# letsbinge. Zur Fresshaltung in Orange is the New Black.


Serienkritik

Die letzten Kalorien des verdauten Weihnachtsbratens sitzen noch fest eingenistet links unter dem Bauchnabel und sträuben sich, wieder von dannen zu gehen. Die Weihnachtszeit ist digestiv noch so nah, da wird man ja wohl noch mit einem religiösen, ja christlichen Amuse Bouche anfangen dürfen? In einer berühmten Szene aus David Finchers Se7en frisst sich ein eh schon viel zu dicklicher Mann wortwörtlich zu Tode. Jeder kennt die Szene, auch diejenigen, die wie ich zu viel Schiss haben, den kompletten Film zu schauen (Gott sei Dank, ist ,Schiss‘ keine der sieben Todsünden). Vor allem in und nach der Weihnachtszeit fühlt man noch mehr Empathie mit dem armen Mann und empfindet den qualvoll deliziösen Tod, den er erleidet, am 24., 25., 26. und vielleicht sogar an den darauffolgenden Tagen allzu realistisch nach.

Genau auf diese scheinbar zeitlose Völlerei, bei der man jeden Abend denkt, das letzte Abendmahl vor sich zu haben, stellt sich die beliebte Streamingplattform Netflix ein und wirbt zur fettigen Jahreszeit mit dem Imperativ: Friss! Let’s binge! Im Deutschen ist das noch recht junge kulturelle Phänomen des Binge-watching laut Wikipedia mit ,Komaglotzen‘ oder ,Marathonglotzen‘ zu übersetzen, was beides doch meilenweit am ursprünglichen Wort vorbeizielt (die erste Übersetzung hat nur den passiven Zustand danach im Blick, während der zweiten ganz die exzessiv-maßlose Dimension verloren geht und es zu einer körperlichen Ertüchtigung erhebt). Die Relevanz des im neo-puritanischen Konsumzeitalter sozial akzeptierten Lasters des bekannteren Binge-drinking ist nicht zu unterschätzen. Binge-watching schaffte es nicht umsonst im Jahr 2013 auf die Shortlist des Oxford Dictionaries Word of the Year. In just diesem Jahr begann Netflix zum ersten Mal ganze Staffeln auf einmal zur Konsumierung bereitzustellen. Kulinarisch gesehen bedeutet dies den Wechsel von einem x-Gang Menü, das sich gerne über Wochen und Monate zieht, hin zu einem Supersize Menü, das man auch an einem Abend verschlingen kann.

Die Serie, die zwar nicht die erste war, die in so einem Format bereitgestellt wurde, aber sich meines Erachtens am meisten mit dieser Rezeptionshaltung beschäftigt, heißt Orange is the New Black, die auch im Jahr 2013 erschien. Basierend auf der Autobiographie von Piper Kerman’s eponymen Memoir, erzählt die bis dato dreistaffelige Serie die Inhaftierung der WASP-Zufallsgaunerin Piper Chapman (Taylor Schilling), die in eine Strafanstalt kommt, weil sie ihrer Ex-Freundin beim Drogenschmuggel behilflich war, allerdings ohne davon zu wissen.

Mir geht es hier aber gerade nicht um den Plot, sondern darum, wie die Serie sich auf dieses Rezeptionsphänomen bezieht und es kommentiert, denn im Gegensatz zu anderen typischen Binge-Verdächtigen wie Game of Thrones oder House of Cards – „If they want to binge then we should let them binge“, sagte jüngst Kevin Spacey und man kann das symbolische auf-den-Tisch-mit-dem-Ring-Klopfen nicht wegdenken –, reflektiert die unscheinbare Sendung genau dieses Sehverhalten, wie ich finde, auf schlaue Weise.

Zum einen bewirbt Netflix seine Serienhits Better Call Saul, House of Cards, Narcos, aber auch Orange is the New Black mit dem Hashtag letsbinge zur gerade vergangenen Weihnachtszeit plattformübergreifend und promotet die Verschränkung von kulinarischem, konsumwirtschaftlichem und kulturellem Exzess. Da hilft es auch nicht mehr, oder scheint vielmehr sogar äußerst heuchlerisch, dass die im gleichen Jahr geschaltete ‚Binge Responsibility‘-Kampagne vor den ‚Gefahren‘ dieser Rezeptionserfahrung warnt. „See your friends“, „You used to have a real life“, spricht dort Taylor Schilling von oben herab – und vor einem therapeutisch anmutendem Hintergrund – in die Kamera.

In Staffel 1 geschieht dies aber auf viel interessantere und komplexere Art und Weise. Bereits in der ersten Episode werden wir mit den zwei radikal unterschiedlichen Lebenswelten der Hauptfigur konfrontiert. Die gutbürgerliche, mit Larry (Jason Briggs) verlobte Akademikerin Piper verlässt ihre gewohnte Umgebung, um die laszive, graue Zellenwelt der Vollzugsanstalt kennenzulernen. Nach den ersten traumatischen Erlebnissen der weißen Prinzessin inmitten des diversen Gefängnismilieus ereignet sich der Schlüsselmoment beim Gemeinschaftsessen in der Kantine. Piper, die nur eine Silbe vom Dickensianischen Pip aus Great Expectations entfernt ist, zitiert hier zugleich Dickens‘ andere große Kleinfigur: Oliver Twist. Im Gegenteil zum viktorianischen Waisenkind, der hungernd seinen Master um mehr Essen bittet, schlägt Piper das Essen aber in der Anwesenheit der Kantinenköchin Red aus und beleidigt ihre Künste am Herd. Dies hat eine Doppeldisziplinierung zur Folge. Im Gefängnis wird Piper bestraft und wir müssen ihr in den folgenden Episoden beim Hungern zusehen.

Was hat dies nun mit den Sehgewohnheiten des 21. Jahrhunderts zu tun? Diese Konstellation ist mehr als nur ein Plotpunkt, der die Härte der neuen Lebenswelt ausmalt. Gerade weil die Identifikation zwischen Protagonistin und Zuschauerschaft doch stark angelegt ist (weiß, Mitte 30, gebildet, gut situiert, konsumsüchtig), reflektiert sich in Pipers aufgezwungener Abstinenz ein Kommentar auf den Voyeurismus des sogenannten Quality TV. Sei es bei The Wire, The Sopranos oder Treme: Das Schlüssellochprinzip des modernen Fernsehens basiert auf einem fast schon exotistischen Gaffen von anderen Klassen und Ethnien, anderen sozialen und ethischen Milieus. Dass nun die privilegierte Chapman in ein von Latinas, Afro-Amerikanerinnen, Drogensüchtigen und Kleinkriminellen bevölkerten Knast kommt, ist eine Doppelung des weißen Blickes vor und auf ihre glänzenden MacBooks und iPads. Mit dem Entzug von Essen kommentiert die Sendung damit metaphorisch das Konsumverhalten der Bingers, die sich am Schicksal anderer ergötzen, es in sich reinstopfen. Ob die Serie auch weiter geht, als nur diesen kulturellen Fetisch zu kommentieren? Dafür ist vielleicht eine Szene sinnbildlich. Kurz bevor Piper hinter Schloss und Riegel kommt, bittet sie ihren Verlobten noch, nicht ohne sie Mad Men weiterzusehen. Was der macht, sobald er zu Hause ankommt? Genau das, was wir am Tag nach Weihnachten auch gemacht haben. Ein bisschen Platz für Nachschlag gibt es doch immer.

 

 

 

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