Über A Tribe Called Knarf, Sleep und Mark Fisher


Musikkritik

Der Hamburger Musiker Knarf Rellöm gefällt das Verwirrspiel um seinen Namen. Er verwendet seinen eigentlich ziemlich normalen bürgerlichen Namen Frank Möller rückwärts und wandelt ihn Platte um Platte ab, mal heißt er Knarf Rellöm Trinity, mal Ladies Love Knarf Rellöm. Sein letztes Album Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte, das im Herbst 2015 erschien, läuft nun unter A Tribe Called Knarf. Mit Anweisungen für die Einsortierung im Plattenladen treibt er dieses Spiel mit Zuschreibungen noch weiter: Sein wohl bekanntestes Album von 1997 (darauf der kleine Indie-Hit Autobiographie einer Heizung) trägt den Titel Bitte vor R.E.M. einordnen, die neue Platte fordert auf: „Please file under ‚Kapitalistischer Realismus’“. Konnte man den R.E.M.-Titel noch als ironische Distanzierung von einer Indie-Band, die kommerziellen Major-Erfolg hatte, verstehen – und wie das Namens-Verwirrspiel, kapitalistische Verwertungsinteressen unterlief (man findet das Album im Plattenladen nicht da, wo man es vermutet) – scheint nun der Verweis auf den Begriff „Kapitalistischer Realismus“ eher eine Art Schlüssel zum Album zu sein.

Der Begriff wurde ursprünglich von der Düsseldorfer Künstlergruppe um Gerhard Richter und Sigmar Polke geprägt, Knarf Rellöm bezieht sich aber mit Sicherheit auf das 2009 erschiene Buch Capitalist Realism: Is there no alternative? des englischen Theoretikers und Bloggers Mark Fisher. Darin schreibt er: „Kapitalistischer Realismus ist eine Art alles durchdringender Atmosphäre, die nicht nur Produktion von Kultur bestimmt, sondern auch Regulation von Arbeit und Bildung. Er wirkt eher wie eine unsichtbare Barriere, die unser Denken und Handeln einschränkt.“ Der Kapitalismus, so Fisher, wird als alternativlos dargestellt, alles steht unter dem ökonomischen Imperativ, Kultur, Bildung und persönliche Entfaltung. Statt neuen politischen Entwürfen wird nur noch von – meist minimalen – Modifikationen innerhalb des Systems gesprochen: So werden beispielweise nicht das Investmentbanking bzw. finanzielle Strukturen des Neoliberalismus in Frage gestellt, die in die Finanzkrise 2008 geführt haben, sondern nur deren angeblich perverse Auswüchse oder die vermeintliche „Gier“ einzelner Banker. Für Fisher sind das nur „Ablenkungsmanöver“, damit die Systemfrage nicht gestellt wird: „Die Schuld wird bei den angeblich pathologischen Individuen abgeladen, denjenigen, die ‚das System missbrauchen’, anstatt beim System selbst.“

Knarf Rellöm vertont nun nicht diese Theorie, sondern erzählt eher vom Leben im kapitalistischen Realismus. Im ersten Song Bassline, that was so fine beschreibt er den Tag, an dem er bei einem Gespräch auf die Idee für besagtes Lied kommt, es schließlich schreibt und aufnimmt. Das ist durchaus banal, Knarf sprechsingt: „wie wir Kaffee bestellten, ich einen Americano, die Person einen Espresso.“ Am Ende steht die Gleichzeitigkeit: Knarf erzählt, wie er den Song aufnimmt, wie die Platte produziert wird, wie der Hörer sich dafür entscheidet, sie zu kaufen und sie schließlich anhört. Die Songs werden Teil der kapitalistischen Verwertungslogik. Also bitte: Einordnen – wie alles – unter kapitalistischen Realismus.

Die Musik dazu könnte man als retro bezeichnen, jedenfalls ist sie nicht besonders experimentell, es gibt sogar eine Art Coverversion eines alten Songs der Goldenen Zitronen. Man hört LCD Soundsystem heraus, Elektroclash, Techno, Funk, Hip Hop (der Name: A Tribe Called… spielt ja auch schon darauf an) und ist damit auch Symptom des kapitalistischen Realismus. In einem Interview mit der Jungle World beschreibt Fisher im Anschluss an Fredric Jameson die gegenwärtige Kultur: „Die kulturelle Logik im Spätkapitalismus tendiert zu Pastiche und Retrospektion.“ Doch anders als etwa Retro-Langweiler wie Adele oder meinetwegen auch die Libertines, ist sich Knarf Rellöm immerhin bewusst, dass er Teil der traditionsgebundenen Pop-Industrie ist. Und formuliert sogar einen Aufruf zum Ausbruch, die Möglichkeit einer Alternative: „Immer wenn es aussieht wie das Ende der Menschheit, dann kommt etwas Neues.“

Einen anderen Ansatz wählt Andreas Spechtl, bekannt als Sänger der Band Ja, Panik, auf seinem ebenfalls 2015 erschienen Soloalbum Sleep. Er nimmt den von Mark Fisher und seinem Kollegen Simon Reynolds geprägten Genre-Begriff Hauntology, der ursprünglich von Derrida stammt, auf. „Bei Hauntology geht es um die Kraft der Erinnerung (den Nachklang, das unaufgeforderte Erscheinen, das Besitzergreifen des Verstandes) und die Fragilität der Erinnerung (dazu bestimmt, zu verzerren, zu verfallen und schließlich zu verschwinden)“, schreibt Reynolds in seinem Buch Retromania. Musikalisch meint er damit Projekte wie The Caretaker, die Musik aus vergangenen Epochen neu vertonen oder auch nur verzerren, und dabei die Vergangenheit sichtbar machen. Eine Art „Geistermusik, die aus Spuren, den Erinnerungen eines Objekts gemacht wurde.“ Natürlich ist das ebenso retro – aber eben bewusst retro: „Was Hauntology einzigartig macht und ihm Originalität verleiht, ist die schmerzliche Sehnsucht – nach der Geschichte selbst.“

Spechtl versammelt auf seinem Album ein ebensolches gespenstisches Stimmen- und Instrumentengewirr. Er hat Aufnahmen in der Stadt gemacht, afrikanische Einflüsse eingebaut, genauso wie Sounds aus der westlichen Popgeschichte (etwa ein edgy Saxophone), dazu kommt sein meist undeutlicher englischer Gesang, den er nur sparsam einsetzt. Sowohl seine Stimme, als auch der Sound kommt schlafwandlerisch daher – denn immerhin in der Nacht, im Schlaf kann man sich noch dem kapitalistischen Realismus widersetzen: in den surrealistischen Traumwelten. Aber auch das ändert sich: „Selbst in den Schlaf wird ja allerorten eingegriffen. Ob mit pharmazeutischen Mitteln oder der Smartphone-App, die mir mein bestes Schlafverhalten ausrechnet. Damit der Mensch sich bloß ordentlich ausruht, aber möglichst kurz“, sagt Spechtl in der ZEIT. Viel Fisher habe er gelesen, während den Aufnahmen zum Album, gibt er zu, aber der ist ebenso pessimistisch, was den Schlaf als letzte Bastion gegen das allgegenwärtige ökonomische Prinzip angeht: Im kapitalistischen Realismus werden „Leben und Arbeit untrennbar. Das Kapital verfolgt dich in deinen Träumen.“

Scheinbar, so zeigen diese beiden Alben, beginnt auch in der deutschsprachigen Musik eine interessante und durchaus subtile Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen politischen Lage, die sich nicht, wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten, in Parolen erschöpft, sondern eine atmosphärische oder ironisch-gebrochene Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen Realismus in Text und Musik propagiert.

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