Pop und doch kein Pop – David Bowies Blackstar


Albumkritik

Etwa in der Mitte des zehnminütigen Ungetüms von Lied, das David Bowie kurz vor seinem Tod als erste Single aus seinem neuen, gleichnamigen Album Blackstar auskoppelte, entfaltet der alte Magier noch einmal seinen Zauber. Und es ist seine unvergleichliche Stimme, die uns plötzlich in die siebziger Jahre versetzt, in die Zeit von Ziggy und dem Thin White Duke. Dieser wehmütige Ton, der den zuckenden, düsteren ersten Teil des Lieds plötzlich durchbricht, ausgerechnet mit der Zeile: „Something happend on the day he died.“ Ja, David Bowie konnte hinreißende Pop-Melodien schreiben und sie umso hinreißender singen. Soll man diese unglaublichen Songs aufzählen? Changes, Life on Mars, Heroes, China Girl – die Liste könnte noch lange vorgesetzt werden.

Auf Blackstar findet sich kein solch perfekter Pop-Song – aber vom Pop hatte sich Bowie im Prinzip schon Mitte der 80er Jahre nach seinem Hit-Album Let’s Dance wieder abgewandt. Er sah sich als einen Künstler – und das ist für einen Popmusiker in seinem Alter nicht gerade gewöhnlich –, der immer wieder neue Grenzen austestet, immer wieder neue Experimente wagt. Elektronische Klänge in den 90er Jahren zum Beispiel, nun auf Blackstar verwirren Jazz-Bläser, die ein wenig an die Experimente von Radiohead auf ihren Alben Kid A und Amnesiac erinnern. Auch das treibende Schlagzeug in manchen Songs, das gegen die wehmütige Stimme Bowies arbeitet, erschwert den Zugang zu diesem Album. Und im Video zu Blackstar sieht man eine düstere Postapokalypse, mit blindem Bowie und Monstern an Kreuzen. Das ist vielleicht alles etwas zu viel, zu arty.

Vielleicht liegt es aber auch an meinem defizitären Blick auf Bowie. Ich mag ihn als Popstar. Ich will einfach immer wieder diese perfekte Passagen hören, wie in der Mitte von Blackstar. Oder bei Lazarus, als Bowie auf einmal beschwingt und unendlich wehmütig singt: „By the time I got to New York / I was living like a king.“ Und später: „This way or no way.“ Und dabei die Bläser einmal flächiger werden. Ohnehin ist das wahrscheinlich der stärkste Song auf dem Album – und die Nachwelt wird nie wissen, ob er auch als so etwas wie ein Vermächtnis gedacht ist. Aber die ersten Zeilen sind einfach so unfassbar traurig, dass man sie gar nicht hören kann, ohne zu denken, wie schade, dies ist nun das letzte Bowie-Album: „Look up here, I’m in heaven / I’ve got scars that can’t be seen / I’ve got drama, can’t be stolen / everybody knows me now.“

Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *