Schiffbruch des Theseus. S. von J.J. Abrams und Doug Dorst


Buchkritik

Wer die Bibliotheken dieser Welt frequentiert, bereits benutzte Bücher möglicherweise sogar etwas lieber mag als neue, kennt vielleicht den nagenden Drang, neben der eigentlichen Lektüre auch noch die Spuren früherer Leser zu decodieren. Man ärgert sich über befleckte oder eingerissene Seiten, amüsiert sich angesichts verquerer Bemerkungen in schwer zu entziffernder Handschrift, vergleicht aber nicht ungern die eingetragenen Markierungen – sofern sie nicht zu exzessiv dem Fließtext Konkurrenz bieten – mit den eigenen Einsichten und Beobachtungen. Ganz selten findet man vielleicht auf diese Weise eine mysteriöse Wahlverwandtschaft, einen charakteristischen Bleistiftstrich, der sich wiederholt an genau den Stellen in Szene setzt, die auch für einen selbst von Bedeutung sind. Wer steckt hinter diesen klugen Bemerkungen, mag man sich fragen, und lässt die Gedanken schweifen: Vielleicht ist es jemand, der sich noch ganz in der Nähe aufhält, ja möglicherweise gerade jetzt im selben Raum über einem anderen Band brütet. Vielleicht aber auch eine verwandte Seele von früher, aus längst versunkenen Zeiten, die das unbekannte Wesen inzwischen gezeichnet, es schon hinuntergerissen haben. Das Buch indes erinnert diesen Augenblick aus dem früheren Leben, so als wäre er noch gar nicht lange vergangen.

Natürlich ist diese geistespornographische Vorstellung in erster Hinsicht ein großes Phantasma. Es wenigstens einmal zu erfüllen, fällt somit der Literatur selbst zu. Das Gestaltungsexperiment S. von Doug Dorst, einem Literaturdozenten und ausgewiesenen Quizshow-Champion, und J.J. Abrams, jüngst erfolgreicher Regisseur der neuen Star Wars-Episode und früher infamer Kopf hinter Lost, setzte der Liebe auf das erste Wort in den USA bereits 2013 ein ansehnliches Denkmal. Im vergangenen Herbst erreichte es auch den deutschsprachigen Hafen. Nachdem man den Schuber von S. per Durchbrechung eines Siegels betritt, findet man ein vergilbtes Bibliotheksbuch vor. Es stammt von einem gewissen V.M. Straka und hört auf den Namen Ship of Theseus, der auf ein klassisches Gedankenspiel verweist. Wer das Buch nun aufschlägt, kann sich in der Einleitung über den fiktiven Autor informieren und sodann den Roman goutieren. Kann. Denn noch auf der Titelei beginnt ein ganz anderer Roman, wiedergegeben in den handschriftlichen Annotationen zweier Literaturstudenten, die einen langen Dialog über den okkulten Straka in den Kopf- und Fußzeilen, entlang der Seitenränder führen, und überhaupt jede freie Ecke ausnutzen, um allerlei Senf dazuzugeben oder ihre allgemeinen Weisheiten über das Leben miteinander zu teilen.

Man darf sich durchaus fragen, ob diese Gesprächsform, die auf dem täglichen Austausch des Buches in der Bibliothek einer Ostküstenuniversität basiert, nicht ein wenig umständlich erscheint, insbesondere, wenn man die durchaus penetranten Small-Talk-Passagen in Betracht zieht. Doch die praktische Nachvollziehbarkeit des Buches anzugreifen, bedeutet auch zu ignorieren, dass jegliche Plausibilität eigentlich von Anfang an über Bord des Theseus-Schiffes geworfen wurde. Ungereimtheiten und allzu viele Klischees verdichten seit jeher die Spannung, beeinträchtigen hier bis zur Enttäuschung die ansonsten langatmige Lektüre.

Die Akribie der Gestaltung von S. ist derweil phänomenal: In verschiedenen Farben und mit diversen Schreibgeräten vorgenommene Kommentare reagieren mit mathematischer Präzision auf den Romantext, aufeinander, auf die Fußnoten und erzählen über dieses Zusammenspiel insgesamt drei Geschichten, in denen Literatur und Leben miteinander überkreuzt werden. Erstens haben wir den eigentlichen Romantext, in dem ein an einen nebligen Hafen geschwemmter Unbekannter sich mit Hilfe einer Gruppe revolutionärer Agitatoren auf die Suche nach seinem Gedächtnis macht, dabei zwischendurch immer mal wieder an Deck eines mysteriösen Schiffes ,schanghait‘ wird. Zweitens geht es um die Identität Strakas selbst, der in Ship of Theseus möglicherweise einen Schlüsselroman zur Klärung seiner Biographie hinterlegt hat. Die Nähe zu großen literarischen Phantomen wie B. Traven oder Thomas Pynchon liegt auf der Hand, zumal sich das Buch die politische und nautische Thematik von ersterem borgt, von letzterem die Paranoia des Einzelnen in einer von ihren Zeichen verschlüsselten Welt. Deutlich erinnert der Stoff allerdings auch an das Fiktionsmammut 2666 von Roberto Bolaño, in dem eine Runde eifriger Germanisten die detektivische Suche nach einem fiktiven Schriftsteller namens Benno von Archimboldi vorantreibt. Dorsts und Abrams hübsche Spielereien, dies ist kein Geheimnis, können keinem der genannten Autoren literarisch das Wasser reichen. Nichtsdestotrotz steht drittens die Arbeit jener beiden Literaturstudenten Jen und Eric an Strakas Roman im Mittelpunkt des Ganzen. Sie gerät zur epitextuellen Überlieferung eines romantischen Thrillers. Im Zuge ihrer Beschäftigung mit Straka werden beide mehr und mehr in einen Strudel gerissen, der das literarische Leben der Bücherwürmer wolkenkratzerhoch überfordert. Die Verbindung zwischen den einzelnen Handlungssträngen entsteht über jeweils bedrohte Liebesgeschichten, flottiert von einer ganzen Armada an Verschwörungs- und Agentenmärchen sowie weiteren Zutaten aus Campus Novels, Scrapbooks und Rätselheftchen.

Irritierend wirkt dabei das wohl unlösbare Problem, aus den Anmerkungen zwar zu erfahren, dass Straka zu den großen Poeten des 20. Jahrhunderts zu zählen sei, mit seinem Ship of Theseus aber einen Roman direkt vorliegen zu haben, der den Beweis dafür um Längen schuldig bleibt. Obwohl es eine durchaus interessante und gut recherchierte Verschwörungsgeschichte um jene Gruppe von Anarchisten erzählt, die im hochkapitalistischen und totalitären Europa des frühen 20. Jahrhunderts gegen einen Großindustriellen kämpft, liefert Dorst – der wohl als Hauptautor gelten darf – eher seichte Kost. Mit der rahmenden Ingredienz der sentimentalen Romanze zwischen Jen und Eric kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass im Stile gegenwärtiger Young Adult-Epen – sei es Hunger Games oder Maze Runner – eher ein postpubertäres Lesepublikum anvisiert wird. Jen, der weibliche Part, ist quirlig, klug und sympathisch. Außerdem löst sie jedes noch so komplizierte Rätsel in Rekordzeit, recherchiert alle verborgenen Details mit wachem Blick. Eine zweite Lisbeth Salander, nur nicht so krass und einprägsam. Eric, der Boyfriend, glänzt als einsiedlerisches, autistisches Literaturgenie. Beide sind im Kampf mit den Sorgen des Erwachsenwerdens und -seins vereint, inkarniert von den privilegierten, aber ewig gestrigen Eltern. Sie ergänzen sich im Laufe der Handlung zu einem intellektuellen Kugelmenschen, dessen Amalgam das gemeinsame Bestehen eines gefährlichen Abenteuers sein wird.

Es ist kaum zu leugnen: Der Grund, diesen Text zu lesen, bleibt sein Drucksatz. Dieser könnte als engagiertes Plädoyer für die Materialität des Gutenberg-Kosmos kaum vehementer darauf insistieren, S. in Buchform wahrzunehmen. Einerseits. Auf der anderen Seite nämlich schöpft es genau die Kompetenzen ab, unter denen die Befürworter von Konzentration und geistiger Ausdauer seit Jahren leiden: das Abschweifen in andere Spalten, die Überforderung durch das gleichzeitige Aufleuchten von Smartphone, Tablet und Laptop, die Ablenkung durch die vielen parallel geöffneten Tabs des Webbrowsers. Die Lektüre fordert enorme Genauigkeit und Geduld vom Leser, während sie die Kontinuität seiner Aufmerksamkeit mit jeder Seite, jedem zusätzlichen Fundstück aufs Höchste gefährdet. So merkt man leider allzu deutlich, wie leicht man sich irritieren lässt von all den Beigaben in den Fußnoten und am Rand, zeitweise auch durch formidabel gestaltete Fundstücke in Form von Postkarten, Fotografien, Briefen, beschriebenen Servietten und unzähligen weiteren Schmuckstücken. Die Ungeduld wird beim Lesen zuweilen nicht gedrosselt, sondern bestärkt.

Literarisch ist das Buch so wertvoll wie eine Telenovela. Jeder, der mal ein Literaturseminar miterlebt hat, weiß nach Lektüre von S. endlich wie sich Polizisten nach einem Tatort oder Ärzte nach einer Folge Emergency Room fühlen dürften. Da hilft auch der sicher naheliegende Verdacht nicht zur Qualitätsrettung, dass bei all den Passwörtern und Konspirationen vielleicht im Buch selbst noch ein verborgenes Geheimnis schlummert und darauf wartet, vom Leser entdeckt zu werden. (Warum etwa steht diese Ausgabe von Jen und Eric uns als Lesern überhaupt zur Verfügung?) Gestalterisch hingegen liegt ein Meisterstück vor. Ship of Theseus wurde von Jen und Eric schon perfekt interpretiert und kommentiert. Für uns bleibt kaum etwas übrig, nur der Besitz eines prächtigen Bandes, den jeder Bibliophile mal gesehen, aber nicht zwingend von A bis Z gelesen haben muss.

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