Wer ist Nadja Petöfskyi? 1


Erfahrungen einer Suche nach verschollenem Leben

In seiner Freizeit hat Ludwig Wittgenstein angeblich mit großer Freude Kriminalheftchen verschlungen, kleine Pulp-Geschichten mit aberwitzigen Handlungsverläufen und handgreiflichem Ergebnis. Unabhängig davon, dass der Ruf von Kriminalliteratur unter E-Kultur-Anhängern noch immer schlechter ist als ihr eigentlicher Gehalt, macht dieses Faktum den großen Philosophieerneuerer Wittgenstein eher sympathisch, scheint es doch das Menschliche wie auch Abseitige in der von intellektueller Tätigkeit geprägten Biographie zu unterstreichen. So gibt es noch viele weitere bekannte und unbekannte Anekdoten aus Wittgensteins Leben zu berichten, die gerade deswegen erwähnenswert sind, weil sie ein abwechslungsreiches Gegengewicht zu jener reinen Logik bilden, mit deren sprachlicher Rekonstruktion der Autor des Tractatus logico-philosophicus bis heute verbunden wird. Ein derartiges Gegenüber von Privatem und Intellekt könnte kaum deutlicher zum Zuge kommen als in der tabellarischen Spiegelung logischer Überlegungen und in Geheimschrift verfassten persönlichen, Geheimen Tagebüchern, die parallel zueinander in den Gräben des Ersten Weltkrieges entstanden sind. Dieter Thomä, Vincent Kaufmann und Ulrich Schmid rekonstruieren in ihrer Essaysammlung Der Einfall des Lebens diesen Austausch zweier Sphären. Sie zeigen in ihrem Aufsatz zu Wittgenstein auszugsweise, wie aufwühlend es sein kann, wenn eine Frage wie „Ist, a priori, eine Ordnung in der Welt, und wenn ja, worin besteht sie?“ neben dem Ausruf steht: „VIEL Aufregung! War nahe am WEINEN!!!! Fühle mich wie gebrochen und krank! Von Gemeinheit umgeben“. Das Nebeneinander, ja kontrastreiche Ineinander von beidem, Geist und Leben, wie es hier bei Wittgenstein visualisiert wird, öffnet das Portal eines eigenförmigen Nachdenkens über die Theoretiker in Zusammenhang mit ihrer Theorie. Wie sich nach Abschluss der Lektüre des Bandes herausstellt, kann sich gerade bei Überquerung dieser Schwelle etwas ereignen, das so aufwühlend wie die Theorie selbst zu wirken vermag, und zugleich wie aus dem Plot einer der Lieblingskrimis von Wittgenstein entnommen scheint.

Die drei Philosophen, Kultur- und Literaturwissenschaftler Thomä, Kaufmann und Schmid erstellen mit den fünfundzwanzig Vignetten über einschlägige geisteswissenschaftliche Innovatoren einen Zugang zur Genese dessen, was heute unter dem akademischen Konglomerat namens Theorie firmiert. Sie versöhnen die darin traditionelle Ausarbeitung von Konzeptionen der Differenz mit den unweigerlich dahinterstehenden Eigennamen, deren Singuläres ja mit den Entgrenzungen ihrer Theorie konfligiert. Im Vorwort wird präzise beschrieben, wie der aggressiv-plötzliche, aber auch impressionistische Einfall des Lebens und die Theorie miteinander hadern, sich wechselseitig benötigen, auseinander hervorgehen und bei aller Überblendung stets schräg zueinander stehen. Das gespaltene, teils klamme, teils von krasser Inszenierung geprägte Verhältnis von Theoretikerinnen und Theoretikern zu ihrem eigenen Leben – es trägt die Facetten des Theoretischen selbst in sich. Genau deswegen sind die besprochenen Autorinnen und Autoren auch mit der Arbeit an und über (Auto)Biographie zugange oder haben ihrerseits hochgradig reflektierte Briefe, Tagebücher, Confessiones verfasst, welche Rückschlüsse auf ein theoretisches Verhältnis zur Biographie zulassen. Um dieses Verhältnis endlich aufarbeiten zu können, distanzieren sich Thomä, Kaufmann und Schmid früh von den herkömmlichen Interrelationen, die Autorschaft und Leben anbieten: Sowohl eine „Projektion“, in der das Konstrukt der jeweiligen Biographie an der aus ihr hervorgehenden Theorie gemessen wird, als auch eine „Reduktion“, in der die Theorie nur noch als ein Produkt der Faktoren Leben und Lebensumstände erscheint, werden zurückgewiesen. Stattdessen geht es um die mannigfaltigen „Schwellensituationen, in der sich diejenigen befinden, die immer aufs Neue mit sich zurechtkommen wollen, die sich über sich und die Welt verständigen“. Dies, so ist bereits nach zwei Beiträgen klar, lässt sich nicht auf eine allgemeine Struktur festlegen, sondern ist von Autor zu Autor, von Theorie zu Theorie eigen und unterschiedlich.

Das Buch steht damit für sich auf der Höhe einer theoretischen Gegenwart, die von Pluralismus und zunehmender Historisierung gekennzeichnet ist. Enthalten sind Klassiker wie Georg Lukács, Walter Benjamin oder Hannah Arendt, aber auch weniger häufig gelesene Vertreter, etwa Michel Leiris oder Guy Debord. Den Großteil der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestreitet – wenig überraschend – die französische Schule bzw. verschiedene Abkömmlinge der poststrukturalistischen Denkweise. Man erfährt etwa, wie sich Roland Barthes’ „biblischer“ Bruderhass konzeptionell in seine Balzac-Lektüre S/Z einträgt, wie das vergeistigte Leben Michail Bachtins in der Praxis aussah, oder von Susan Sontags kessem Ausflug als Teenager an die Westküste, um Thomas Mann zu besuchen. All diese Geschichten sind niemals nur Anekdoten, sondern werden als Knäuel einer philosophischen Beschäftigung entwirrt.

Das klare Highlight bildet die abschließende Vorstellung von Nadja Petöfskyi (1942-2013), einer bis heute unbekannt gebliebenen, nahezu verschwundenen Philosophin. In einem ungemein packenden Artikel begegnen wir der 24-jährigen Ungarin, die auf Vermittlung ihres Mentors Georg Lukács die legendäre Konferenz The Languages of Criticism and the Sciences of Man 1966 in Baltimore besucht, dort mit den prominenten Theoretikern um Derrida, Lacan und Co. aneinandergerät, nach der Rückkehr in eine Arbeitsblockade verfällt, aus der sie sich mit Hilfe diverser Größen aus Kultur, Literatur und eben Theorie erst 1975 wieder befreien kann. Imre Kertézs, der greise Michail Bachtin und Ágnes Heller erzeugen eine Geistesverwandtschaft, die doch noch zum verspäteten Abschluss ihrer Dissertation Das Ich ist nur ein Anderer führt – einem Projekt über die Autobiographie. Es folgen rege 80er-Jahre, eine Obsession der Lebens- und Alltagsbeschreibung, und damit stets der Kontakt zum Biographischen, der schließlich noch einmal von den medialen Revolutionen des 21. Jahrhunderts frisch eingefärbt wird: Kurz vor ihrem frühen Tod 2013 beginnt Petöfskyi die neuen sozialen Medien zu studieren. Dass ihr Name in Westeuropa und den USA nach wie vor unbekannt ist, liegt auch an der gegenseitigen Aversion zwischen ihr und den Alphamännchen des Poststrukturalismus. Das Engagement des vorliegenden Bandes mündet mit diesem Beitrag nicht mehr ausschließlich in einsichtsreichen Notaten zur Theorie, sondern im Meisterstück, die Erniedrigten und Beleidigten eines Theoriekartells zu entdecken. Denn bei allem Reflektionspotential hat so mancher große Denker auffällig häufig nicht besonders viel für die Außenseiter seines Metiers übrig, so sehr seinesgleichen auch sonst Randgänge vollführt. In jedem Fall kann kaum größere Lust aufs Lesen und Leben einer mysteriösen Unbekannten erzeugt werden, als mit einem derart eingängigen Prosastück.

Doch hier ergibt sich ein Problem. Wer den Worten Taten folgen lassen möchte und sich auf die Suche nach Nadja Petöfskyi begibt, sei es über die großen Kataloge internationaler Bibliotheken, sei es in den unendlichen Weiten des World Wide Web, findet nirgends eine Spur. Nur ein paar wenige Verweise tauchen auf, die allesamt wieder auf den Band von Thomä, Kaufmann und Schmid zurückführen. Das ist doch lächerlich, denkt man, so vergessen bin ja nicht einmal ich selbst. Es wird sich doch etwas auftreiben lassen, gerade heute, wo der Positivismus wieder grassiert, wo wir spekulativ realistisch endlich wieder über all die verlorenen Wahrheiten reden dürfen, die dazu noch brav in den Spinnennetzen des Digitalen ihre Verbindlichkeit apportieren, wenn man die korrekten Fragen in die Suchmaschinen dieser Welt einträgt. Es benötigt dort sicher nur einige Justierungen der Schlagwörter, der Fehler liegt bestimmt bei mir. Natürlich kann nichts am Eigennamen Petöfskyis oder der Schreibweise ihrer Schriften falsch sein: Az ego nem csak más, Éljen a jel oder Így írok én. Sie liegen zwar noch nicht übersetzt vor, werden aber sicher nach diesem gewissenhaften Einsatz von Thomä, Kaufmann und Schmid bald zugänglich gemacht, hofft man. Mit jeder neuen Mitteilung „Ihre Suche erzielte keine Treffer“, „Your search return 0 results“, „Rekordok száma 0“ wächst jedoch nicht nur die Neugierde, sondern auch ein Verdacht. Wo ist Nadja Petöfskyi?

Tatsächlich wird die ganze Angelegenheit desto geheimnisvoller, je tiefer man gräbt. In einer kleinen, gemeinen Region des eigenen Verstandes kann ich inzwischen nicht mehr ausblenden, dass der Titel, Einfall des Lebens, mit einem Mal selbst zwielichtig wird, so ausgedacht und schelmisch wirkt die Biographie der vielversprechenden, dann versunkenen, schließlich wiederzuentdeckenden Philosophin plötzlich. In Gestalt eines hochbegabten Forrest Gump hat sie das Schicksal in die Knotenpunkte des Denkens eingelassen, um prominente Weiten der Philosophie des 20. Jahrhunderts – von Baltimore bis Budapest – heimzusuchen und mit ihrem eigenen Leben zu dokumentieren. Ist an dieser konstruiert klingenden Fabel etwas dran? Nein, das wäre ja desaströs, für alle Beteiligten, die den Betrug nicht entdeckt haben. Ein Blick in die zahlreichen Rezensionen des Bandes ergibt ebenfalls keine neue Erkenntnis. Nadja Petöfskyi wird entweder gar nicht oder nur am Rande erwähnt.

Fürs Erste bleibt also der Genuss und die Lust einer Obsession, der tiefsten aller Detektivarbeiten, die in einem Meer an Zeichen auf Spurensuche geht, um überhaupt vorhandene Spuren und Anzeichen ins rechte Licht rücken zu können. Der nächste Schritt ist zugleich der letzte Strohhalm bezüglich der herkömmlichen Herangehensweise an die bibliographische Recherche, nämlich die Überprüfung unmittelbarer Kataloge und Datenbanken. Ich rufe nach einigen Umwegen die Bibliothekssuche der Loránd-Eötvös-Universität Budapest auf. Außerdem begebe ich mich zum Library and Information Centre of the Hungarian Academy of Sciences, welches über einen ,unified Opac‘ verfügt, in dem alle seit 1979 in ungarische Bibliotheken eingearbeiteten Publikationen zu recherchieren sind. Hier wird sich etwas finden lassen, muss sich etwas finden lassen, wenn es denn die Schriften Petöfskyis gibt. Siehe da: Keine der beiden Datenbanken kennt ihren Namen oder eine ihrer von Thomä, Kaufmann und Schmid angegebenen Veröffentlichungen.

Inzwischen wäre es vielleicht naheliegend gewesen, sich einer Hochstapelei für versichert zu halten. Doch man ist mit einem Mal auch mit sich selbst, dem Wissenschaftsbetrieb und seinen komplizierten Verhältnissen konfrontiert. Gemäß des Vorworts vom Einfall des Leben zeichnet Dieter Thomä als Hauptverantwortlicher für Petöfskyis Artikel. Hat er vielleicht seine beiden Mitstreiter und den Hanser Verlag getäuscht? Oder handelt es sich um eine größere Verschwörung, in die eine ganze Reihe verdienter, angesehener, ja herausragender Akademiker verstrickt ist? Insbesondere angesichts der Plagiatsdebatten und der wichtigen Diskussion um das angemessene wissenschaftliche Arbeiten der letzten Jahre möchte man keine Schnellschüsse abfeuern und mit Vorurteilen hausieren. Die Geschichte stinkt allerdings inzwischen wie ein frisch abgefeuerter Colt in den Schnapslachen einer Flüsterkneipe. Ich schütte mir einen Drink ein und weiß, dass ich über den Einfall des Lebens erst schreiben kann, wenn ich ein schummriges Neonlicht auf sein Schwarz-Weiß gerichtet habe, dessen Kontraste nur noch den Zweck, die Intention und den Grad des Fehlerhaften hinter Petöfskyi offenlassen. Erst später erkenne ich, dass ich hier am trügerischen Anfang einer Ermittlung stehe, in der meine bösesten Eigenschaften zum Tragen kommen. Ich merke, dass ich, wie Wittgenstein von jahrelanger Lektüre auch der miesesten Kriminalgeschichten gezeichnet, zu phantasieren, zu delirieren beginne: Gibt es ein internationales Verschwörernetzwerk aus Agenten, die mich heimsuchen, wenn ich mich tiefer auf die Sache einlasse? Was kann ich vielleicht aus der Geschichte für mich herausholen? Sollte ich die Flucht nach vorne antreten und meine Trümpfe ausspielen, solange ich noch die Möglichkeit dazu habe? Die vielleicht letzte Gelegenheit nutzen, mein Stück vom Kuchen abzureißen und zu verschwinden, bevor ich zu alt für solche Spielchen werde?

Nachdem ich mich gezwickt habe, beginne ich mit dem Unvermeidlichen, demjenigen, was die größte Freude eines jeden Fußnotenfetischisten ist: der eigentlichen Prüfung aller Hinweise. Eine intensive Hintergrundbeleuchtung der angegebenen Drittquellen wird sicher Klarheit schaffen. Da ist zunächst die Konferenz in Baltimore, über die es noch ganz unverdächtig in der ersten Anmerkung heißt, alle Protokolle würden selbstverständlich „ohne Hinweis auf Petöfskyis Teilnahme“ auskommen. Warum auch? Sie war schließlich nur Gast, wenn auch auf Vermittlung seiner Exzellenz, des berühmten Georg Lukács. Mit dem Fieber des Privatdetektivs allerdings liest sich ein solches Statement inzwischen etwas anders, wie eine Nebelkerze, die mich in Sicherheit wiegen möchte, die mir sagen will, es hat schon alles seine Richtigkeit, dass du bisher mit leeren Händen dastehst. Mach sie dir nicht weiter schmutzig, geh nach Hause, leg dich hin, schlaf drüber. Morgen hast du die Geschichte sicher vergessen und kannst zurückgehen zu was auch immer du sonst so anstellst den lieben langen Tag. Ganz ähnlich redet auch die merkwürdige Erwähnung in Fußnote 14 mit mir: „Es ist irritierend, dass Kertész in seinen zahlreichen Interviews Nadja Petöfskyi mit keinem Wort erwähnt“. Die Flucht nach vorn. Bevor ich herausfinden kann, dass Kertész keine gewisse Nadja Petöfskyi zu kennen scheint, wird mir die Arbeit abgenommen. Treffer.

Es gibt noch weitere. Der Essay bedauert an einer Stelle, dass „Petöfskyi im Westen bis heute fast völlig unbekannt ist; nur drei Autoren haben nach bisherigem Kenntnisstand auf sie Bezug genommen“. Ich kenne die Namen, bevor ich sie nachschlage. Thomä, Kaufmann und Schmid. The plot thickens. Briefe, in denen Petöfskyi erwähnt wird, sind entweder schwer zugänglich, weil sie in Archiven in Kalifornien oder Budapest schlummern, oder werden, ganz unter uns, äußerst merkwürdig zitiert: Der prominente Mentor Lukács erwähnt seine Schülerin in einem Schreiben an Lucien Goldmann aus den späten sechziger Jahren. Dieses sei paradoxerweise in der Korrespondenz-Sammlung 1902-1917 abgedruckt. Ein Blick hinein verrät, dass die zitierte Seitenzahl weit jenseits des Umfangs von diesem Band verortet ist. Was geht hier vor?

Es bleibt ein letzter Verweis auf Petöfskyi zu prüfen: Der Blog des amerikanischen Schriftstellers David Shields, der am 29. Februar 2011 – zwei Jahre vor ihrem Tod – einen von Petöfskyis Briefen zitiert haben soll. Die abgedruckte URL lässt sich nicht aufrufen. Überraschung. „There’s a problem“, steht da geschrieben. Die Seite hat zweifelsohne recht. „There appears to be a problem. The page you were looking for no longer exists (or never existed). This could be due to a number of reasons: The page could have been deleted or moved, you could have clicked a bad link or mistyped the address“. Es hört sich wie die Biographie meiner gesamten Suche an. Diesmal nicht mit mir. Ich muss mich absichern und erzähle einer Kollegin von den bisherigen Funden. Sie schnappt sich den Computer und öffnet ein ebenso freundliches wie teuflisches kleines Instrument namens Wayback Machine auf archive.org. Damit hat niemand gerechnet. Den Blog von David Shields rekonstruieren wir binnen Sekunden. Keiner von uns beiden zeigt eine Regung, als sich ein entsprechender Eintrag mit einem Brief Petöfskyis im Februar 2011 nicht finden lässt. Moment, denke ich plötzlich, und schau mir ein zweites Mal das Datum an. Der 29. Februar 2011 war ein letztes Zeichen, das das Nirwana benannte, in dem ich die ganze Zeit wie ein Haustier spazieren geführt wurde. Nadja Petöfskyi residiert im bürokratischsten Tag überhaupt: Im nicht freigeschalteten Schalttag. Auch wenn Schaltjahre ja ihrerseits Ausnahmen kennen, war 2011 als ungerades Jahr auch ohne Erinnerung an den Kalender leicht aus dem Kanon der supplementären Zeit auszuschließen.

Überhaupt Zeit und Raum: Briefe, die nicht in den ihnen zustehenden Datierungen zuhanden sind, ein Tag, den es niemals gab, ein A-Datum: Sie zeichnen Nadja Petöfskyi als Utopie theoretischen Lebens. Es lag keine große Verschwörung vor, keine absurde Verfehlung, sondern, das war inzwischen deutlich, eine Theorie, die hier den Namen Nadja Petöfskyi erhielt.

Ich war derweil mit Dieter Thomä in Kontakt getreten. Just nach dem Ergebnis der letzten Prüfung kam die Nachricht, dass es sich bei diesem abschließenden Kapitel des Bandes um einen „Hoax“ handelt, an die Tradition anschließend, „dass in großen Lexika immer auch erfundene Personen untergebracht worden sind“. Ich erkannte, wir befinden uns in einem beinahe verlorengegangenen Modus des Sachbuchs, das bei allem Überwuchs an Fiktionsspielen in der postmodernen Literatur mehr und mehr die Phalanx der Gewissheit bildet, dabei aber vergessen hat, dass auch seine a-belletristischen Buchstaben immer schon ein Sprachspiel bilden, in dem die Fiktionalität als blinder Passagier mitfährt, oder wie hier als Anhalter.

Gibt es Nadja Petöfskyi wirklich nicht, nur weil es sie nicht gibt? Ist sie nicht eigentlich der Name für einen gebrochenen Faktizitätspakt innerhalb einer teilweise bierernsten Rezeptionstradition akademischer Texte? Wie kann man von einem so stark reflektierten Band wie dem Einfall des Lebens und seiner Insistenz auf den Differenzen von Theorie erwarten, dass er sich schematisch dazu verpflichtet, uns nur zu informieren, wenn er doch auch mit der Theorie etwas in uns verändern kann? Nadja Petöfskyi ist mehr als nur ein Schlusswort zu diesem faszinierenden Zugang zur Theorie. Sie wird zur Referenz einer Resurrektion der Autorin. Frankensteins Kreatur kann endlich wieder als enorme Figur der Moderne herhalten: Petöfskyi ist eigenständig, weil sie zusammengeflickt ist aus echten Einzelteilen und aus wunderbar erdachten und untergeschobenen Briefpassagen, die wahrscheinlich und glaubwürdig wirken und doch eine klare Linie der paranoiden Zeichen hinterlassen. Die Gestalt wird elektrisiert und mit einem Mal ist ein gewaltiger Funke übergesprungen: Schon lange nicht mehr habe ich mich so intensiv mit einer Theoretikerin beschäftigt, schon lange nicht mehr so viel von einer Theorie gelernt, wie von diesem Zeichenamalgam, das zugleich ein Zeichenvakuum ist. Leider kann niemand, der diesen Text hier liest, diese Erfahrung noch machen. Denn das Abenteuerliche in der Begegnung mit Petöfsyki ist zum besten Sinn der Lektüre geworden. Es hat einen weiteren Einfall eines Lebens erzeugt und demonstriert, wie das Theoretische plötzlich ins Leben, nämlich in mein Leben tritt.

Das von Thomä, Kaufmann und Schmid hier kartographierte Territorium der nichtempirischen Geisteswissenschaft ist gerade mit Petöfskyi umso wilder und spannender. Besonders ist die Begegnung mit dem Band jungen Studentinnen und Studenten der angliedernden Fächer zu wünschen. Sie werden hier Orientierung im manchmal überfordernden Textdschungel zwischen Psychoanalyse, différance und Tod des Autors finden und möglicherweise Hürden auf dem Weg zum eigenen kritischen Denken abbauen können. Zudem spielt vielleicht niemals mehr der Zusammenhang zwischen Geist und Leben eine solch zäsurale Rolle, wie zur Zeit des Studiums, in der sich das Biographische ja erst formt. In den Hörsälen und Seminarräumen trifft es als spannendste Frage des eigenen Ich auf die Wunscherfüllung anfänglicher theoretischer Beschäftigung. Der Einfall des Lebens spricht mit Verve und Chuzpe die jungen Nachwuchs-Theoristen da draußen an, und sei es nur, um sich einmal den Ratschlag von Walter Benjamin abzuholen: „Wenn ich ein besseres Deutsch schreibe als die meisten Schriftsteller meiner Generation, so verdanke ich das zum guten Teil der zwanzigjährigen Beobachtung einer einzigen kleinen Regel. Sie lautet: das Wort ,ich‘ nie zu gebrauchen“. Dem pflichten Nadja und ich bei.


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