Ein Student der Literaturwissenschaft. Kress von Aljoscha Brell


Buchkritik

Er heiße Kress, das genügt ja eigentlich. Wie alle großen Denker der Weltgeschichte gibt es ihn auch ohne Vornamen. Im Mittelpunkt seines Lebens steht Goethe, und der macht sich schließlich ebenfalls vorzüglich ohne das überflüssige, umständliche Johann Wolfgang. Kress kann keine Computer bedienen, er pflegt klösterliche Distanz zu weltlichen Genüssen und steht mit seiner Aversion gegen alles, was nicht Geist ist, eher auf der passiven Beobachtertribüne des aufkochenden 2010er Berlin. Nun haben klassischerweise gerade die Exzentriker entscheidenden Anteil an der Attraktion, die die Hauptstadt auf viele Zugezogene ausübt. Doch wenn wir in literarischen Texten all den verqueren und eigenen, dadurch auch anziehenden Gestalten begegnen, geben sie nicht selten preis, dass das Exzentrische in Wahrheit eine recht melancholische Schicht geheimer Wünsche nach Normalität verkleidet. Während der ersten Hälfte von Aljoscha Brells Kress meint man, auch die Titelfigur könnte von seiner komfortablen Umlaufbahn aus plötzlich den Bildungspfad in die Mitte der Gesellschaft suchen – eine Gesinnung, die vom Wilhelm Meister bis ins heutige Kino und Bahnhofstaschenbuch einen roten Faden hinterlässt. Umso härter wird dann zugeschlagen. Was Kress so besonders macht, ist der konsequente, tückische Abgang in eine stockfinstere Persönlichkeit.

Von vorn. Alles beginnt mit einem zum wiederholten Male ordnungswidrig vor Kress’ Briefkasten abgestellten Fahrrad: „Dem Fahrradabsteller war nicht lediglich ein Fehler unterlaufen. Er handelte aus Bosheit. Es war ihm an einer Störung des Hausfriedens gelegen. Möglicherweise lag sogar eine gezielte Attacke gegen ihn persönlich vor, den Studenten der Literaturwissenschaft Kress“. Einer derart wunderbaren Verfügung über das ironische Potential der erlebten Rede folgt der gesamte Roman. All die absonderlichen Kleinigkeiten, die den Helden beschäftigen, sammeln sich in diesem sprachlichen Kniff und weisen Kress mitsamt seiner bornierten Altertümlichkeit als nichts anderes als menschlich, ja allzu menschlich aus. Sei es seine streberhafte Selbstüberzeugung, die neurotische Ich-Beobachtung im Spiegel der Anderen, die abgebrannte Lebensuntauglichkeit, mit der er sich dem Imperativ des Berliner Überlebenskünstlers zum Fraße vorgeworfen wiederfindet, sei es sogar die merkwürdige Verbindung zum einzigen Freund, einem unzuverlässigen Tauberich, nach Fontanes freundlichem Apotheker Gieshübler getauft: Die definierenden Momente seiner Persönlichkeit summieren ein erzählerisch gelenktes Sympathiekonto, wohingegen die Begegnung mit Kress im nicht-literarischen Kontext wohl eher eine Zumutung darstellen würde.

Genau diese Erfahrung müssen zwei junge Damen machen, Madeleine einerseits, die zur puren Projektion einer Ausbruchsmöglichkeit ins bürgerliche Leben avanciert; und deren engste Freundin Mona andererseits, ein lebensnahes Gegenstück zu Madeleine, ausgesandt, den Träumer wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. In starker literarischer Aufladung wird Madeleine vom Erzähler (angesichts ihrer Unpünktlichkeit im Kleist-Seminar) nur als „Verspätung“ tituliert. Während Madeleine selbst darunter leidet, für all die verhinderten Genies in Berlin nichts als einen überlebensgroßen Fixstern darstellen zu dürfen, verschiebt der Roman Mona in bestechender Subtilität mehr und mehr vom reinen Gegengewicht zur Hauptfigur, die das leidliche Thema der ,love interest‘ hier auf einem abwechslungsreichen Schwebebalken ausbalanciert.

Den eifrigen Goethe-Forscher haben diese ökonomischen Begegnungen nicht nur ausgerechnet am Tag eines boshaften Fahrradabstellers und enormer finanzieller Krise aus dem literarischen Dasein gerissen, sondern auch noch an der Universität heimgesucht, seiner bisweilen einzigen Pilgerstätte in der großen Stadt. Nicht irgendeine Universität wohlgemerkt, sondern die Freie Universität, deren legendärste Geschichten immer mal wieder einen kleinen Gruß aussenden: Vom Exodus der in Zentral-Berlin beheimateten Studenten ins verschlafene Dahlem, das neben den Beton- und Metallklötzen der Hochschule nicht viel zu bieten hat und regelmäßig für übervolle Waggons auf der U3 im Anschluss an die Umschlagstationen Fehrbelliner und Heidelberger Platz sorgt; von den ebenso gedrängten Abstechern in die Mensa der Rost- und Silberlaube; von der 2005 eröffneten Philologischen Bibliothek, die zeitweise eher an ein Hallenbad erinnert denn an einen Ort der Konzentration; schließlich von den Seminar-Intervallen, die sich abermals durch Platzmangel auszeichnen, was jeden verspäteten Studenten noch mal als besonderen Eindringling in die Enge der Tischreihen ausweist. Entgegen all der Zeichen und Winke handelt es sich aber nicht um einen dedizierten Campus- oder gar FU-Roman. Wenn etwa eine Seminardiskussion über Sein und Schein des Genitivapostroph geführt wird – für Kress’ eigenen Namen äußerst brisant – ist die Konturierung der Figur das dringliche Projekt dieser Passage. Das Verhältnis der universitären Akteure bleibt eher pragmatisch, der akademische Betrieb ist einfach gezeichnet.

Das Hauptanliegen stellt so die Isolation der Einzelperson Kress dar. In insgesamt fünf Kapiteln wird analog zu den fünf Akten des klassischen Dramas ein Teilstück seines Bildungsromans erzählt. Der gewichtigste Umschlag findet an der Grenze zwischen drittem und viertem Abschnitt statt. Vom heimlichen Verehrer wandelt sich der Knabe zum unbarmherzig Obsessiven. Das ist ein ziemlich gemeiner Trick: Nach der heillosen Identifikation mit dem asozialen, aber harmlosen Intellektuellen wird man gezwungen, in einen tiefen, manchmal boshaften Untergrund seiner Persönlichkeit hinabzusteigen. All die Züge, die für wohlmeinende Leser vorher charmant, sogar witzig und erfrischend ehrlich erschienen, verschwimmen in einer zweiten, grässlichen Janusseite, dem weinenden Pierrot bis hin zu einem wütenden, anarchischen Antlitz, das jegliche Solidarität zertrümmert. Je stärker man zuvor befürchtete, dass hier eine weitere Coming-of-Age-Geschichte in einem besonderen Milieu erzählt wird, desto fieser flackert mit einem Mal inmitten der bedrückenden Verwahrlosung von Kress die Verlogenheit all dieser handelsüblichen sentimentalen und versöhnlichen Liebesgeschichten auf. Diese schöne Überraschung lässt auch darüber hinwegschauen, dass man angesichts der letzten Absätze zumindest streiten darf, ob die gesamte Aktion nicht doch wieder zugunsten eines schlagartigen und doch vorhersehbaren Ausgleichs abgeblasen wird.

Es ist ein lesenswerter Roman, den Aljoscha Brell geschrieben hat. Angesichts der zahlreichen komödiantischen Erzählpassagen und ihrer szenischen Abfolge wirkt es zuweilen, als würde hier durchaus ein Kinoverleih am Horizont adressiert. Eine Verfilmung ist zumindest dem Buch weniger zu wünschen. Denn Kress gewinnt sein Profil nicht wegen der Bilder, die sein Roman erzeugt, sondern wegen der sorgfältig getakteten, zeitweise brillanten Sprache, in deren Abgründe die Figur ihrerseits sich zweifelsohne schon ein oder zwei Schritte zu tief zurückgezogen hat.

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