Über die britische Mini-Serie River 1


Serienkritik

Der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård, bekannt unter anderen aus einigen Lars-von-Trier-Filmen, spielt in der Serie River den gleichnamigen Kommissar River. Seine Kollegin, mit der ihn auch eine Freundschaft verband, wurde erschossen, jetzt sucht er den oder die Mörder. River ist ein Einzelgänger, der sich in der Welt der Lebenden oft verloren fühlt und sich lieber mit den Toten unterhält. Ganz buchstäblich. Er sieht sie nämlich und kann mit ihnen reden – aber es handelt sich nicht um Gespenster, es sind eher Manifestationen, so nennt er es wenigstens selbst, „Hirngespinste“ könnte man auch sagen. Ihr Charakter kann sich verändern, wenn er etwas Neues über sie herausfindet, und sie helfen ihm dabei, Morde aufzuklären. Doch wo hört ein kontrollierter Umgang mit hilfreichen Fantasien auf und wo fängt eine ernsthafte psychische Erkrankung an? Sein Chef meint zum Beispiel: River verhält sich komisch, er hört wahrscheinlich Stimmen, er ist verrückt. Diese Frage stellt River sich auch selbst: Was unterscheidet mich von den vor sich herbrabbelnden Wahnsinnigen in der U-Bahn? Er ist ein aus der Zeit gefallener, immer in perfekten Anzügen gekleideter Dandy, der in einer ebenso perfekt eingerichteten Wohnung lebt. Er liest Bücher und hört Schallplatten. Er ist ein Feingeist. Aber trotzdem: Ist er nicht auch ein Wahnsinniger? Und ist dieser Wahnsinn ein Problem für seine Arbeit als Kommissar?

In den Gesprächen mit der jungen Polizei-Psychologin kommen diese Fragen immer wieder auf, doch River stellt sich stattdessen erst einmal als eine Art Outlaw dar, als ein Fremder, der durch die Hypermoderne der Londoner City streift und nirgendwo dazugehört. Seine problematischen Erfahrungen mit menschlichen Bindungen kommen nur langsam ans Licht. Gleichzeitig ist er auch Flüchtling, der als Kind aus Schweden kommend, ohne funktionierende Familie, in London strandet. Die Serie schafft es dabei, die Thematik des Anderen, der sich in fremder Umgebung zurechtfinden muss, der als Verrückter gilt, mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte zu verbinden – auch wenn es sich bei Rivers Migration natürlich nicht um eine Flucht vor Krieg oder Hunger handelte. Behutsam und subtil werden Vorurteile, die auch River hat, entkräftet. Denn jeder ist für irgendjemanden, der anders ist, immer auch Fremder.

Unterstützt wird dieser Topos durch die Ästhetik der Serie. Perfekt komponierte Bilder der Hochhauskulisse Londons lassen den Eindruck entstehen, hier werde eine zukünftige Stadt gezeigt. Das erinnert an das Paris der Zukunft in Jean-Luc Godards Alphaville, das auch nur das Paris der sechziger Jahre war und trotzdem den Anschein hatte, aus einer anderen Zeit zu stammen. Nie sieht man die touristischen Hot Spots Londons, die Tower Bridge etwa, sondern nur gläserne Bürotürme, funktionale Transitbereiche, sterile U-Bahn-Waggons, dazwischen die kaputten Räume der prekären, modernen Nomaden aus den weniger privilegierten Ländern dieser Welt. Die Bilder sind in grau und blau gehalten, wirken kalt und abweisend. River merkt selbst an, dass es gar keine Bäume mehr gebe.

Zuerst war ich skeptisch, was die Serie betraf. Ein Kommissar, der mit Hilfe von Toten, die er sieht, Fälle löst. Das hörte sich nach einem billigen Mystery-Plot an. Aber davon ist River meilenweit entfernt. Und vor allem durch Stellan Skarsgård, seine Art diesen traurigen, manchmal hilflosen Fremden zu spielen, behutsam, langsam, ohne große Anstrengung, wird die Geschichte glaubhaft. Die Serie River erzählt von den Wahnsinnigen, die vielleicht weniger verrückt sind, als die vermeintlich Vernünftigen, vom Zerfall der Familie, von den seelenlosen Städten des Spätkapitalismus und von der Einsamkeit der in diesen Städten Gestrandeten. Und von der traurigen Erkenntnis, zu spät dran, aus der Zeit gefallen zu sein – und seine Chance auf Liebe verpasst zu haben. Skarsgård dabei zuzuschauen tut so weh, dass es kaum auszuhalten ist. Ein großer Schauspieler in einer großartigen Serie.

River ist im Angebot bei Netflix.


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