurzelten russischen Intellektuellen – ein Attribut, das auf alle der hier besprochenen Autoren selbst zutrifft – erhält neben seiner Plausibilität eine allegorische Kraft, mit Hilfe derer sich die typische Verlorenheit eines solchen Charakters auf existenzialistischen und zugleich politischen Leinen bettet. Dass der titelgebende Plot um eine verschwundene Buddhastatue und einen mit ihr assoziierten Mord auch noch der amerikanischen Hard-boiled-Literatur huldigt – Dashiel Hammetts Malteser Falke ist ein ganz ähnlicher MacGuffin –, trägt zur Vielschichtigkeit auf engstem Raume bei. Denn die Rückkehr des Buddha benennt nicht nur eine spirituelle Ellipse, nicht allein die vielleicht im Roman wichtigste Bewegung auf inhaltlicher und struktureller Ebene, sondern schließlich ein kontingentes Ereignis, mit dem die Rolle des passiven Individuums in der Geschichte bemerkenswert zusammengefasst wird. Was für den jungen Studenten in Zeit und Raum gilt, beschreibt en passant seine Funktion als Figur im Roman. Auch wenn das Ende kein besonders gutes ist – denn es ist ein gutes Ende –, besticht der Weg zum selbigen mit seinen vielfältigen Trips und Zaubertricks.

In Boris Sawinkows (1879-1925) Das fahle Pferd ist die Handlungssituation bei ähnlicher Isolation des Subjekts diametral gespiegelt. Es geht um die Tat, den echten, willkürlichen Akt Einzelner, der neben seiner eigentlichen Konsequenz auch ein Symbol der Machbarkeit erschafft. 1908 geschrieben, noch während der zaristischen Herrschaft, gleichzeitig einer Phase, die von starken Erosionen der politischen Landschaft durchzogen ist, handelt es sich um einen Ausschnitt jenes Zeitenwechsels, der die Saat des 19. Jahrhunderts aus allen Richtungen aufgehen ließ: von den ersten Erfahrungen mit terroristischen Attentaten bis zur Revolution 1905, inklusive der zaghaften parlamentarischen Versuche mit der Duma. Sawinkow war selbst ,Berufsterrorist‘, an dem Attentat auf den Moskauer Generalgouverneur Sergej Alexandrowitsch Romanow im Februar 1905 beteiligt, bei dem der sagenumwobene Iwan Kaljajew eine Bombe auf die verhasste Gegengestalt geworfen hat. Die tagebuchartigen Einträge im Fahlen Pferd, dessen Titel der apokalyptischen Vorhut in der Offenbarung des Johannes entnommen ist, skizzieren als Schlüsselroman die organisatorischen Details eben dieses Anschlags, verbrauchen aber den meisten Platz damit, in ausgesuchten Dialogen und Meditationen den geistigen Zustand der am Unterfangen beteiligten Verschwörer auszubreiten. Da ist etwa Erna, an Dora Brilliant (1879 oder 1880-1907) angelehnt, die als Chemikerin für das Bauen der Bombe verantwortlich ist und zugleich die eigenen Gefühle nicht recht in den Griff bekommt. Oder Wanja, der jenen Iwan Kaljajew vertritt, und für den wiederum der Verbrecher und verlorene Sohn Smerdjakow aus den Brüdern Karamasow das Ideal darstellt. Sein tief in neutestamentarisches Benzin getunkter Fatalismus entzündet sich geradezu an der Karriere des Terroristen. Die charakteristische Kollaboration zwischen Sinnvakanz und Täterschaft, die sich mit den großen Fragen nach dem Zweck und der Ordnung des Menschen auseinandersetzt, greift hier auf die verfügbaren Elemente nahestehender Mythen zurück. Auch jemand wie George, seines Zeichens Verfasser des Tagebuchs und Alter Ego Sawinkows, der von sich in Abgrenzung behaupten kann, „Christus nicht zu haben“, wird als zuweilen von metaphysischen Sonderangeboten irritiertes Wesen gezeichnet, mit der Konklusion: „Als Kind habe ich die Liebe gekannt – den Mutterkuss. Voller Unschuld liebte ich die Menschen, voller Freude das Sein. Jetzt aber liebe ich keinen mehr. Ich will nicht lieben und kann nicht lieben. Die Welt ist verflucht und wurde für mich wüst und leer in nur einer Stunde: Alles Trug und Haschen nach Wind“. Die Verlockung des Nichts bildet die Grundlage.

Das ist nicht schlecht, doch schnell wird klar, ein großer Schriftsteller ist Sawinkow nicht. Die Aneinanderreihung von Behauptungen und Lizenzen der Macht erinnern teilweise frappierend an den polnisch-deutschen Décadent Stanislaw Przybyszewski (1868-1927), der zur selben Zeit wie Sawinkow zwar symptomatologisch brisante Romane und Prosagedichte verfasste, aber ebenso unter dem Bann der individual-anarchischen Tat stehend am eingeforderten psychologischen Naturalismus des großen Vorbilds Dostojewski scheiterte. Das dokumentarische Moment dieser Texte bleibt hingegen empfehlenswert: Die verschwenderische Geste etwa, mit der jener Terror aufgeladen wird. Oder die Obsession mit dem Generalgouverneur, dessen bürokratische Funktion immer stärker in den Hintergrund rückt und der vielmehr zur Instanz eines destruktiven Begehrens avanciert. Das Ich hinter der ,terreur pour la terreur‘ ist ohne Frage spannend und eindrucksvoll, allerdings in seiner holzschnittartigen Flüchtigkeit und Dissoziation auch banal. Es sind insgesamt die hier aufscheinenden Dynamiken und Synergien, die während und nach der Lektüre Neugierde wecken. Sie scheinen Teil eines gesellschaftlichen und kulturellen Dilemmas, das in intrikatem Verhältnis zum zentraleuropäischen Diskurs steht, daher deutlich mit diesem kommuniziert und gleichzeitig interessante Differenzen anschaulich macht. Wer in den vergangenen Tagen und Wochen manchmal aufmerksam wurde, wenn es hieß, der derzeitige Terror in Europa sei im Kern eine nihilistische Heimsuchung, findet vielleicht auch in Sawinkows Buch ein paar historische Ansätze zur Komplettierung dieser Ursachenforschung. In einem Artikel für die ZEIT hat etwa Roberto Saviano jüngst eine Beobachtung des Politikwissenschaftlers Olivier Roy paraphrasiert, in der die Selbstmordattentate von heute als „Rebellion einer Generation, einer nihilistischen Revolte“ beschrieben werden, „die nicht im religiösen Radikalismus ihren Ursprung habe, sondern die Folge einer inhumanen Globalisierung sei“. Im Zuge solcher Äußerungen bleibt für das Panorama ein epochenübergreifender Vergleich mit den in nihilistischer Mode und Moderne gewachsenen Attentätern unerlässlich. Man findet dann interessanterweise heraus, wie schräg der Vergleich ist, wie schwer weitere Antworten danach fallen. Man entdeckt: Die philosophische Irritation hinter dem Stil der großen Verbrecher von vor hundert Jahren birgt auch in historischer Hochrechnung schwerwiegende Unterschiede – etwa im Verhältnis der Terrorzellen zur Gemeinbevölkerung, in ihrer symbolischen Ordnung, dem demographischen Zuschnitt, von der substantiellen Situation der Beteiligten ganz zu schweigen –, möglicherweise aber zumindest die Korrelation, die aufzeigt, wie intensiv sich Anschläge mit Sinnstiftung auseinandersetzen. Ein Fazit zu ziehen wäre allein aus diesem Grund falsch, denn gerade die Bedeutungskonstitution ist eine negative, die sich findet, indem sie das Verstehen verunmöglicht. Glücklicherweise birgt die Neuübersetzung von Sawinkows Roman eines Terroristen einen großartigen Anmerkungsapparat und zwei lehrreiche Nachworte, die bei der Einordnung des Gelesenen jegliche Unterstützung gewährleisten.

Sawinkow hat in den restlichen zwanzig Jahren, die ihm nach dem Attentat auf den Generalgouverneur blieben, ein weiterhin bewegtes Leben geführt. Er war mehrfach zum Tode verurteilt, wurde mehrfach rehabilitiert, ihm gelang mehrfach die Flucht. Seine Aktionen gegen die Bolschewiki setzten ihn unweigerlich auf deren Abschussliste und zwangen ins Pariser Exil. Mitte der zwanziger Jahre köderte man ihn zurück nach Moskau, wo er im Februar 1925 nach einem Fenstersturz im Gefängnis verstarb. Sein Leben in hoher Geschwindigkeit und die Involvierung in bestimmende Geschehnisse und vor allem Zeichen seiner Zeit sichern ihm einen Platz im russischen Gedächtnis, der bereits von der Literatur seiner Generation etabliert wurde. Als „Mann mit den gelben Gamaschen“ tritt er schon 1928 in Michail Ossorgins (1878-1942) Eine Straße in Moskau auf. Die Episode bezeugt die Verwurzelung Sawinkows in seiner Ära und demonstriert zugleich, wie die Architektur dieses Romans zum Medium wird, das die Geschichte seines Landes anhand von markanten Einzelheiten stenographiert.

Ossorgin beschreibt anhand einer Professorenfamilie in der Siwzew Wrashek – so der Originaltitel, der die Adresse des bildungsbürgerlichen Romanpersonals angibt – die Invasionen der Geschichte auf die russische Gesellschaft zwischen dem Ersten Weltkrieg, der Revolution von 1917, dem russischen Bürgerkrieg und der Frühphase bolschewistischer Herrschaft. Der betagte Ornithologe Iwan Alexandrowitsch bildet mit seiner Frau Aglaja Dimitrijewna, der Enkelin Tanjuscha und dem Hauspersonal das Kontaktzentrum der restlichen Figuren. Die regelmäßigen Soireen in der Siwzew Wrashek sind eine Art Refrain, der mit den wechselnden Gästen jene Paradigmenwechsel der Epoche intoniert. Die an den Fronten Verstorbenen und Verwundeten, die ins Gefängnis Verschleppten, die mit den politischen und sozialen Umbrüchen Untergegangenen werden per Ein- und Austragung in die privaten Abende sichtbar gemacht. Ossorgin emotionalisiert vordergründig mit den Mitteln des Gesellschaftsroman im Dienste eines offensichtlichen moralischen Subtextes. Das ist bei allem Kitschverdacht schlüssig, denn die kraftvollen Einstreuungen expliziter Bilder von Kriegsversehrten, Straßenschlachten und Exekutionsszenen, aber auch die Arbeit mit ironischen bis zynischen Kommentaren erhalten erst von diesem Kontrast ihre Güte.

Das Interieur der Welt bei Ossorgin bildet auch das Interieur des Romans: Neben zahlreichen Metaphern und Analogien aus Flora und Fauna drängt die topographische Ausrichtung, der Raum und sein Inventar als einschlägige Markierung der Erzählweise in den Vordergrund. Diese Einrichtungsprosa mit ihrem Fokus auf Gegenstände ist in einem Text, der anhand der Biographie einer Straße erzählt, nicht verwunderlich, sondern schließlich programmatischer Index seiner seriellen, induktiven Poetik. „Weißt du was, Wassja, diesen Strauß müsstest du trocknen“, heißt es an einer Stelle. „Er erzählt ja eine ganze Geschichte, und die muss man sorgsam bewahren. Der Strauß wäre etwas für das Museum“. Gerade die äquivalenten Verfahren des Präparierens, Konservierens, Ausstellens und darin Erinnerns der Schicksale gestatten eine literarische Verarbeitung der in Beschleunigung strauchelnden und hart aufschlagenden Epoche. Für ihre Illustrierung sorgt eine feste Bindung an das prägnante, exzentrische, getriebene Personal. Insbesondere fesselnde Sequenzen, wie die Nacht, in der jener Mann mit den gelben Gamaschen sich in der Wohnung des ohnehin unter Beobachtung stehenden Philosophen Astafjew vor dem Zugriff des „nächtlichen Terrors“ verstecken muss, lassen anhand der lebendigen Figurenzeichnung traumatische Situationen zwischen Widerstand und Resignation greifbar werden.

Die drei Romane von Gasdanow, Sawinkow und Ossorgin sind allesamt lesenswert und insbesondere hintereinander eine herausragende Kompilation unbewusst ineinandergreifender Geschichten. Ein großes Kompliment haben sich zudem die drei Übersetzerinnen und Übersetzer verdient: Rosemarie Tietze fängt Gasdanows Fieberphantasien vorzüglichen ein, während Alexander Nitzberg das Auge des Orkans, in dem Sawinkows Floskeln eine atmosphärische Ruhe erlangen, flüssig ins Deutsche überführt hat. Besonders bemerkenswert ist Ursula Kellers Leistung, die zu Recht mit ihrer Ossorgin-Übertragung für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Die eingängige Melodie, die sie der Straße in Moskau spendiert hat, mit der man so nah an diese fremde, becircende Sprache zu kommen hofft, meint man seit Swetlana Geiers Dostojewski nicht mehr gehört zu haben. Sei es das verlorengegangene „L“ des Pianisten Lwowitsch oder die hypotaktischen Wellen in den düsteren Szenen bei der fabrikartigen Beerdigung von „Shmuriki“, den zahlreichen Leichen, von denen die russische Hauptstadt Ende der zehner Jahre gesäumt war: Keller zeigt auf, dass die Besonderheiten dieser literarischen Konfiguration noch viel tiefer sitzen als in der kulturellen, politischen, sozialen oder historischen Verfassung, weiter gehen als ihr spezifisches Reservoir an Mythen und Geschichten, nämlich nirgendwo sonst sich so kunstvoll und hypnotisch äußern, wie in dieser Sprache.

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