Tragikomik von Räuber und Gendarm. Fargos zweite Staffel


Serienkritik

Deutsche Migranten: Dieses Thema eröffnet eine Perspektive, die derzeit – wenn auch in Umkehrung – nicht aktueller, kaum lehrreicher sein könnte. Während hierzulande die chauvinistische Angst vor etwaiger Kriminalität Geflüchteter ihrerseits beängstigende Dimensionen erreicht, erzählt uns die zweite Staffel der Serie Fargo das bis dato unterbelichtete Kapitel der mit deutschem Migrationshintergrund ausgestatteten organisierten Kriminalität in den USA. Angesiedelt gegen Ende der 1970er-Jahre umspannt der Plot eine Krise, in die sich die ehrenwerte Familie Gerhardt teils selbst manövriert hat, die zum anderen Teil aber auch das Ergebnis äußerer Umstände ist. Familienoberhaupt Otto, gewissermaßen der Bismarck seines kleindeutschen Schutzgeldterritoriums, erleidet einen Schlaganfall. In bester Tradition feudaler Erbfolgekonflikte konkurrieren die Söhne untereinander um die Entscheidungshoheit in der anstehenden Auseinandersetzung mit einem anderen Kartell, das diese momentane Kopflosigkeit der Gerhardts ausnutzen möchte. Mittendrin werden die Frauen der Familie zum Zünglein an der Waage. Insbesondere die Interimskanzlerin Floyd Gerhardt (Jean Smart), die resolute Mutter des Clans, nutzt die Gelegenheit, ihr strategisches Geschick unter Beweis zu stellen. Doch eine dabei ausgebrochene Zerrissenheit zwischen familiärer Bindung und emanzipatorischem Kalkül könnte kaum charakteristischer sein für den eigenen Anachronismus, an dem die Gerhardts zugrunde gehen. Ihr Abstieg nämlich, so eine der vielen möglichen Erkenntnisse der Geschichte, entspringt dem mangelnden Gespür für die Zeichen der Zeit, dem Beharren auf einem archaisch geprägten operativen Geschäft, das inmitten des beginnenden Spätkapitalismus einfach nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

Währenddessen verschärfen sich die Fronten aufgrund weiterer Fügungen an der Peripherie. Der jüngste Spross Rye Gerhardt (Kieran Culkin) möchte sich mit einem eigenen Unterfangen in der Familie etablieren. Sein Dilettantismus führt in einen folgenreichen Stand-Off gegen eine rhetorisch geschliffene, mit der Kraft ihrer Parabeln ausgestatteten Richterin vor der Kulisse eines einsamen Diners. Ausgerechnet anhand dieser alternativen Mutterfigur muss der Schmalspurganove einsehen, dass er dem Spiel nicht gewachsen ist: Wie aus einem billigen Gangsterstreifen versucht er an einer Stelle, der Richterin die Alternative zwischen dem leichten oder dem harten Weg anzubieten. Sie unterbricht sein Palaver, was zu einer Überkreuzung beider Wörter – „easy“ und „hard“ – führt. Diese Vermischung der Extreme wiederholt die ironische und zugleich tragische Komponente der Serie: Es könnte alles so leicht sein, der Frieden ist gar nicht so unerreichbar weit weg, und doch sind es die kleinen wie auch notwendigen Unwägbarkeiten und Kollisionen in der conditio humana, die jede noch so simple Angelegenheit in Missverständnisse führt, die Sachen verkompliziert und lawinenartige Kräfte in Bewegung setzt, angesichts derer die genügsame US-Provinz in einen Zerstörungsstrudel gerissen wird.

Fargos zweite Staffel übersetzt die Sprache der Coen-Brüder, deren anderthalbstündiges Original aus dem Jahr 1996 doch eigentlich schon so auserzählt wirkt, endgültig in das Format der TV-Serie, ohne dass sie hierzu durch ein Nadelöhr gepresst werden müsste. Ein großartiger Triumph, wie subtil die inhaltlichen und stilistischen Kontinuitäten zwischen der ersten Staffel und dem Film gewahrt werden, ohne der Redundanz zu verfallen. Autor und Showrunner Noah Hawley hat ein bemerkenswertes Gespür für das Wesentliche, wenn es um die Destillierung einer Filmmythologie in die Gesetzmäßigkeiten seines eigenständigen Stils geht.

Die eindringlich inszenierte und exzellent erzählte Geschichte lebt insbesondere von den einprägsamen Figuren, die mit ebenbürtigen Schauspielern besetzt wurden. In der Hauptrolle verschafft Patrick Wilson ein charmantes Wiedersehen mit einer jüngeren Version des aus der ersten Staffel bekannten Lou Solverson – einem State Trooper, der immer wieder zwischen die beteiligten Akteure gerät und dadurch bestens seine auch erzählerisch brisante Rolle als Vermittler der Fronten ausfüllt. Unter seiner Regentschaft entfaltet sich sodann das bis zum kleinsten Nebencharakter erinnerungswürdige Ensemble. Da ist zum Beispiel der Manager des konkurrierenden Syndikats aus Kansas City, der die Zeichen der Zeit erkannt hat und sich bei der Präsentation der neuesten Entwicklungen im verschneiten Norden auf den Overhead-Projektor und schematische Analysen verlässt. PowerPoint wirft seine Schatten voraus, wenn die Neoliberalisierung selbst der anarchischen Mafia-Gruppen zu den Tendenzen der ausgehenden Hippie-Epoche zu zählen ist. Die vielleicht strahlkräftigste Figur der Staffel ist indes ein von den Gerhardts adoptierter First Nation namens Hanzee (Zahn McClarnon) – wie der von Billy Bob Thornton in der ersten Staffel verkörperte Lorne Malvo ein Killer ex nihilo, der sich als hochprofessionelles Faktotum für seine Adoptivfamilie verdingt. Es ist gerade diese Herkunftsdebatte um Hanzee, die im Unterschied zu Malvo diesmal eine enorme politische Aufladung zulässt. Kurz vor der Reagan-Ära angesiedelt, beschäftigt sich Fargo wiederholt mit der Geschichte der Diskriminierung amerikanischer Ureinwohner und lässt dabei auch die denunziatorischen Traditionen ihrer filmischen Repräsentation nicht außen vor.

Die Identitätsfindung der Verlierer des Kolonialismus wird von der kleinbürgerlichen Langeweile in den Städten und Dörfern North Dakotas und Minnesotas kontrastiert. Die heikle Verantwortungslosigkeit vor der eigenen Geschichte prägt hinter der Fassade von Einfamilienhäusern, Fleischermärkten und Großraumkneipen eine kollektive Psyche aus, deren Verästelungen in die tragischen Gewaltwellen führen. Es bleibt faszinierend, wie viele von den neuen Qualitätsserien bereits seit Jahren ihren Stoff aus der Widersinnigkeit von sozial kompatibler Maskerade und innerer Boshaftigkeit gewinnen. Seien es Dexters Kämpfe um die Vereinbarkeit der beiden schon plakativ auseinander gelegenen Pole Serienmord und Polizeiarbeit, sei es das Doppelgesicht von Frank Underwood in House of Cards: Überall geht es um den strukturellen erzählerischen Zündstoff, den keine Serie so zentral im Titel mit einem Namen ausgestattet hat wie Breaking Bad. Das Schlechtwerden derer, die eigentlich gut zu sein haben, und die schlecht werden, weil sie gut zu sein haben, kurzum: Der moralische Erwartungsdruck wird in all seiner amoralischen Aufforderungsgeste wie kein anderes Thema im amerikanischen Quality TV bearbeitet. Bereits die Sopranos schöpften hier aus den Vollen, wenn ihre entscheidende Motivation diejenige des therapiebedürftigen Familienvaters ist, der seine soziale Rolle nicht mehr ganz so gut mit der anderen, professionellen und zugleich ideologischen Identität als Boss der Bosse in der New Jersey Mafia vereinbaren kann. Auch Fargos erste Staffel presste dieses Thema aus, indem Martin Freeman mal wieder den von Stärke und Schwäche irritierten Neuen Mann zu spielen hatte. In Staffel zwei übernimmt nun eine erfrischende Kirsten Dunst die Aufgabe, ihr beschränktes kleinbürgerliches Dasein von einem alternativen Leben infizieren zu lassen. Nach Freemans Lester Nygaard (und William H. Macys Rolle des Jerry Lundegaard in Fargo, dem Film) vertritt sie den dafür reservierten Posten der strohblonden Skandinavierin. Ihre Peggy Blumquist könnte bald als die bisher beste Variation der zeitlosen Figur gelten: Von allen Vertretern hat sie am meisten Rückgrat und ist doch an Irrationalität und bipolarer Sprunghaftigkeit kaum zu überbieten. Ein bemerkenswerter Auftritt.

Die nordeuropäisch geprägte amerikanische Schneewüste: Sie bildet den Hintergrund einer ironischen, zynischen Gangsterballade, deren Komplexität sogar durch die absurde Einführung eines wiederkehrenden UFOs nicht gefährdet, sondern bereichert wird. Wie sich hier die außerirdische Vogelperspektive als Mittel wunderschöner Kamerafahrten über Wald und Eis inszeniert und mit den zahlreichen Facetten des dicht geschriebenen Drehbuchs alliiert, ist auch ein filmischer Genuss. Es bleibt zu wünschen, dass eine bereits bestätigte dritte Staffel im selben Maße sich von den hohen Vorgaben seiner Vorgängersaison zu emanzipieren vermag und uns weiter die ätzenden, manchmal auch nur schwer zu ertragenden Geschichten von Leben und Tod aus dem winterlichen Biotop in und um Fargo zu überbringen weiß.

Fargo ist in Deutschland auf Netflix erhältlich.

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