Über Geniale Dilletanten in Hamburg


 Ausstellungskritik

Wenn ich in Hamburg bin, einen Nachmittag lang Zeit habe und schlechtes Wetter ist (das Wetter ist so gut wie immer schlecht, wenn ich Hamburg besuche), gehe ich gern ins Museum für Kunst und Gewerbe. Man kann wunderbar durch diesen riesigen Bau direkt am Hauptbahnhof flanieren, es gibt Jugendstilmöbel, islamische Kunst und eine sehr schöne Sammlung von Designgegenständen aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Man kann sich sogar das nachgebaute Arbeitszimmer von Dieter Rams, dem ehemaligen Designer von Braun und großes Vorbild von Apple-Chefgestalter Jonathan Ive, anschauen, genauso wie die berühmte alte Kantine des SPIEGEL, ausgestattet von Verner Panton. Und es gibt immer wieder sehr interessante Sonderausstellungen, die manchmal erstaunlich wenig Besucher anziehen. Aber was gibt es Schöneres als eine leere Ausstellung, bei der man nicht vor jedem Exponat anstehen muss? So auch bei meinem letzten Hamburg-Besuch.

Die Ausstellung Geniale Dilletanten (natürlich absichtlich falsch geschrieben), konzipiert vom Goethe-Institut und auf erster Station in München zu sehen, macht Halt in Hamburg. Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland lautet der Untertitel – freilich geht es hauptsächlich um einige stilprägende Bands Anfang der achtziger Jahre. Auch wenn sich diese meist als Gesamtkunstwerk sahen und oft aus der Kunst- und Galerieszene kamen, so scheint mir doch die Musik die Klammer zu sein, für diese unterschiedlichen Projekte. In den Worten von Bernd Zimmer (zitiert im Katalog der Ausstellung), einem wichtigen Maler im Umfeld dieser Subkultur: „Es war wirklich wichtiger, ein gutes Konzert zu hören, als sich ein Bild anzugucken. Das war eindeutig inspirierender für uns.“ Zimmers riesiges Gemälde 1/10 Sekunde vor der Warschauer Brücke, das die Berliner Hochbahn in Kreuzberg zeigt, hängt auch in der Ausstellung. Es wurde 1979 an einem einzigen Tag im Berliner Club SO36 ausgestellt, also einem Raum, in dem sonst Punk- oder New-Wave-Bands spielten. Die Verschränkung der Kunstformen zeigt sich auch darin, dass der Künstler Martin Kippenberger zeitweise als Geschäftsführer des Clubs fungierte.

Ähnliche interdisziplinäre Wechselwirkungen gibt es bei fast allen Bands, die in der Ausstellung vorgestellt werden: Die Münchner Band F.S.K. vereint etwa den Schriftsteller Thomas Meinecke und die Künstlerin Michaela Melián und ist aus dem Magazin Mode und Verzweiflung entstanden. Die Gruppe Die tödliche Doris um den Künstler Wolfgang Müller orientierte sich an Dada und ihre Konzerte glichen Performances, später nahmen sie sogar an der documenta 8 teil. Die Düsseldorfer Band Der Plan betrieb etwa erst eine Galerie namens Art Attack aus der später das Plattenlabel Ata Tak entstand, in dessen Umfeld die Fehlfarben, D.A.F. und Andreas Dorau gediehen. Die Einstürzenden Neubeuten erschufen gleich eine ganz eigenes Genre mit Industrial-Musikperformances, die nicht mehr mit den herkömmlichen Hörgewohnheiten der Popwelt in Einklang zu bringen waren.

Nicht zu unterschätzen sind aber auch die Bands, die vor allem musikalisch neue Wege gingen, wie D.A.F., die mit ihren trockenen, elektronischen Sound auch in England Erfolg hatten, und Palais Schaumburg, deren Nachhall man sogar noch in zeitgenössischen Bands wie den Foals oder The Drums hört. Natürlich hatten diese Bands ebenfalls ihre Vorbilder, waren wie die gesamte Musiklandschaft hierzulande von britischen und amerikanischen Bands geprägt, aber trotzdem wagten sie etwas Neues, das man so noch nicht auf den Bühnen in Deutschland gesehen und gehört hatte. Auch wenn die gesamte Szene ohne etwa Joy Division oder Suicide nicht zu denken wäre.

Zweierlei fasziniert mich an der Ausstellung aber besonders: Sie zeigt nämlich erstens wie schon damals eine Subkultur in atemberaubender Geschwindigkeit kommerziell vereinnahmt wurde. Die langweiligen Nachfolger der innovativen Bands, die sich Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre gegründet hatten, landeten schnell sogar international erfolgreiche Hits. Aber auch Bands, die sich eigentlich nicht zum Mainstream zählten, hatten plötzlich Erfolg: Es geht voran von den Fehlfarben ist wohl einer der größten Hits der sog. Neuen Deutschen Welle. Nenas 99 Luftballons wurde bereits 1983 veröffentlicht – und spätestens dann war es vorbei mit Subkultur. Die Einstürzenden Neubauten wandten sich unter anderem dem Theater zu und D.A.F. dem Techno. Überhaupt ist Techno stark beeinflusst von den Bands der frühen achtziger Jahre. Genauso übrigens wie die Hamburger Schule um Blumfeld und Tocotronic. Der Film B-Movie, der 2015 in die Kinos kam und von der Berliner Szene dieser Subkultur handelt, erzählt die Geschichte etwas zugespitzter: Nach dem Pioniergeist kam der Absturz in Depression und Drogen – und schließlich der neue Aufbruch mit Wiedervereinigung und Techno.

Zweitens faszinierte mich bei meinem Rundgang durch die Ausstellung, dass es scheinbar vor fünfunddreißig Jahren noch möglich war, einfach so etwas zu machen, weil man es eben so wollte. Die Kompromisslosigkeit, die Radikalität und der Drang zum Neuen erschreckten mich sogar ein wenig: Ich male jetzt einfach ein riesiges Gemälde, obwohl Malerei doch eigentlich sowas von vorbei ist, ich kann mir keine Instrumente leisten, deswegen haue ich auf Mülltonnen rum – und erhebe das zum Konzept. Und es ist auch wirklich ein Konzept. „Der leitende Gedanke dieser Jahre war: Handwerklich kann es jeder, es kommt nur auf die Ideen an, auf die Person. Diejenige Musik, ja diejenige Kunst hingegen, die auf erlenbaren Skills aufbaut, ist langweilig und angepasst. Sie reproduziert nur die Vorgaben der megalomanen Technik“, schreibt Diedrich Diederichsen im Katalog zu Ausstellung. Insoweit passt der Titel Geniale Dilletanten wirklich perfekt, den Wolfgang Müller von Der tödlichen Doris einem Festival im Berliner Tempodrom 1981 gab.

Natürlich stellte ich mir dann die Frage: Warum ist dieser Dilettantismus heute kaum mehr möglich? Warum gibt es keine solche Subkulturen mehr, die versuchen Neues zu schaffen und in ihrer Radikalität keine Kompromisse eingehen. Wahrscheinlich liegt es am Übermaß der Möglichkeiten. Heute ist es kein Problem mehr, ein perfektes Musikstück am Laptop zuhause herzustellen, Technik und Instrumente sind erschwinglich geworden, die Vertriebswege stehen durch das Internet jedem offen, es braucht keine kleinen Labels mehr. Das Prozesshafte, Skizzenhafte ist, wenn überhaupt, nur noch Pose. Aber auch der gesellschaftliche Hintergrund ist heute selbstverständlich ein Anderer: Grosse Untergangsshow lautete der andere Titel für das Festival. Wahrscheinlich ist diese Subkultur nur zu verstehen, wenn man bedenkt, in welcher politischen Lage sie entstand: Der Aufbruch der 68er war verpufft, sie hatten entweder den Marsch durch die Institutionen angetreten, waren in mikroskopische K-Gruppen zerfallen oder in den Terrorismus abgerutscht. Der Optimismus der Hippies zerbarst an den harten Realitäten von Aufrüstung und atomarer Bedrohung. Und am Horizont zeichnete sich schon die neoliberale Revolution von Reagan und Thatcher ab. Es gab nichts zu verlieren (zumindest schien es so) und genug Feinde gegen die man sich stellen konnte. Leonard Emmerling schreibt im Katalog über die gegenwärtige Lage: „Wo jeder alles sein können soll, damit, was er tut, von Erfolg gekrönt ist, löst sich die kompakte Feindfassade auf, ohne die Subkultur nicht existieren kann.“

Als ich das Museum für Kunst und Gewerbe wieder verlasse, hat es angefangen zu regnen und gleichzeitig zu stürmen – eine besondere Hamburger Spezialität. Am wie immer total überfüllten Hauptbahnhof warten unzählige Flüchtlinge darauf, dass es weitergeht – wohin wissen sie wahrscheinlich selbst nicht. 2015 wurden in Deutschland so viele Flüchtlingsunterkünfte angezündet wie noch nie. Es gäbe genug Themen, mit denen sich Künstler, die nicht nur auf den Markt schielen, auseinandersetzen könnten.

Die Ausstellung Geniale Dilletanten ist noch bis zum 30. April im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg zu sehen. Der Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen.

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