The End of the Tour. Der besonnene Film über David Foster Wallace


Filmkritik

Die Anliegen der romantischen Künstlernovelle sind ja im Laufe der vergangenen Jahre zu einem gewissen Teil im oscarträchtigen Filmformat des Biopic aufgegangen. Verkommen, möchte man fast sagen, wenn man sich populäre Vertreter des Genres wie Ray oder Walk the Line näher anschaut, deren Struktur bis zur Verwechslung ähnlich das biedere Lied vom gebeutelten Genie aufspielt, ohne sich abseits von hagiographischer Überhöhung um die Frage nach der Kunstfertigkeit Einzelner zu kümmern. Da wirken ob ihrer Vereinzelung und geringen Strahlkraft selbst wichtige Ausnahmen, etwa der Bob Dylan-Impressionismus in I’m not There, kaum salbend.

In einer winzigen Nische könnte man auch James Ponsoldts The End of the Tour verorten, der eine Episode aus dem Leben des Schriftstellers David Foster Wallace porträtiert. Der wichtige Unterschied ist aber, dass dieser Film nicht allein nebenher, sondern ganz deutlich, nämlich an das Selbstbild des berühmten Autors gekoppelt, den indiskreten Phantasien abschwört, die so viele andere Filmbiographien heimsuchen. Keine magischen Eingebungen und manischen Werk- und Wirkphasen werden in schwitzige Szenen gedrängt, kein Drogen- oder Liebesrausch zur Komplettierung einer allgemeinen Vorstellung (und Reproduktion) der Bilder vom Künstlergen durchbricht die ruhige, besonnene Studie. Der Film wählt die Perspektive von David Lipsky (Jesse Eisenberg), einem Journalisten, der Wallace (Jason Segel) nach dem großen Durchbruch von dessen brockenschwerem Roman Infinite Jest für eine Reportage auf der zugehörigen Lesereise 1996 begleitete. Nach Wallace‘ frühem Tod 2008 wurde aus der Erfahrung ein Buch, das nun als Vorlage für The End of the Tour diente.

Jason Segels überraschend gelungenes Schauspiel des gefeierten Autors als schüchternem Mann bewahrt das behutsam geschriebene Drehbuch davor, an seinem archimedischen Punkt zu kentern. Auf diese Weise kann es seine Stärke ausspielen: Die Revision von Klatsch und Tratsch, von Halbwahrheiten und Mythen ingeniöser Tadellosigkeit. Viele Dialoge zeigen, wie die Beobachterfigur Lipsky im Sinne des Effekts für seinen Artikel immer wieder entsprechende Fragen und Legenden an Wallace heranträgt – vom ikonischen Kopftuch bis zur Drogensucht ist alles dabei. Die unterschiedlichen Möglichkeiten, derartige Situationen zu parieren, verleihen dem Film seine spezifische Dichte. Es wird damit auch gesagt: Diese Details gehören hier nicht her, sie haben mit der Person wie auch der Figur und der Gesinnung des Films nichts zu schaffen. Es gibt kein großes Geheimnis hinter der Kunst, allenfalls innerhalb ihrer Werke.

The End of the Tour ist nebenbei auch eine kleine Zeitreise in die Mittneunziger, die Phase zwischen den Krisen, in der ein solches Buch wie Infinte Jest und ein Autor wie Wallace verfangen konnte, in der aber auch die Art des Journalismus, wie sie Lipsky repräsentiert, noch möglich war. Kammerspielartige Szenen zeigen die beiden Hauptfiguren sowohl im pikanten Duell als auch im heillosen Versuch, sich anzunähern, trotz der professionellen Distanz, die sich immer wieder zwischen sie schiebt. Der ehrgeizige und übereifrige Lipsky, selbst Schriftsteller, legt die kleinen und großen Irritationen fälschlicherweise als den Unterschied zwischen Genie und Durchschnitt aus, als den Abstand, der auch Mozart und Salieri voneinander trennt. Doch im Gegensatz zum großen „I absolve you“, das Frank Murray Abrahams Verkörperung von Salieri in Miloš Formans Amadeus-Film von 1984 am Ende an all die Herkömmlichen und Vergessenen ausspricht, mildert Ponsoldts (und Segels) Version von David Foster Wallace eindringlich, fast väterlich das Hadern all derer, die zu nah am Werk sind, um es nicht selbst zu begehren, und doch zu weit entfernt, um es jemals zu schaffen.

Erwartungsgemäß flog der Film – von seinem Auftritt auf dem Sundance Film Festival 2015 abgesehen – bis dato eher unter dem cineastischen Radar, trotz guter Kritiken. Vielleicht liegt das auch an dem Ring an Zeloten, der sich um Leben und Werk von Wallace geschlossen hat und Unwürdige von Beginn an abschreckt. Diesen sei gesagt: Auch wer Infinite Jest noch nicht gemeistert hat, wer vielleicht sogar nichts mit David Foster Wallace anfangen kann, wird Freude an dem Film haben. Denn er ist charmant und sensibel, auch traurig und düster, aber immer ein mildes Korrektiv für all die Invasionen des A-Künstlerischen auf die Kunst, welche sonst das Hollywood-Kino prägen.

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