Über Jimmy Fallon


Fernsehkritik

Eigentlich war ich noch zu jung für das Late-Night-Fernsehformat, als die Harald-Schmidt-Show 1995 bei Sat 1 startete. Trotzdem bestach ich meine Eltern so oft es ging, doch wenigstens bis zur ersten Werbepause schauen zu dürfen. So richtig verstanden habe ich die ironische Grundhaltung der Show allerdings nicht. Fand Schmidt seine Gäste wirklich so toll, wie er ständig sagte, obwohl er sich offensichtlich gar nicht für sie interessierte? Und Polenwitze – war das nicht rassistisch? Oder machte er sich damit nicht viel eher über Alltagsrassismus lustig? Diese Uneindeutigkeit wirkte befreiend. Natürlich funktionierte die Harald-Schmidt-Show auch nur deshalb, weil es noch kein Youtube gab und niemand in Deutschland seine amerikanischen Vorbilder kannte, an erster Steller natürlich David Lettermans Late Show. Trotzdem wurde Schmidt vorgeworfen, nur eine schlechte Kopie zu sein. Vielleicht stimmte das sogar, aber wie Benjamin von Stuckrad-Barre, eine Zeitlang Gagschreiber bei Schmidt, in seinem neuen Buch Panikherz schreibt, Letterman hatte man noch nie gesehen, aber das war ohnehin egal, Schmidt fand man halt einfach gut und alle guckten es.

Das ist alles lange her und jetzt wird plötzlich wieder überall über eine Late-Night-Talkshow geredet, so kommt es einem jedenfalls vor. Sie ist das Flaggschiff des Genres aus Amerika: die Tonight Show Starring Jimmy Fallon. Vielleicht guckt man sich die Show nicht komplett an – obwohl das in Deutschland inzwischen auch legal im Fernsehen möglich ist, denn sie läuft mit (sehr seltsamen) Untertiteln beim (ebenso seltsamen) Sender Einsfestival – denn die Tonight Show funktioniert am besten Häppchenweise. Kurze Clips auf Youtube werden millionenfach angeklickt, beispielsweise Jimmy Fallons Parodien von Sängern und Musikern. Die sind teilweise so perfekt, dass man die Verifizierung gleich mitliefern muss: Neben Fallon, der Neil Youngs Song Old Man covert, taucht der echte Young auf und zusammen singen sie das Lied zu Ende. Das ist dann allerdings auch keine Parodie mehr – sondern eine seltsame Verdopplung, etwas das man vielleicht am besten als Reenactment bezeichnen könnte. In einer anderen Episode seiner Sendung spielt Fallon Bob Dylan in seiner 70er Jahre-Phase nach, selbst das Kamerabild verschwimmt im Weichzeichner und ruft ein wohliges Nostalgiegefühl hervor. Aber Fallon singt kein echtes Dylan-Lied, sondern covert mit Hotline Bling von Drake einen aktuellen Charthit, aber eben Dylan-like.

Die Musikperformances von Fallon sind tatsächlich die Höhepunkte seiner Show. Und sie können besonders gut als einzelne Clips konsumiert und verbreitet werden. Ähnlich funktionieren seine ironischen Tanzeinlagen (gern zusammen mit seinem Kumpel Justin Timberlake) oder die meist ziemlich sinnlosen Spiele mit Prominenten. Dabei – und das ist durchaus erfrischend und ganz anders als etwas beim langweiligen und endlich abgeschafften Stefan Raab – steht nicht der Wettbewerb im Vordergrund, sondern das Können der Stars und von Fallon selbst, genauso wie die Bereitschaft, sich auch mal zum Affen zu machen.

Auf ganzer Strecke funktioniert die Tonight Show allerdings erstaunlich schlecht. Es gibt Längen, viel zu viel Gejubel seitens des Publikums und oft auch nur mittelmäßige Witze. Das Timing ist manchmal holprig (allerdings auch kein Wunder bei einer Show, die fast täglich läuft), das Ganze scheint wirklich hauptsächlich für diese Youtube-Häppchen produziert zu sein. Darüber hinaus ist Fallon gar kein so guter Moderator. Das scheint er allerdings zu ahnen und hält sich oft zurück, ist einfach ein Fan, der etwa den großen Kevin Spacey staunend betrachtet. Das ist natürlich viel angenehmer als die arrogante Rolle, die etwa Jan Böhmermann so gern in seiner deutschen Version der Tonight Show spielt.

Die Tonight Show Starring Jimmy Fallon ist wahrscheinlich die Zukunft des Fernsehens: In ihrer Gesamtlänge eher dröge, aber zum vor dem Bildschirm dahinschlummern trotzdem gut geeignet, und – sehr wichtig, vor allem wenn man deutsches Fernsehen gewöhnt ist – eigentlich nie peinlich. Auf der Kurzstrecke ist sie oft einfach grandios und überraschend, so dass man sie perfekt als aufmerksamkeitsgestörter Internet-User konsumieren kann. Und natürlich ist es auch schön, wieder jemanden zu haben, der, wie Schmidt in den 90er Jahren, sich jeden Tag ein wenig über die Welt lustig macht, dabei aber uneindeutig und ungefährlich bleibt.

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