Nimm mich als Bett


Über deutschsprachige Popmusik, Schlaf und Dissidenz

1 Kafka

Wer schläft nicht gern? Und wer würde morgens nicht gern etwas länger liegenbleiben? Auch Künstler kommen manchmal schlecht aus dem Bett und manche von ihnen nutzen das sogar für ihre Kunst. Die Surrealisten ließen sich von diesem Schattenreich zwischen Wachen und Schlafen inspirieren und Franz Kafka begann zwei seiner bekanntesten Werke mit einem jähen Aufwachen: Im Proceß wird Josef K. direkt aus dem Bett heraus verhaftet, in der Verwandlung erwacht Gregor Samsa „eines Morgens aus unruhigen Träumen“, wie einer der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur heißt, und „fand sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Samsa ist zu spät aufgewacht, wie er sofort feststellt, dabei verlangt sein Beruf als Handelsreisender jeden Morgen schon um vier Uhr aufzustehen. „Dieses frühzeitige Aufstehen macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muss seinen Schlaf haben.“

Aber dem Mensch wird dieser Schlaf nicht gegönnt – schon zu Kafkas Zeiten. Franz Kafka selbst musste jeden Morgen früh aufstehen, er arbeitete tagsüber in der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherung. Stetig müde, darf man vermuten. So erzählt sein Tagebuch immer wieder von belastender Erschöpfung, seine Gelenke fühlen sich „wund vor Müdigkeit“ an, schreibt er zum Beispiel 1911. An die ungeliebte Arbeit gebunden, bleibt ihm keine andere Wahl als seiner eigentlichen Aufgabe, wie er es wohl sah – dem Schreiben – abends und vor allem nachts nachzugehen. Wenn man die literaturwissenschaftlich fragwürdige Rückwirkung vom Leben des Autors auf seine Literatur zulässt: Kafka muss einen ähnlichen Druck gespürt haben wie seine Figur Gregor Samsa. „Ein Donnerwetter des Chefs war nicht zu vermeiden“, denkt dieser, noch im Bett liegend, „denn der Geschäftsdiener hatte beim Fünfuhrzug gewartet und die Meldung von seiner Versäumnis längst erstattet“. Allerdings ist überliefert, dass Kafka durchaus auf Verständnis seiner Vorgesetzen hoffen konnte und er seine beruflichen Aufgaben, seinen Job, immer zur vollsten Zufriedenheit erledigte.

Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass schon vor hundert Jahren der Imperativ der steten Wachheit herrschte – und sollte ihm einmal nicht Folge geleistet werden, drohte die umgehende Repression. Der Kunst-Theoretiker Jonathan Crary weist in seinem Essay 24/7 von 2013 auf die Verbindung von neuen Zeiteinteilungen und Kapitalismus hin: „Die seit zwei Jahrhunderten stattfindende zeitliche Einstellung des Individuums auf die Marktmechanismen hat die Unterscheidung zwischen Arbeitszeit und Nichtarbeitszeit, Öffentlichkeit und Privatheit, Alltagsleben und organisierten Institutionen hinfällig gemacht.“ Wann geschlafen wird bestimmen nicht mehr das Individuum und seine Bedürfnisse, sondern die ökonomischen Anfordernisse.

2 Der ausgebeutete Schlaf

Im 21. Jahrhundert wird die Maßregelung, das „Donnerwetter des Chefs“, abgelöst – und zwar von Selbstdisziplinierung und Selbstoptimierung. Wir trimmen uns selbst. In Kafkas Roman stehen die zwielichtigen Beamten noch höchstpersönlich im Schlafzimmer, um Josef K. zu verhaften, heute haben wir auch das outgesourct, unser Smartphone (auch schon frühe Handys waren übrigens mit einer Weckfunktion ausgestattet) erledigt das für uns. Es weckt uns, zeigt die Termine für den Tag an und ist immer bereit, Anrufer an unser Bett zu lassen. Schon längst geht es aber nicht mehr nur um zeitiges Aufstehen, die Wachheit hat den ganzen Tag erfasst, man muss sieben Tage die Woche, vierundzwanzig Stunden am Tag geistesgegenwärtig sein. Schlaf wird zum Power-Nap degradiert, fünfzehn Minuten Superschlaf zwischen zwei Meetings – schließlich ist irgendwo auf der Welt immer Tag, und die Amerikaner, Chinesen, Inder, Südamerikaner schlafen ebenfalls nicht. Die Nachtruhe wird faktisch abgeschafft; das Internet kennt keine Tageszeiten. Die Optimierung unseres Schlafs schreitet voran, so sagt zum Beispiel eine Smartphone-App jeden Morgen, ob man zu achtzig Prozent gut geschlafen hat oder nur zu fünfzig. Und weckt einen morgens zu einem Zeitpunkt, an dem man sich vermeintlich gerade nicht im Tiefschlaf befindet, um eine optimale Wachheit für den Tag zu garantieren. Das Smartphone muss dafür nachts direkt neben dem Körper liegen, damit alle Bewegungen aufgezeichnet werden können, daraus errechnet sich die Schlafqualität.

Die Trennung von Arbeit und Freizeit gehört der Vergangenheit an, die geregelte Bürozeit wird zu Gunsten einer permanenten Erreichbarkeit abgeschafft. Der neuste Trend ist „Coliving“. Coworkingspaces werden weitergedacht, nun wird nicht mehr nur der Büroraum „geshart“, sondern in einer Art Business-WG auch zusammengewohnt und zusammengeschlafen. Unternehmen wie Google oder Facebook organisieren schon länger fast den kompletten Tag ihrer Angestellten, holen sie zuhause mit eigenen Busshuttles ab. Dave Eggers hat in seinem Roman The Circle beschrieben, wohin eine solche, angeblich fürsorgende Unternehmenspolitik führen kann, nämlich zum vermeintlich sanften Zwang, sich rund um die Uhr selbst zu entblößen. „Das digitalisierte, vernetzte Subjekt ist ein Panoptikum seiner selbst“, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han in seinem Buch Psychopolitik.

Das 24/7 der digitalen Arbeit – die neben der „wirklichen“ Arbeit auch das Pflegen der persönlichen Profile im Netz sowie den Konsum und das Ausstellen dessen umfasst – ist für Crary der bestimmende Imperativ der gegenwärtigen westlichen Gesellschaft. Er sieht eine „allgemeine Einordnung menschlichen Lebens in eine ununterbrochene Zeitdauer“, um ein „permanentes Funktionieren“ zu garantieren. Es klingt ein wenig pathetisch, wenn er den Schlaf als letzte Bastion feiert, der vom allesumfassenden kapitalistischen Prinzip noch nicht vollständig ausgebeutet, aber doch immer schärfer angegriffen wird: „Mit der zunehmenden Zerrüttung des Schlafs könnte deutlicher werden, dass die für den Schlafenden so wichtige Einsamkeit nichts wesentlich anderes ist als die angesichts deutlicherer und akuterer Formen gesellschaftlichen Leidens notwendige Geborgenheit.“

Für Crary ist klar: Es ist an der Zeit, unseren Schlaf zu schützen, denn die permanente Erreichbarkeit hat Folgen für unsere Gesundheit. Alain Ehrenberg hat in seinem Buch Das erschöpfte Selbst bereits 2004 darauf aufmerksam gemacht: Die Depression, so Ehrenberg, ist eine „Krankheit der Verantwortlichkeit“, denn das postmoderne Individuum steht permanent im Zwang, sich zu optimieren, Initiativen zu starten. Niemand sagt mehr direkt, was man tun soll, und dass man überhaupt etwas tun soll, aber wehe dem, der sich zur unpassenden Zeit hinlegt und schläft – er wird für krank erklärt, für depressiv: „Der Depressive ist nicht voll auf der Höhe, er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen.“ Wenn man mal etwas überinterpretieren wollte: Vielleicht ist Kafkas Ungeziefer auch nur ein Bild für die Depression eines Individuums, das daran scheitert, es selbst zu sein.

Burn-Out ist ein anderes Wort dafür, wenn wir nicht mehr der steten Wachsamkeit gehorchen (können). Für Han sind Depression, Burn-Out, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsyndrom oder Borderline-Persönlichkeitsstörung Krankheiten, die durch ein „Übermaß an Positivität“ hervorgerufen werden. In seinem Aufsatz Die Müdigkeitsgesellschaft schreibt er schon 2010: „Das entgrenzte Können ist das positive Modalverb der Leistungsgesellschaft. Sein Kollektivplural der Affirmation Yes, we can bringt gerade den Positivitätscharakter der Leistungsgesellschaft zum Ausdruck. An der Stelle von Verbot, Gebot oder Gesetz treten Projekt, Initiative und Motivation. Die Disziplinargesellschaft ist noch vom Nein beherrscht. Ihre Negativität erzeugt Verrückte und Verbrecher. Die Leistungsgesellschaft bringt dagegen Depressive und Versager hervor.“

Das Versprechen von Selbstbestimmung, von Selbstverwirklichung wendet sich gegen das Individuum, ist nur noch ein „Tool“ zur bestmöglichen Ausbeutung. Han macht darin in Psychopolitik einen Wesenszug des zeitgenössischen Neoliberalismus aus: „Der Neoliberalismus ist ein sehr effizientes, ja intelligentes System, die Freiheit selbst auszubeuten. Ausgebeutet wird alles, was zu Praktiken und Ausdrucksformen der Freiheit gehört wie Emotion, Spiel und Kommunikation. Es ist nicht effizient, jemand gegen seinen Willen auszubeuten. Bei der Fremdausbeutung fällt die Ausbeute sehr gering aus. Erst die Ausbeutung der Freiheit erzeugt die höchste Ausbeute.“

Wie können wir nun gegen diese Positivität vorgehen, der nicht mehr widersprochen werden kann, weil sie uns nicht von außen diszipliniert, die unsere Freiheit ausbeutet und uns innerlich depressiv macht? Ergibt ein „Nein“ überhaupt noch Sinn, wenn es bedeutet, uns selbst (oder unser Selbst) zu vernichten? Das „Nein“ muss sich tarnen, die Begriffe umdeuten. Han weist darauf hin, wie beispielsweise Burn-Out eine Art Auszeichnung werden kann, denn schließlich bedeutet es, dass ein Übermaß an Arbeit, ein Überfüllen der Norm, der Grund für die Krankheit ist. Das kann natürlich keine Lösung sein. Vielleicht brauchen wir stattdessen ein Burn-Out ohne Arbeit, einen Schlaf der Unfleißigen.

3 „Die kommende Gemeinschaft liegt hinter unseren Depressionen“

Mir ist aufgefallen, dass sich in den letzten Jahren mehrere deutschsprachige Bands mit den oben angedeuteten Ideen und Theorien beschäftigt haben. Das mag verwundern, da gerade die zeitgenössische deutschsprachigen Popmusik eher durch biedere Romantik und Landflucht auffällt. Doch einige Künstler und Bands stellen sich durchaus gesellschaftlich relevanten Themen und gehen etwa der Frage nach, wie man sich der zunehmenden Vereinnahmung von Freiräumen (und der Schlaf stellt eben solch einen Raum da) entgegenstellen kann.

Andreas Spechtl, Sänger der Band Ja, Panik brachte unter dem Namen Sleep 2015 ein Album heraus, das vor dem Hintergrund dieser Fragestellungen zu verstehen ist. (Hier geht es zur Besprechung). Aber auch schon davor wurden einige Versuche formuliert, wie sich dem Wachheits-Imperativ entzogen werden kann. Christiane Rösinger (mit übrigens Spechtl an ihrer Seite) singt im Lied Es ist so arg von 2010 vom „Unterforderungs-Burnout“ und hangelt sich von der „Quarterlife-Crisis“ über die „Midlife-Crises“ zur „Altersdepression“. Die Krise wird zum Dauerzustand, doch es ist keine Krise der Überforderung – sondern im Gegenteil – der Unterforderung. Mir geht es schlecht, weil ich nichts zu tun habe und eigentlich mag ich das sogar ganz gern, scheint das Lied zu sagen, ich habe mich in der „melancholischen Hypochondrie“ eingerichtet. Krankheit als Weg quasi, so nannten Blumfeld schon vor über zehn Jahren ein Lied.

Tocotronic gaben dieser Strategie, sich gar nicht erst auf die Anforderungen des Spätkapitalismus einzulassen, einen Slogan: „Wenn Du denkst: Fuck it all / Wie soll es weitergehen / Kapitulation.“ Und das alles zu beschwingter Musik, gar nicht schwermütig, sondern eher fröhlich: Wir machen nicht mehr mit, wir kapitulieren. In ihrem Lied Im Zweifel für den Zweifel heißt das dann „Im Zweifel fürs Zusammenklappen vor gesamtem Saal“. Und die Absage an das permanente Funktionieren bringt Sänger Dirk von Lowtzow 2015 im Song Rebel Boy auf die Zeile: „Flucht und Himmelfahrt sind unsere Koordinaten.“ Nicht zielorientiertes Handeln mit messbaren Ergebnissen, die dann auch gut präsentiert werden, ist das Ziel, sondern das Fliehen und die womöglich sinnlose, aber immer passionierte Himmelfahrt. Ein weiterer Song von Tocotronic auf der 2015er-Platte besingt übrigens die angeblich so altmodische Solidarität, die in der neoliberalen Unternehmstrategie nicht mehr vorkommt.

Die Kölner Band Locas in Love nannte ihr 2012er-Album einfach Nein. Im Titelsong zählen sie auf, was sie alles nicht mitmachen wollen: „Müssen wir uns wirklich zermatern, weil wir glauben, dass es irgendwer von uns erwartet? / Nein, nein, nein, nein.“ Das wird allerdings nicht in der absagenden Attitüde des Punk vorgetragen, sondern gelassen und ruhig, fast schlafwandlerisch. Doch es bleibt nicht beim bloßen Verneinen, ein weiteres Lied auf der Platte heißt: Nimm mich als Bett. Deutlicher kann man es nicht sagen: Der letzte Schutzraum ist das Bett, nur hier müssen wir nicht wir selbst sein, nur hier sind wir nicht permanent erreichbar. Im Bett, schlafend, widerstehen wir dem kapitalistischen Leistungsdruck, der verlangt immer das (so genannte) Beste zu geben, für uns, für das Unternehmen. Während des Schlafs sind wir verloren, nicht da, ausgeschlossen von der Welt, einmal nicht dabei, machen wir nicht mit beim globalen Spiel der Wachheit. Und dieser Freiraum muss gegen weitere Vereinnahmung verteidigt werden. Ein Ungeziefer zu sein, wie bei Kafka, kann auch bedeuten: Endlich ausschlafen als Ausgestoßener. Das Bett wird zum Ort der Dissidenz, der Schlaf eine Möglichkeit des Widerstands. Trotzdem müssen wir ja irgendwann wieder aufwachen. Und was passiert dann?

Ja, Panik singen 2011 auf DMD KIU LIDT: „Die kommende Gemeinschaft liegt hinter unseren Depressionen, denn was und wie man uns kaputt macht, ist auch etwas, das uns eint.“

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